Donnerstag, 26. Dezember 2013

FELIZ NATAL!

Seit Heiligabend bin ich verliebt.

In Rabanadas.

Nein, schön sind sie ja nicht gerade. Sehen ein bisschen aus wie schon mal gegessen. Aber es kommt ja schliesslich auf die inneren Werte drauf an. Und ich kann euch sagen: es gibt nichts Sinnlicheres, als in eine rabanada zu beissen! Das Frittieröl, der Zucker und der Zimt verschmelzen im Mund zu einem göttlichen Ambrosia. Das Brot, getränkt in Milch und Eiern, zergeht einem förmlich auf der Zunge. Eine Sünde, für die es sich lohnt, zu beichten, glaubt mir!! Ja, das Ganze erinnert an Fotzelschnitten, ist aber tausendmal besser! Und zu meinem Glück hier in Rio de Janeiro eine traditionelle Weihnachts-Leckerei. Ich weiss nicht, wieviele Rabanadas ich aufs Mal verdrückt habe, aber ich hätte bestimmt jedes Wettessen gewonnen, und Mama und Papa sind jetzt wohl vollständig von ihrer Sorge abgerückt, ich hätte Anorexie (dass ich eigentlich Vegetarierin bin, habe ich ihnen immer noch nicht gebeichtet). Wenn ich nach meinem Jahrhundert-Sonnenbrand jetzt nicht an Hautkrebs sterbe, dann sicher an Diabetes mellitus oder Herzverfettung.

Aber es war ein steiniger Weg zu diesem Festschmaus an Heiligabend. Am Tag zuvor wurde zuerst mal die gesamte Wohnung geputzt und aufgeräumt, und zwar bis in die frühen Morgenstunden. Auch der Hund musste unter die Dusche, um weihnachtlich schön und rein zu werden. 

Dabei wurde unser teures Argan-Oil-Super-Locken-Shampoo benutzt, wir riechen jetzt also alle gleich, Herrchen, Frauchen, Gringa und Haustier.
Gleichzeitig begann das Gekoche. Mama und Papa hatten sich ganz schön was vorgenommen: Truthahn, Schweinshaxe und Stockfisch (ist jetzt klar, warum ich meinen Vegetarismus in Brasilien vorübergehend beerdigen musste??), Maionnaise-Salat (ich habe schon gelernt: hier in Rio ist Salat niemals grün), Reis mit Gemüse und Rosinen, Farofa (nein, auch mit Zwiebeln und Knoblauch schmeckt das Zeug nach nichts, aber es gehört zu einem brasilianischen Essen einfach dazu), Früchte, Nüsse, Pudding und eben Rabanadas. Natürlich alles selbst gemacht, bei Mama und Papa kommt nichts aus dem Fertigbeutel oder vom Lieferdienst! Aber da sie dieses Menü ja jede Weihnachten zubereiten, ging das Ganze auch ruckzuck. Schwein und Truthahn gab man in die benachbarte Metzgerei zum Braten, und am frühen Heiligabend war der Tisch auf dem Balkon schliesslich reichlich gedeckt. 

Bei diesem Anblick lief mir sofort das Wasser im Mund zusammen, aber leider kamen mir die brasilianischen Gepflogenheiten hier nicht gerade entgegen. Traditionellerweise isst man an Heiligabend nämlich erst nach Mitternacht, nachdem man sich ausgelassen "Feliz Natal!" gewünscht und herzlich gedrückt hat. Allerdings fangen viele Familien schon viel früher an mit dem leiblichen Wohle, schliesslich hat man ja irgendwann mal Hunger. Das war auch unser Plan. Nur: bekannterweise sind Brasilianer ja sehr unpünktlich, und leider liess der geladene Besuch laaaaaaaaaanggeeeeee auf sich warten. Ich musste also in meinem schönen, neuen Sonntagskleid und mit knurrendem Magen vor all diesen Köstlichkeiten sitzen und durfte nur schauen!!! Um die Zeit zu überbrücken tranken Mama und ich mal schnell eine Flasche Rotwein.
So um 11 Uhr waren dann das letzte Familienmitglied und der letzte Freund endlich eingetroffen. Und weil es schon so spät war, beschloss man, grad noch ganz bis Mitternacht zu warten mit dem Essen. Toll. Dem Wein folgte schliesslich Champagner, das Feuerwerk am Himmel zu Ehren Jesu Christi nahm man nur noch verschwommen war - und dann war es ENDLICH soweit! Man durfte über das Buffet herfallen!!!!!! GOSTOSO!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Während man das Essen in sich hineinschaufelte, übertönte man den Krach der Favela mit hauseigenem Disco-Sound aus der Stereoanlage (nix "Stille Nacht, heilige Nacht" oder "Last Christmas"), packte die Geschenke aus, freute sich ausgelassen darüber und dankte überschwänglich dem edlen Spender. Ich bekam - wie könnte es auch anders sein in Brasilien - ein Paar neue Chinelos, also Flip-Flops.

 Ich revanchierte mich mit einer Karte, auf welcher ich in meinem Anfänger-Portugiesisch die ganze Familie schriftlich zum Znacht ins Restaurant nach Wahl einlud. Ein nicht ganz uneigennütziges Geschenk, ich hoffe nämlich auf Sushi oder Spaghetti oder so, und mal nicht auf Frittiertes.

