Samstag, 25. Januar 2014

Choque cultural

Rio de Janeiro, am Strand.
Der Brasilianer mustert mich von oben bis unten und sagt:
"Ich finde, du hast einen brasilianischen bunda."
Ich: "Will heissen?"
Er: "Gross."
Ich: "... toll... obrigada..."
Er: "Was ist?"
Ich: "Du kannst mir doch nicht sagen, ich hätte einen fetten Arsch!"
Er: "Wieso nicht?? Das ist ein mega Kompliment!!"
Ich: "Doch nicht für eine Europäerin! Wir wollen alle dünn sein!"
Er: "Hä?? Ihr wollt freiwillig einen kleinen Arsch?? Ihr spinnt doch!!"
Ich: "Ist aber so. Wir wollen höchstens einen grossen Busen."
Er: "Versteh ich nicht. Brüste sind total überwertet."
Ich: "Whatever. Á propósito, wie redest du eigentlich mit mir? Ich könnte im Fall deine Mutter sein! Tatsächlich, wenn ich es mir so überlege, wären wir beide in der Favela aufgewachsen, dann WÄRE ich jetzt deine Mutter!". Ich lache, er stockt.
"Das kann nicht sein! Mitte dreissig? Unmöglich!"
Ich: "Doch."
Er: "Wow! Bei euch da drüben muss was im Wasser sein! Ich meine, wenn Frauen HIER Mitte dreissig sind, dann sehen sie auch so aus."
Ich: "Du meinst alt."
Er: "Genau."
Ich: "Obrigada."


Montag, 20. Januar 2014

Ordem e progresso 2: Caixa rápida

Bom dia! Willkommen zum zweiten Teil meiner Serie "Was mich so an Rio de Janeiro stört" oder besser gesagt, was für mich hier als Zürcherin ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist. Ich habe mich ja schon als Fan dieser grossartigen Stadt geoutet, also darf ich jetzt auch mal ein bisschen lästern... :-) Disculpe, amor!

Nun, Brasilien ist nicht die Schweiz, das wissen wir ja schon. Und zum Glück! Denn sonst hätte ich ja nicht verreisen müssen. Ich kann mich sehr gut neuen Umständen anpassen, eigentlich zieht es mich ja auch aus genau diesem Grund immer mal wieder ins Ausland: ich will auch mal ANDERS Leben als gewohnt. Andere Länder, andere Sitten. Ich nehm´s gelassen, wenn es halt auch mal nicht nach meinem Gusto läuft. Meistens. Denn hier in Rio gibt es EINEN Ort, an dem ich mich wirklich immer wieder zusammenreissen muss und mir so einen blöden, spiessigen, typisch schweizerischen Kommentar à la "Also, bei uns ginge das dann im Fall nicht!!" nur mit sehr viel Mühe verkneifen kann: an der Kasse.
Jawoll, hier wird das Sprichwort "Zeit ist Geld" irgendwie andersrum gedeutet: während in Zürich alles so schnell wie möglich erledigt werden muss und Schnelligkeit zudem als höflich und respektvoll gilt, macht man in Brasilien lieber so langsam wie möglich, denn schliesslich wird man ja für die ArbeitsZEIT bezahlt und nicht für die ArbeitsGESCHWINDIGKEIT. So lernte ich wohl oder übel, dass man für seine täglichen Besorgungen hier genügend Zeit einplanen muss. Bloss nicht noch kurz, bevor der Bus fährt, ein Cocci kaufen gehen, und das mit dem "Ich gang mir no schnäll es Znacht go hole" grad von Anfang an vergessen - in Rios Läden, Lanchonetes und Supermärkten geht nichts kurz und schnell!

