Seit Heiligabend bin ich verliebt.
In Rabanadas.
Nein, schön sind sie ja nicht gerade. Sehen ein bisschen aus wie schon mal gegessen. Aber es kommt ja schliesslich auf die inneren Werte drauf an. Und ich kann euch sagen: es gibt nichts Sinnlicheres, als in eine rabanada zu beissen! Das Frittieröl, der Zucker und der Zimt verschmelzen im Mund zu einem göttlichen Ambrosia. Das Brot, getränkt in Milch und Eiern, zergeht einem förmlich auf der Zunge. Eine Sünde, für die es sich lohnt, zu beichten, glaubt mir!! Ja, das Ganze erinnert an Fotzelschnitten, ist aber tausendmal besser! Und zu meinem Glück hier in Rio de Janeiro eine traditionelle Weihnachts-Leckerei. Ich weiss nicht, wieviele Rabanadas ich aufs Mal verdrückt habe, aber ich hätte bestimmt jedes Wettessen gewonnen, und Mama und Papa sind jetzt wohl vollständig von ihrer Sorge abgerückt, ich hätte Anorexie (dass ich eigentlich Vegetarierin bin, habe ich ihnen immer noch nicht gebeichtet). Wenn ich nach meinem Jahrhundert-Sonnenbrand jetzt nicht an Hautkrebs sterbe, dann sicher an Diabetes mellitus oder Herzverfettung.
Aber es war ein steiniger Weg zu diesem Festschmaus an Heiligabend. Am Tag zuvor wurde zuerst mal die gesamte Wohnung geputzt und aufgeräumt, und zwar bis in die frühen Morgenstunden. Auch der Hund musste unter die Dusche, um weihnachtlich schön und rein zu werden.
Dabei wurde unser teures Argan-Oil-Super-Locken-Shampoo benutzt, wir riechen jetzt also alle gleich, Herrchen, Frauchen, Gringa und Haustier.
Gleichzeitig begann das Gekoche. Mama und Papa hatten sich ganz schön was vorgenommen: Truthahn, Schweinshaxe und Stockfisch (ist jetzt klar, warum ich meinen Vegetarismus in Brasilien vorübergehend beerdigen musste??), Maionnaise-Salat (ich habe schon gelernt: hier in Rio ist Salat niemals grün), Reis mit Gemüse und Rosinen, Farofa (nein, auch mit Zwiebeln und Knoblauch schmeckt das Zeug nach nichts, aber es gehört zu einem brasilianischen Essen einfach dazu), Früchte, Nüsse, Pudding und eben Rabanadas. Natürlich alles selbst gemacht, bei Mama und Papa kommt nichts aus dem Fertigbeutel oder vom Lieferdienst! Aber da sie dieses Menü ja jede Weihnachten zubereiten, ging das Ganze auch ruckzuck. Schwein und Truthahn gab man in die benachbarte Metzgerei zum Braten, und am frühen Heiligabend war der Tisch auf dem Balkon schliesslich reichlich gedeckt.
Bei diesem Anblick lief mir sofort das Wasser im Mund zusammen, aber leider kamen mir die brasilianischen Gepflogenheiten hier nicht gerade entgegen. Traditionellerweise isst man an Heiligabend nämlich erst nach Mitternacht, nachdem man sich ausgelassen "Feliz Natal!" gewünscht und herzlich gedrückt hat. Allerdings fangen viele Familien schon viel früher an mit dem leiblichen Wohle, schliesslich hat man ja irgendwann mal Hunger. Das war auch unser Plan. Nur: bekannterweise sind Brasilianer ja sehr unpünktlich, und leider liess der geladene Besuch laaaaaaaaaanggeeeeee auf sich warten. Ich musste also in meinem schönen, neuen Sonntagskleid und mit knurrendem Magen vor all diesen Köstlichkeiten sitzen und durfte nur schauen!!! Um die Zeit zu überbrücken tranken Mama und ich mal schnell eine Flasche Rotwein.