So gegen zwei Uhr morgens hatten wir das Schlachtfeld in der Wohnung behelfsmässig beseitigt. Die Reste des Festmahls (die noch bis Ende Woche reichen werden, und zwar für die gesamte Favela) wurden im Kühlschrank verstaut, die Geschenkpapiere im Müll beseitigt und der Boden rasch geschrubbt, damit man nicht auf Bananenschalen, Fischgräten oder Hundepisse ausrutschte.
Ich fiel als erste totkaputt ins Bett und war sofort weg, brasilianische Festivitäten sind irgendwie sauanstrengend für Gringas. Als ich am Weihnachtsmittag wieder erwachte und durch die Wohnung schlich, waren alle anderen noch am Schlafen, und zwar überall, in der Küche, auf dem Balkon, im Wohnzimmer. Ich beschloss, zusammen mit einer anderen Gringa nach Ipanema zu fahren und verkatert und vollgefressen wie ein angeschwemmter Wal am Strand zu liegen. Es waren perfekte weisse Weihnachten, weiss war der Sand, der Himmel wolkenlos bei drückenden 33 Grad. Ich muss sagen, so gefällt mir das heilige Fest eigentlich viel besser als in Zürich: mit einer Kokosnuss und im Bikini auf meinen Tüechli, den Blick aufs weite Meer gerichtet (und ja, diesmal verteilte ich die Sonnencrème Fakto 50+ auf dem ganzen Körper und mietete mir sogar noch einen Sonnenschirm dazu, man lernt schliesslich aus seinen Fehlern). Schnee und Glühwein sind doch weit überschätzt! :-)
Als ich abends wieder nach Hause in die Favela kam, hatten sich schon neue Gäste auf Mamas und Papas Balkon breit gemacht. Sie waren zum Reste-Essen geladen worden. Ich tat es ihnen gleich, verzichtete diesmal aber auf den Wein.
Vor dem Schlafengehen wurde kurz noch ferngesehen, natürlich eine brasilianische Telenovela und danach ein Konzert von Ich-weiss-nicht-mehr-wem, aber es handelte sich offenbar um den Julio Iglesias Brasiliens, alle in der Familie konnten die furchtbaren Schnulzen mitsingen, auch die 5-jährige Enkelin.

Ou, und dann bekam ich noch das allerbeste Weihnachtsgeschenk von allen! Irgendwie war es Mama und Papa nämlich gelungen, unsere Dusche so zu präparieren, dass sie nun auch HEISSES Wasser ausspuckt! QUE LEGAL!!!!!! Weihnachten, Geburtstag, Streetparade und 1. Mai zusammen ist das für mich! Fertig mit Turnübungen unter der Brause, die Züri-Tusse wäscht sich wieder gerne! Muito obrigada, Papai Noel!!!

Und ich weiss, dass im Kühlschrank noch ein paar Rabanadas übrig sind...

Montag, 23. Dezember 2013

Garota da Ipanema? Da Favela!

Olha, que coisa mais linda
Bem cheia de graça
É ela menina
Que vem e que passa...

Neulich hätte der Taxifahrer, dem ich an der Copa Cobana total gestresst in den Wangen sprang, da ich mal wieder die Zeit vergessen hatte (ich war shoppen), beinahe einen Unfall gebaut. Denn er verwechselte für einen kurzen Moment Gas- und Bremspedal, als ich ihm von mir erzählte.
"Eine Schweizerin Mitte dreissig, gebildet und mit regelmässigem Einkommen, die Portugiesisch lernt und freiwillig in Rio de Janeiro in einer Favela lebt??!" - er konnte es fast nicht glauben. Ob er meine Geschichte denn aufschreiben dürfe, denn er führe einen Blog über seine Erlebnisse als Taxifahrer. Klar, meinte ich, aber ob ich denn auch interessant genug dafür sei? "Com certeza!", nickte er heftig.

Ja, tatsächlich, wie schon erwähnt, wohne ich hier nicht im schicken Ipanema oder mittelständigen Catete oder so, nein, mich trennt ein halber Regenwald von Zuckerhut und Corcovado. Und das schockiert hier nicht nur die geschwätzigen und sehr freundlichen Taxifahrer, sondern eigentlich alle, die nicht so wohnen wie ich. 
Ich lebe bei einem brasilianischen Paar in einer sogenannten Comunidade (Gemeinde), was etwas hübscher klingt als Favela.  Bei Favela denkt man ja auch immer gleich an die berühmten Bilder mit den farbigen, halb verfallenen Bretterbuden ohne Fenster und Dach, die sich dicht gedrängt an der Flanke eines Berges übereinandertürmen. Das ist dann übrigens Rocinha, die grösste Favela in Südamerika, und ebenfalls in Rio. Eine geschätzte Viertelmillion Menschen klebt dort auf engstem Raum zusammen. Ich war auch schon zu Besuch, denn Mama und Papa haben in Rocinha Familie. Nun, ich wurde nicht überfallen, ich sah auch keine schwer bewaffneten Polizisten und nicht einmal die Touristenströme, die offenbar tagtäglich durch die engen Gassen dort geführt werden. Aber ja, der Platz in Rocinha ist sehr knapp, die Wohnungen sind ziemlich heruntergekommen (ausser der riesige Fernseher, der in brasilianischen Haushalten einfach Standard ist), die Familie teilt sich ein Schlafzimmer und vor dem Fenster hängen einem die Stromleitungen direkt ins Gesicht. Nicht ganz so extrem, aber doch ähnlich sind die Verhältnisse in meiner Favela. Die Wohnung ist in einem abbruchreifen Haus (auch farbig) und sehr klein. Manchmal teile ich mir das Bett mit der 5-jährigen Enkelin, wenn sie zu Besuch ist. Die anderen schlafen im Wohnzimmer auf Sofa und Boden. Privatsphäre ade. Und meine Zürcherische Eitelkeit kann ich hier auch grad vergessen, denn ich habe kaum Platz, all meine Töpfchen, Stiftchen und Pinselchen auszubreiten. Ausserdem gibt´s nur ein Bad für alle. Und das auch nur mit  kaltem Wasser, was, wie ich schon sagte, das Allerschlimmste für mich ist!! Mama und Papa sieden mir zwar immer extra einen Topf Wasser auf, aber eigentlich schäme ich mich für diese Memmenhaftigkeit. Ich zwinge mich somit immer öfters unter das kalte Wasser, und es ist wirklich die Hölle! Nur Haare waschen oder nur duschen geht grade noch so halb, aber nasse Haare UND alles andere auch nass ist einfach ein Ding der Unmöglichkeit! Da könnte ich schreien!! Ich gebe deshalb wohl ein ziemlich albernes Bild ab unter der Dusche: ich renne 3, 4 Mal unter der Brause durch, so schnell wie möglich, oder ich halte den Kopf unter den Wasserstrahl, aber den Hintern so weit weg wie möglich, damit mich auch ja kein Tropfen treffen kann, abgesehen am Kopf.

Aber viel schlimmer als kaltes Wasser ist KEIN Wasser, wie das gerade jetzt wieder der Fall ist. So einmal alle zwei Wochen kommt einfach nichts mehr aus dem Hahnen, die Spülung tut nicht, nicht mal das Trinkwasser kann man abfüllen. Ich finde es auch immer toll, dass ich den Wassermangel jeweils erst NACH dem Geschäft auf dem WC bemerke - ist das eigentlich ein göttliches Gesetz oder was??!! Jedenfalls riecht es in der Wohnung etwas streng, wenn´s kein Wasser gibt. Ja, das nervt, vor allem eine Züri-Tussi. Für die Leute hier ist das aber ganz normal und sie regen sich gar nicht erst darüber auf. Und auch nicht darüber, dass sie hier einfach gar nie ihre Ruhe haben. Die Strassen sind gesäumt von Bars, Imbissbuden und unzähligen Läden,  die Favela erinnert eigentlich an einen etwas unordentlicheren Ballermann ohne besoffene Deutsche und sonnenverbrannte Engländer. Die Musik läuft Tag und Nacht. Ich habe das "Glück", dass ich genau über einer Kneipe wohne. Das ist dann nicht so, als hätte der Nachbar das Radio ein bisschen zu laut aufgedreht. Das ist so, als würde man direkt in einer gottverdammten Disco leben!! Und wenn die Musik wenigstens gut wäre! Aber nein, es ist nicht Samba oder Forró, der einem zum Mitschunkeln anregt, es sind die brasilianischen Dance-Hits, ganz  schlimm, so Elektro meets brasilianische Schlager. Und ich kann euch sagen, "Ai, se eu te pego" und " Tche tcherere tche" gehören dabei noch zu den erträglichen Darbietungen! Vorzugsweise werden die Songs allesamt in der Live-Version gespielt, damit man das Gejohle und Geklatsche der Zuschauermassen grad auch noch mitanhören muss. Grauenhaft! Bin ich allein in der Wohnung, hilft nur eins: Stöpsel in die Ohren und den schlechten Krach mit gutem übertönen. Ich muss manchmal fast lachen, wenn mein ipod "Mis Dach isch de Himmel vo Züri" oder "Scharlachrot" shufflet, das kennt hier bestimmt niemand. :-) Will man sich aber mit seinen Mitbewohnern unterhalten, muss man ziemlich laut werden. Und wer einen leichten Schlaf hat, sollte sowieso lieber in eines der Luxushotels am Strand ziehen. Wenn ich es mir einmal mit meinem Guaraná Zero vor dem Fernseher gemütlich mache (was aber sehr selten vorkommt, ich bin eigentlich kaum zu Hause), dann muss ich die Lautstärke voll aufdrehen, was wiederum den Familienhund völlig ausflippen lässt. Der arme muss ziemliche Ohrenschmerzen haben, den ganzen Tag in diesem Krach und das mit so einem empfindlichen Gehör!

Ebenfalls gewöhnungsbedürftig hier ist die Luft. Obwohl umgeben von Bergen und Wald ist in der Favela nichts mit befreit Durchatmen. Es riecht rund um die Uhr nach gebratenem Poulet und fritierten Salgados - zum Einschlafen ist das vielleicht noch tröstlich - aber es ist wirklich nicht das, was ich nach dem Aufstehen am Morgen als erstes erschnuppern möchte! Werden die Leckereien unter freiem Himmel zubereitet, dann liegen die Strassen manchmal auch noch in einem fettigen Dunst.
Und was für mich neben der kalten Dusche das Härteste ist: es gibt kein wifi. Nix whatsapp, nix google, nix Mail, nix Facebook. Dafür und für diesen Blog muss ich in die Internetbude gleich um die Ecke, wo sich die minderjährigen Favela-Kinder stundenlang ihre Freizeit mit äusserst brutalen und VERDAMMT LAUTEN Videospielen vertreiben - die für ihr Alter ganz bestimmt noch nicht zugelassen sind.