So um 11 Uhr waren dann das letzte Familienmitglied und der letzte Freund endlich eingetroffen. Und weil es schon so spät war, beschloss man, grad noch ganz bis Mitternacht zu warten mit dem Essen. Toll. Dem Wein folgte schliesslich Champagner, das Feuerwerk am Himmel zu Ehren Jesu Christi nahm man nur noch verschwommen war - und dann war es ENDLICH soweit! Man durfte über das Buffet herfallen!!!!!! GOSTOSO!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Während man das Essen in sich hineinschaufelte, übertönte man den Krach der Favela mit hauseigenem Disco-Sound aus der Stereoanlage (nix "Stille Nacht, heilige Nacht" oder "Last Christmas"), packte die Geschenke aus, freute sich ausgelassen darüber und dankte überschwänglich dem edlen Spender. Ich bekam - wie könnte es auch anders sein in Brasilien - ein Paar neue Chinelos, also Flip-Flops.
Ich revanchierte mich mit einer Karte, auf welcher ich in meinem Anfänger-Portugiesisch die ganze Familie schriftlich zum Znacht ins Restaurant nach Wahl einlud. Ein nicht ganz uneigennütziges Geschenk, ich hoffe nämlich auf Sushi oder Spaghetti oder so, und mal nicht auf Frittiertes.
So gegen zwei Uhr morgens hatten wir das Schlachtfeld in der Wohnung behelfsmässig beseitigt. Die Reste des Festmahls (die noch bis Ende Woche reichen werden, und zwar für die gesamte Favela) wurden im Kühlschrank verstaut, die Geschenkpapiere im Müll beseitigt und der Boden rasch geschrubbt, damit man nicht auf Bananenschalen, Fischgräten oder Hundepisse ausrutschte.
Ich fiel als erste totkaputt ins Bett und war sofort weg, brasilianische Festivitäten sind irgendwie sauanstrengend für Gringas. Als ich am Weihnachtsmittag wieder erwachte und durch die Wohnung schlich, waren alle anderen noch am Schlafen, und zwar überall, in der Küche, auf dem Balkon, im Wohnzimmer. Ich beschloss, zusammen mit einer anderen Gringa nach Ipanema zu fahren und verkatert und vollgefressen wie ein angeschwemmter Wal am Strand zu liegen. Es waren perfekte weisse Weihnachten, weiss war der Sand, der Himmel wolkenlos bei drückenden 33 Grad. Ich muss sagen, so gefällt mir das heilige Fest eigentlich viel besser als in Zürich: mit einer Kokosnuss und im Bikini auf meinen Tüechli, den Blick aufs weite Meer gerichtet (und ja, diesmal verteilte ich die Sonnencrème Fakto 50+ auf dem ganzen Körper und mietete mir sogar noch einen Sonnenschirm dazu, man lernt schliesslich aus seinen Fehlern). Schnee und Glühwein sind doch weit überschätzt! :-)
Als ich abends wieder nach Hause in die Favela kam, hatten sich schon neue Gäste auf Mamas und Papas Balkon breit gemacht. Sie waren zum Reste-Essen geladen worden. Ich tat es ihnen gleich, verzichtete diesmal aber auf den Wein.
Vor dem Schlafengehen wurde kurz noch ferngesehen, natürlich eine brasilianische Telenovela und danach ein Konzert von Ich-weiss-nicht-mehr-wem, aber es handelte sich offenbar um den Julio Iglesias Brasiliens, alle in der Familie konnten die furchtbaren Schnulzen mitsingen, auch die 5-jährige Enkelin.
Ou, und dann bekam ich noch das allerbeste Weihnachtsgeschenk von allen! Irgendwie war es Mama und Papa nämlich gelungen, unsere Dusche so zu präparieren, dass sie nun auch HEISSES Wasser ausspuckt! QUE LEGAL!!!!!! Weihnachten, Geburtstag, Streetparade und 1. Mai zusammen ist das für mich! Fertig mit Turnübungen unter der Brause, die Züri-Tusse wäscht sich wieder gerne! Muito obrigada, Papai Noel!!!
Und ich weiss, dass im Kühlschrank noch ein paar Rabanadas übrig sind...