Aber eben, auch das ist  Rio. Eigentlich viel mehr als das, was man immer in den schönen Imagefilmen sieht, mit dem Jesus, der hinunter auf die Stadt blickt und den schönen, halb nackten Menschen am Strand. Ins Hotel kann man schliesslich immer, aber ich will lieber richtig leben und erleben, wie Brasilien für die Mehrheit der Einheimischen ist. Zürcher Tussitum hin oder her, da bin ich flexibel.
Aber: War ich geschockt, als ich am ersten Tag in der Favela ankam? Ja, das war ich, natürlich. Nach 14 Stunden Anreise möchte man am liebsten nur noch eine heisse Dusche, ein flauschiges, frisch bezogenes Bett und seine Ruhe. Das konnte ich natürlich grad vergessen hier. 
Aber die Sache ist es wert. Die Leute, die mich beherbergen und die ich hier kennenlerne, sind sehr freundlich und fröhlich. Nein, niemand läuft hier in dreckigen, zerrissenen Kleidern umher, im Gegenteil, man legt sehr viel wert darauf, sich herauszuputzen, gut auszusehen und entsprechend zu riechen. Ich habe auch noch keine Waffen gesehen, keine Schiessereien erlebt und keine Drogen entdeckt (ausser Alkohol, natürlich). Die Menschen, die hier in der Favela wohnen, haben alle ganz normale Jobs. Ja, sie arbeiten, zum Teil schon seit sie 13 sind. Täten sie das nämlich nicht, könnten sie sich auch keine Favela leisten, dann sässen sie auf der Strasse. Aber das tut hier niemand. Alle haben ein Dach über dem Kopf und mehr als genug zu essen. Sie haben ihre Familie und ihre Freunde, sie wirken sehr zufrieden und verfügen auch über den nötigen Galgenhumor, um die nicht ganz so angenehmen Seiten ihres Lebens einfach wegzulachen. Was sie unterscheidet von den Menschen in Ipanema oder Copacabana? Nun, sie können sich das sauteure Rio einfach nicht leisten. Viele von ihnen hatten kein Geld für eine gute Ausbildung. Einige bekamen auch früh Kinder und mussten deshalb so bald wie möglich dazuverdienen. Oder sie mussten ein krankes Familienmitglied unterstützen, denn eine Versicherung haben sie nicht. Das ist alles.

Mich, die Schweizerin mit anständigem Einkommen und Hochschulbildung, die sich in Zürich alleine eine Wohnung leisten kann, die mindestens dreimal mehr kostet als die Durchschnittsmiete hier, die schon viel von der Welt gesehen hat, während sie Rio ein ganzes Leben lang nicht verlassen können, die regelmässig vom Arzt durchgecheckt wird und dafür keinen Kredit aufnehmen muss, die nehmen sie gar nicht erst wahr. Und wenn, dann heissen sie mich herzlich willkommen. Sie sehen mich als eine von ihnen. Und auch, wenn ich hier in der Favela niemals für immer leben könnte, das gebe ich ehrlich zu, tut es doch gut, mal wieder zu merken, dass man auch mit weniger auskommt, als man immer zu brauchen meint. Und dass der Sinn des Lebens einfach irgendwo anders liegen muss als im neusten iphone und den Ferien im Luxus-Spa.

Übrigens: der bloggende Taxifahrer hat mir seine Telefonnummer gegeben. 






Sonntag, 15. Dezember 2013

Eu gosto muito de comer cachorro

Hach, es gibt einfach nichts besseres als Sommer! Wieviel Grad habt ihr gerade in Zürich? Tja, da kann ich nur sagen:
Trotzdem ist das Wetter hier für den brasilianischen Geschmack ziemlich schlecht, denn in den letzten Tagen war es oft bewölkt und hat geregnet. Aber mir kam das gerade recht. Der Wettergott hat Mitleid mit den Leidenden, HALLELUJA!!!!!!! Denn schliesslich waren Strand und leichte Bekleidung für mich diese Woche tabu, ihr wisst schon, wegen meines Sonnenbrands. Ich habe in der vergangenen Woche so ziemlich alle möglichen Varianten der Farbe Rot durchlebt, und jetzt befinde ich mich gerade in der Schälphase. Das bedeutet, dass ich wohl in ein paar Tagen eine komplett neue Haut besitzen werde. Es gibt Leute, die zahlen viel Geld dafür - ich bekomme es gratis, obrigada.
Auch der Bus und ich haben uns langsam angefreundet. Ich weiss nun langsam, wie ich mich am besten festhalte in den mörderischen Kurven, damit ich nicht direkt aus dem Fenster fliege. Und auch, um welche Zeit ich am besten welchen Bus nehme, damit ich vielleicht auch mal 5 Minuten sitzen kann.
Die Brasilianer ertragen ihren himmeltraurigen ÖV mit stoischer Ruhe. Wenn man sich gegenseitig auf den Füssen rumtrampelt, ist das kein Weltuntergang wie im Züri-Tram. Angeflucht wird höchstens mal der Chauffeur ("Ay, tá louco, motorista???!!!), wenn er bei halsbrecherischem Tempo mal wieder eine Vollbremsung hinlegt. Übrigens fuhr ich heute mit Mama Bus, als ihr plötzlich schlecht wurde. Schuld daran war nicht der Fahrstil des Chauffeurs, sondern ein verdorbener Fruchtsaft zum Frühstück. Wir sprangen gerade noch rechtzeitig aus dem Bus, sonst wären nämlich einige Leute vollgekotzt worden und nicht nur das Bänkli an der Bushaltestelle irgendwo im Nirgendwo.
Aber wahrscheinlich hätten die Brasilianer auch für einen Schwall Mageninhalt auf das Haupt Verständnis gehabt, denn ich muss sagen, die Leute hier sind auch im schlimmsten Gedränge sehr nett zueinander. Das ist für mich als Zürcherin ja irgendwie eher ungewohnt, weshalb ich auch ziemlich unfreundlich wurde, als ein junger Mann, der vor mir einen Sitzplatz ergattert hatte, während ich mich krampfhaft stehend an der Stange festhielt, fragte, ob er mir meinen Rucksack abnehmen könne. Ich grinste spöttisch und meinte nur: "Não, estou bom!", stolz darauf, dass ich mir nicht vom erst besten Gauner meine Habseligkeiten abnehmen liess. Denkt der etwa, ich sei blöd oder was??!! Nur, weil ich Ausländerin bin?! Der Mann schaute mich nur irritiert an und wandte sich dann mit der selben Frage an den Herrn neben mir. Und siehe da, dieser gab ihm dankbar seine Tasche auf den Schoss. Ups!! Die Gringa hats aber ziemlich verkackt, dachte mal wieder, alle Brasilianer seien Diebe! Eigentlich eine saudumme Vorstellung, denn in diesem vollgestopften Bus könnte niemand mit einer fremden Tasche oder einem Rucksack davonrennen, er käme keinen Meter weit. Jedenfalls beobachte ich dieses Tasche-Abnehmen nun jeden Tag im Bus. Aber ich muss zugeben, ich behalte meinen doch immer noch am liebsten dicht bei mir. Eben, die misstrauische Gringa. Irgendwie haben all die Horror-Geschichten über das ach so gefährliche Rio eben doch ihre Spuren hinterlassen, auch bei mir.
Aber sonst macht Busfahren langsam Spass. Ich steige auch nur noch bei jedem zweiten Mal fünf Stationen zu früh aus. Hier gibt es kaum angeschriebene Bushäuschen, man muss einfach zum richtigen Zeitpunkt den Halteknopf drücken und es durch das Gedränge ganz nach hinten schaffen, weil man nur dort aussteigen kann. Ich treibe hier deshalb ziemlich viel Sport, ungewollt.
Apropos Sport: den ersten Sambakurs habe ich auch schon hinter mir. Tanzen konnte aber wirklich nur der einheimische Instruktor, uns Europäern und Asiaten liegt dieses Füdlischwingen einfach nicht im Blut. Das sah nicht aus wie beim Carneval, das war eine Mischung aus River Dance und Schmerzen bei Fusspilz.
Dafür wird mein Portugiesisch langsam. Gestern erhielt ich sogar ein Kompliment, als es mich zusammen mit einem Schweizer an irgend so eine brasilianische Abschiedsparty verschlug. Der Schweizer lebt schon rund 3 Jahre in Brasilien und kann sehr gut Portugiesisch. Aber man attestierte mir freimütig, ich hätte nach nur einer Woche Unterricht viel weniger Akzent als er!:-)
Und wenn ich mich mit dem Norweger in meiner Klasse vergleiche, bin ich sowieso ein Supertalent. Der Arme hat nun wirklich null Sprachgefühl, dafür eine brasilianische Freundin. Ich hoffe, die kann Englisch, denn ansonsten möchte ich niemals bei denen zum Znacht eingeladen werden. Er hat im Unterricht nämlich schon ungefähr viermal gesagt, er esse gerne Hund (cachorro) anstatt Grilliertes (churrasco).
Mamas und Papas Portugiesisch verstehe ich allerdings immer noch eher schlecht. Auch ihre SMS kann ich kaum entziffern. Das liegt an ihrem Carioca-Slang und dass sie sich nicht an die Grammatik-Regeln halten wie sie in meinem Portugiesisch-Buch stehen.
Apropos Party: Das Ausgehen hier ist ziemlich billig, denn nach einem halben Caipirinha ist man schon stockbesoffen. Hier kriegt man wirklich Alkohol fürs Geld und nicht nur Limonen und Zucker mit Eis!
Und Apropos leibliches Wohl: meinen Vegetarismus kann ich jetzt vier Monate auf Eis legen, denn Brasilianer lieben Fleisch. Ich habe in meiner ersten Woche in Brasilien noch kein Grün auf meinem Teller gesehen, dafür reichlich Kuh, Sau, Huhn, Fisch und alles, was sich irgendwie fritieren lässt. Ich habe mich nicht getraut zu sagen, dass ich das zu Hause eigentlich praktisch nie esse, ich wollte ihre Freude am Kochen nicht trüben (und sie können das wirklich wahnsinnig gut, sie schaffen es sogar, wunderbar krosse Pommes frites in der Pfanne zuzubereiten, das verdient meinen Respekt!). Aber wahrscheinlich muss ich mir bald ein paar Vitamintabletten besorgen, um nach dem Sonnenbrand nicht auch noch andere physische Gebrechen zu erleiden. Mama und Papa halten mich jedenfalls schon für magersüchtig, denn sie verstehen einfach nicht, warum ich nicht drei Kotelettes aufs Mal essen kann.

Ach, und dann wollte ich euch noch folgendes sagen:
                                           
Desculpe-me, por favor! :-)

Montag, 9. Dezember 2013

O sol não é suiça

Die gute Nachricht: In Rio sind über 30 Grad und die Sonne strahlt, ätsch!!! Fuck you, Winter in der Schweiz, komm doch und hol mich, wenn du kannst!! :-))                                        
Tja, aber jetzt kommt noch die schlechte Nachricht: meinen ersten Tag an der Portugiesisch-Schule konnte ich nicht wie geplant in Shorts und Träger-Shirt angehen, sondern ich musste mir lange Hosen und einen langärmligen Hoodie überziehen. Ich habe das Wochenende am Strand nämlich etwas übertrieben und mir den grauenhaftesten Sonnenbrand in der Geschichte der Menschheit zugezogen - die Sonnencrème Faktor 50+ nützt halt auch nur, wenn man sie sich ÜBERALL einschmiert. Man sieht jetzt genau, welche Stellen ich ausgelassen habe, und es sind nicht grad wenige. Ein wirklich interessantes Muster, ich sehe ein  bisschen aus wie ein Coupe Romanoff, in welchem schon mit dem Löffel rumgerührt wurde. Oder wie einer dieser Glacéstängel Vanille-Erdbeer, die beiden Geschmacksrichtungen fein säuberlich voneinander getrennt. Dazu kommt, dass es nicht nur einfach total scheisse aussieht, sondern mir auch noch höllisch Schmerzen bereitet. Jedes Stückchen Stoff auf meiner Haut fühlt sich an wie ein Bienenstich! Merda, die brasilianische Sonne ist einfach nicht gemacht für kreideweisse Züri-Tussis! Ich war sogar versucht, dieses Bild des Grauens fotografisch festzuhalten, da es an Schrecklichkeit wirklich kaum zu übertreffen ist. Aber ich glaube, ich lasse es, denn es macht mich nur depressiv. Es ist wirklich unglaublich peinlich, wenn man sich in Rio anziehen muss, vor allem als Frau. Nun merkt auch noch der letzte, dass ich keine Carioca bin. Und das Schlimmste: der Strand ist erst mal für ein paar Tage gestorben für mich, caralho!!!! Und Brasilien ohne Strand ist doof. SO!
Übrigens: nein, Mami, ich möchte jetzt keine Kommentare wie "Es ist einfach immer das Gleiche mit dir!" oder "Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich recht eincrèmen!" hören. Es tut schon weh genug.

Ansonsten lebe ich hier zwischen zwei Welten. 
Wohnen tu ich in einer kleinen Wohnung in einer Favela. Also, grad so wie im Film "Cidade de Deus" ist es nicht, es haben sich bis jetzt noch keine Drogenbanden vor meiner Haustür umgebracht oder mich ausgeraubt. Im Gegenteil, alle sind eigentlich furchtbar nett zueinander. Aber für Zürcher Verhältnisse ist es hier doch ganz schön - anders. Vor allem unglaublich laut, Tag und Nacht. Die Wände sind dünn wie Papier, und wenn draussen in der Bar Musik gespielt wird, dann klingt das, als ob die Band direkt neben meinem Bett stünde. Ausserdem nimmt man das hier mit den Arbeits- und Ruhetagen nicht so genau, weshalb auch mal am Sonntagmorgen eine Mauer im Haus nebenan eingerissen wird. Auf der Strasse stapelt sich der Abfall, und es wimmelt einfach immer überall von Leuten, vor allem in den zahlreichen Kneipen rundherum. Darunter sind viele junge Mädchen, so 15, 16 Jahre alt, alle mit dickem Bauch oder Baby auf dem Arm.                                                     
Aber schliesslich wollte ich ja auch das richtige Brasilien sehen, denn die Mehrheit hier in Rio lebt nunmal nicht in einem dieser Riesen-Luxus-Hotels an der Copacabana. Und Mama und Papa (so nenn ich meine Gastgeber jetzt einfach mal, obwohl ich damit vor allem IHR nicht gerade gerecht werde, denn rein altersmässig könnte sie niemals meine Mutter sein, auch wenn sie noch so frühreif gewesen wäre) sind sehr herzlich und machen alles für mich. Gut ist auch, dass sie wirklich nur Portugiesisch können und es ihnen ziemlich egal ist, dass ich sie kaum verstehe. Sie wiederholen alles einfach 10mal in den unterschiedlichsten Variationen, und irgendwann geht´s. So lernt man am schnellsten. Aber ich bin wirklich froh, hab ich mir vor der Abreise noch das wichtigste auf Babbel.com beigebracht, ich wäre sonst nämlich ziemlich aufgeschmissen gewesen!
Brasilianern geht die Familie über alles, und deshalb sind auch immer wieder jede Menge Verwandte zu Besuch, was die sonst schon eher prekären Platzverhältnisse noch zusätzlich einschränkt. Mir ist´s manchmal schon ein bisschen gar zu kuschelig, obwohl wirklich alle sehr nett sind. Am liebsten mag ich die kleine Enkelin, ich glaube, sie liebt mich auch schon heiss, jedenfalls klebt sie dauernd an mir wie ein Kaugummi an der Schuhsohle. Und natürlich ist mir auch der Familienhund Nina, ein nervöser, weisser Pudel, schon ans Herz gewachsen. Heute kam ich nach Hause und das Pack mit den Lindorkugeln (ein Mitbringsel aus der Schweiz) war aufgerissen und die Schokolade allesamt auf meinem Bett verteilt, so dass das Laken jetzt aussieht wie vollge.......n - Nina war´s wohl langweilig. Aber ich frage mich wirklich, wie der Hund das geschafft hat, die Kugeln so feinsäuberlich auszupacken.
Mit wenig Platz, wenig Komfort, kaputten Armaturen, Lärm und einer eher dreckigen Nachbarschaft kann ich gut leben. Die Leute können sich von mir aus auch direkt neben mir erschiessen. Aber was wirklich gar nicht geht, unter gar keinen Umständen ist KALTES WASSER BEIM DUSCHEN!!!!!!!!!!! Unmöglich, ich werde es NIEMALS können, nicht bei 30 Grad Lufttemperatur, auch nicht bei 50 und schon gar nicht in der Wüste! Deshalb müssen mir Mama und Papa jetzt jeweils in der Mikrowelle und auf dem Herd ein paar Töpfe Wasser erhitzen. Das kommt dann in einen Kübel, und wie zu Gotthelfs Zeiten schütte ich mir den dann in der Dusche über den Kopf.

In die Schule gehe ich im schicken Ipanema, unweit des Strandes. Die Fahrt mit dem Bus dort hin dauert gut eine Stunde. Der Weg wäre eigentlich gar nicht so lang, dafür sind es die Autokolonnen. Und stehen muss man im Bus leider auch immer, der ist am Morgen so vollgestopft mit Pendlern, da ist der Drogenshuttle im Kreis 4 zu Stosszeiten ein Paradies dagegen. Und ich wundere mich, wie es die Brasilianer schaffen, in dieser Sardinenbüchse ohne Air Condition nicht zu schwitzen. Mir läuft das Wasser hingegen aus allen Poren. Und ich habe auch noch nicht verstanden, wie man sich am besten festhält, denn wenn der Bus in halsbrecherischem Tempo (wenn er denn mal freie Fahrt hat) die engen Kurven nimmt, schleudert es mich jedes Mal fast zum Fenster raus. Apropos Fenster: wenigstens die Aussicht ist schön, der Bus erklimmt einen Hügel und man sieht auf ganz Rio hinunter. Und die letzte Etappe führt direkt am Strand entlang.
Aber egal, Ipanema ist sehr hübsch und die Schule ganz lustig. Wir sind sechs Schülerinnen und Schüler im Anfängerkurs, ich bin die einzige Schweizerin, dazu gibt´s Schweden, Australier, Japaner und Norweger. Das Klassenzimmer ist ganz einfach eingerichtet, es hat nur eine Wandtafel, irgendwelche superduper Power-Point-Präsentationen und High-Tech-Sprachlabore wie bei uns darf man nicht erwarten. Dafür hat´s gratis Filter-Kaffee, was viel wert ist. Und man kann neben Sprache büffeln auch Samba tanzen, Film kucken und Fussball spielen und so. Muito legal!
Ausserdem zahlt sich auch hier wieder das Babbel.com aus: ich kann schon deutlich mehr als die anderen in meiner Klasse, Streeeeeeeebbbeeerrrin! :-)

So, ich muss wieder ins Dunkle und mich auskurieren. Oh Gott, ich fühle mich wie eine Leuchtpetarde im Spiel FCZ gegen Basel....                                                                       


Sonntag, 1. Dezember 2013

Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Ich kann das Packen wirklich nicht mehr länger hinausschieben, deshalb mache ich mich jetzt dran. Das ist aber echt nicht grad ein Hobby von mir. Ich habe das Talent, für jeden Trip ins Ausland das total Falsche mitzunehmen. Jedes Mal, wenn ich im Hotel den Koffer oder Rucksack aufmache, stehen mir die Haare zu Berge und ich denke: "What the fuck hab ich mir bloss dabei gedacht??!!" Wenn es kalt ist, hab ich nur T-Shirts dabei, wenn es warm ist, sicher drei Rollkragenpullover. Wenn' s ins noble Restaurant geht, hab ich nur Jeans anzuziehen und zum Camping hab ich das Abendkleid eingepackt.  Ausserdem hab ich nie Medikamente dabei, und natürlich ist dann genau keine Apotheke in der Nähe, wenn man welche bräuchte. Irgendwie konnte ich das Problem bisher vor Ort immer noch irgendwie lösen - meistens mit einem Shoppingtrip (den ich eh auch MIT passendem Kofferinhalt gemacht hätte) oder indem ich mir die fehlenden Dinge bei Mitreisenden auslieh. Aber irgendwie muss ich feststellen, dass mit steigendem Alter die Toleranzschwelle bezüglich Feriengepäck deutlich sinkt. Und deshalb hab ich mir nun vorgenommen, für meine vier Monate in Brasilien ALLES richtig zu machen! Ich will mich FREUEN, wenn ich am ersten Abend in Rio meinen Rucksack aufmache (wenn er denn auch mit mir am selben Ort und zur selben Zeit eintrifft)! Ich will denken: "Super! Genau das und das kann ich jetzt anziehen, das passt perfekt! Zum Glück habe ich das und das mitgenommen!". Ich will in meinem Necéssaire mindestens eine Zahnbürste und einen Haargummi vorfinden. Das Anti-Mückenspray zur Hand haben, wenn es in der Nacht rund um meinen Kopf surrt. Ein Pflaster, wenn ich mich irgendwo schneide. Die Schmerztabletten beim Sonnenstich. Und ich will weder frieren noch unnötig schwitzen. 
Also gehe ich das Packen dieses Mal anders an. Zum Beispiel habe ich mir einen neuen Rucksack gekauft, obwohl der alte noch tipptopp in Form wäre. Aber mein letzter längerer Backpacker-Trip liegt schon mehr als zehn Jahre zurück, da braucht es einfach ein bisschen frischen Wind, meiner Meinung nach. Jetzt hab ich also einen neuen Rucksack, der genauso aussieht wie der alte, er hat einfach eine andere Farbe (Frauen halt, ist wie mit den Schuhen!) und ist jetzt total ergonomisch zum Rücken oder so (danke auch nochmals dem gut aussehenden Verkäufer, der mir den Rucksack fachgerecht an meine Anatomie angepasst hat! Sein "Du bist ja sehr schlank, aber sicher stark, du kannst auch den mit 30 Liter nehmen" hat mir unglaublich geschmeichelt :-)). 
Apropos Schuhe: mit denen fing ich an, und der Rucksack war schnurstracks halb voll. Also schränkte ich mich schweren Herzens ein und entschied mich für fünf Paar - was für geübte Globetrotter natürlich immer noch absurd viel ist, wenn man sich deren Tipps in Ratgebern anschaut. Für eine Züri-Tusse aber ist das NICHTS! Und ÄTSCH, ich hab übrigens auch noch ein paar High heels dabei,  ihr superduper Profi-Weltreisenden, man kann ja schliesslich nie wissen!!
Überhaupt, ich habe nie verstanden, warum man auf Backpacker-Trips scheisse aussehen muss! Da kommen immer alle mit ihren total überteuerten multifunktionalen Klamotten aus dem Outdoor-Shop,  die optisch einfach für die Füchse sind. So wasser- und winddichte Jacken aus irgendeinem ganz tollen, atmenden Material, das die NASA für ihre nächste Mars-Mission entwickelt hat, und die Jacke kann man dann auch gleich noch zum Schlafsack umfunktionieren. Oder diese Hosen Marke kongolesische Rebellentruppen mit ganz vielen Taschen von der Hüfte bis zu den Knöcheln, aus denen dank zwei Reissverschlüssen auch mal Shorts werden können - pfui Deibel!!!! Ohne mich!!!!!!! Da bleibt Tussi halt Tussi, ein bisschen Stil muss sein, auch im Dschungel bei den Baumschlangen oder auf dem Berg beim Yeti!
Also entscheide ich mich für Kleider, die zwar praktisch und zweckmässig sind, aber auch noch adrett anzuschauen. Ich kann mein Sightseeing oder meine Wanderung durch den Nationalpark ja schliesslich auch in Sandalen machen, die nicht so aussehen, als seien es therapeutische Gesundheitsschuhe gegen meinen Hallux, oder? Und ich kann Shorts tragen ohne riesige Gesäss- und Oberschenkeltaschen, die mich fünfmal fetter machen, nicht wahr? So einen Ratgeber müsste es mal geben: Mit Stil auf den Mount Everest. Oder Klassisch elegant in der Serengeti. Den würd ich mir kaufen.
Aber natürlich kann man es auch übertreiben mit dem Stil. Natürlich will ich auf meiner Reise keine Modenschau machen und ich will vor allem nicht auffallen wie eine Schneekönigin in der Wüste. Deshalb lass ich zum Beispiel auch brav den Nagellack zu Hause. Ja, klingt nach Kleinigkeit, aber für mich braucht das im Fall Überwindung! In Rio oder Salvador wären lackierte Fingernägel zwar noch passend, aber wenn ich mir vorstelle, wie ich mit roten Klauen am Amazonas stehe und nach Piranhas Ausschau halte - no go!! 
Mit muss hingegen mein Nassrasierer inklusive ausreichend Ersatzklingen. Tja, als Mann kann man sich auf Reisen ja problemlos einen Vollbart wachsen lassen, aber als Frau nicht, schon gar nicht an einem brasilianischen Strand!
Mit muss auch eine gute Hautcrème, damit ich dann zurück in der Schweiz nicht zwanzig Jahre älter aussehe. 
In Zürich bleiben dürfen meine Hornhaut-Feile, drei Viertel meiner Schminke (ein Kumpel von mir hatte es treffend ausgedrückt: "Die zerläuft dir ja eh nur in dieser Hitze!") und die Hälfte meiner Haarprodukte (werde ja eh meistens einen Pferdeschwanz tragen, da kann ruhig auch mal alles verfilzt sein). 

In den Rucksack kommen dann aber doch auch noch ein paar typische Dinge, wie nur Backpacker sie dabei haben: ein Schlafsack aus Seide, eine Stirnlampe (ich habe nicht vor, in irgendwelche Höhlen zu steigen oder des Nachts durch den Wald zu laufen, sie gefiel mir einfach so gut im Laden) und Notfall-Tabletten gegen Malaria (hat mir der Arzt angedreht, ich selber wäre nicht auf die Idee gekommen). Das Sackmesser pack ich ein, weil ich Schweizerin bin, gebraucht habe ich es allerdings noch nie. Und ein Moskito-Netz hab ich mir verkniffen - wie würde wohl meine "Gastmutter" in Rio reagieren, wenn ich das Ding am ersten Abend über mein Bett hängen würde? Lächerliche Vorstellung.

So, fertig. Gut, ich werde bis zu meinem Abflug wohl noch fünfmal umpacken, ich nehme mir aber vor, nur auszuwechseln und nicht noch aufzustocken. Dann probieren wir das Ding also mal an: oh Gott, ich sehe aus wie eine genmanipulierte Schildkröte! Dieses Bild hatte ich seit meiner letzten Reise verdrängt. Aber das Traggefühl ist eigentlich ganz angenehm, solange ich nicht fünf Stunden mit dem Ding am Rücken rumlaufen muss. Ich werde also bestimmt nur Trekking-Touren machen, in die auch irgend ein Fahrzeug integriert ist. 
Stellen wir den Rucksack mal auf die Waage: knapp 15 Kilo. Doch doch, ich bin sehr zufrieden. Lieblingsnachbar, der öfters als Backpacker unterwegs ist, hat mir zwar gesagt: "Es dürfen höchstens 10 Kilo sein". Aber das ist schliesslich auch ein Mann. Und ausserdem hab ich mehr als ein Kilo Schokolade eingepackt, als Geschenk. Die kommt ja dann raus. Meine grosse Flasche Bodylotion wird sich auch leeren, ebenso die Sonnencrème, die Zahnpasta, das Fläschchen Parfüm, das Shampoo und das Duschgel. Am Ende meiner Reise im Frühling wird mein Rucksack also leichter sein als jetzt. 
Cool, dann kann ich in Brasilien ja noch shoppen gehen!