Ein alltägliches Beispiel: 
In einer Filiale im Zona Sul, einer von Rios Supermarktketten. Der Tag neigt sich dem Feierabend zu, vor den Kassen drängen sich lange Menschenschlangen. Aber aus irgendeinem Grund, der mir persönlich nicht ersichtlich ist, sind von den sieben Kassen nur vier geöffnet. Ich hab nur wenige Sachen im Körbli, also stelle ich mich natürlich hinter der caixa rápido an, kennt man ja auch nicht anders in Zürich, wenn man sich nur mal schnell einen kleinen Snack besorgen und nicht hinter den bumsvollen Einkaufswagen fünfköpfiger Familien warten will.
Es geht aber alles andere als rápido voran. Vor mir ist eine ältere Frau an der Reihe. Unter anderem kauft sie eine Flasche Mineralwasser. Aber der Preis, der auf dem Bildschirm vor der Kassiererin erscheint, passt ihr nicht. Es habe doch geheissen, dieses Wasser sei em liquidação, also in Aktion. Die Kassiererin runzelt die Stirn und sieht sich die Flasche von allen Seiten an. Nein, meint sie, das sei nicht die richtige Marke. Sie wolle aber das Wasser mit Rabatt, so die Kundin. Die Kassiererin zögert einen laaaaangen Moment, dann ruft sie einer Berufskollegin. Nun stehen sie beide über der ominösen Flasche und diskutieren. Die zweite Verkäuferin nimmt das Wasser schliesslich mit und verschwindet irgendwo zwischen den Regalen. Man wartet. Ich seufze extra laut, damit auch ja alle merken, dass ich mich nerve und es pressant habe. Aber keiner reagiert, die Schlange steht immer noch brav und ohne zu murren an. Schliesslich kommt die Verkäuferin zurück (und sie hat es nicht gerade eilig), eine neue Wasserflasche in der Hand. Sie gibt sie der ersten Verkäufern und diese streckt das Wasser der Kundin hin. Die Frau kuckt es sich misstrauisch an. Ob denn das nun auch wirklich die richtige Marke sei. Ja, sicher. Aber ob das Wasser auch ja ohne Kohlensäure sei. Die Verkäuferin beäugt prüfend die Etikette. Jaja, sem gas, alles gut. Endlich bezahlt die Kundin, doch mit einer zu grossen Note. Die Kassiererin hat nicht genügend Rückgeld. Wieder muss die zweite Verkäuferin ran und etwas Münz organisieren. Auch das dauert. Endlich sind beide Seiten zufrieden, und die Kassiererin verpackt den Einkauf noch in mehrere kleine Plastiktüten, ganz langsam und genau. Ich trete von einem Bein auf das andere und gebe mir die grösste Mühe, auch ja einen besonders angepissten Gesichtsausdruck zu haben. Aber ich bleibe auch diesmal unbemerkt.
Endlich bin ich dran mit Zahlen. Die übliche Frage nach der "Cumulus"-Karte des Zona Sul verneine ich kopfschüttelnd. Die Verkäuferin streckt mir meinen Pfirsich entgegen.
"Ist das ein pêssego?"
"Ja. (Was denn sonst, etwa eine Wassermelone??)"
"Was für einer? Nacional oder importado?"
"Nacional", lüge ich, denn die sind billiger. Aber das Ganze ist noch nicht ausgestanden, meiner Banane ergeht es nämlich nicht viel besser:
"D' água oder prata?"
"Hä?"
"D' água oder prata?"
"... " - ich kombiniere blitzschnell in meinem Gehirn: água bedeutet "Wasser", darin kann man Bananen kochen, sie spricht also wahrscheinlich von Kochbananen. Prata kommt vielleicht von prato, und das heisst "Teller", die Banane ist also wahrscheinlich zum sofort Essen gedacht, was ich ja auch vorhabe. Also:
"Prata." (meine Kombination ist übrigens kreuzfalsch, mein Fehler, aber das ist egal, es hätte am nachfolgenden Prozess auch nichts geändert.)
Der Preis erscheint auf dem Bildschirm. Ich zahle.
"Haben Sie 50 Centavos?". 
Caralho!!! Hab ich natürlich nicht, aber zum Glück die Kassiererin von nebenan. Jetzt steckt die Verkäuferin auch meine Waren in Plastiksäcke, das Guaraná Zero in einen, die Banane in einen anderen und die beiden Pfirsiche in einen dritten.
"Não preciso de sacolas", beteuere ich.
"Nein?", die Kassiererin mustert mich kritisch. Ich weise mit dem Kopf auf die anderen drei Säcke, die ich bereits in der Hand habe.
"Das passt noch da rein."
Sie ist zufrieden und wünscht mir einen schönen Abend.
Auf dem Weg zur "Bushaltestelle" überkommt mich plötzlich die unbändige Lust auf ein Glacé. Aber natürlich habe ich aus der vorangegangenen Erfahrung gelernt und begebe mich deshalb in ein Schnellimbiss-Restaurant. 
SCHNELLimbiss, t´entendeu
Ich bestelle an der Theke das Glacé, und nachdem das mit dem "Cornet oder Kübeli" geklärt ist, bekomme ich es auch. Aber als ich zahlen will, verweist mich der Glacémann auf seine Arbeitskollegin, die einen halben Meter neben ihm steht. Aha, Arbeitsteilung the brazilian way, ich verstehe, ordem e progresso halt. Na, gut, von mir aus. Ich muss nochmals anstehen, denn vor der Frau warten bereits drei andere zahlungswillige Kunden. Sie berappen ihren Burger oder ihren Becher Matte allesamt mit der Kreditkarte. Das dauert ewig. Endlich bin ich an der Reihe. 
"Ich zahle ein Glacé."
Ja, das muss ich sagen, denn man sieht´s nicht mehr. Damit mir das Ding in der Hand nicht noch vollständig wegschmilzt und auf meinem T-Shirt landet, habe ich es bereits gegessen. Ehrlich gesagt, die Zeit, in der ich an der Kasse angestanden bin, hätte auch gereicht, um noch drei weitere Glacés zu schlecken.

Und so oder ähnlich geht das überall, wo man sich etwas kaufen will in Rio. Als Gringa und Gringo braucht man hier ungewöhnlich viel Geduld und Zeit - ich bin aber auch schon entnervt wieder davongelaufen, muss ich zugeben. Auch nach fast zwei Monaten komme ich halt immer noch nicht aus dem Modus "Ich bin us Züri, ich ha's fall pressant!" heraus. 
Meine brasilianischen "Eltern" lachen darüber, wenn ich ihnen von solchen Erlebnissen erzähle. Oder wenn ich ihnen erkläre, dass in der Schweiz die Apothekerin nicht seelenruhig Kuchen essen kann, während sie mir das Anti-Grippe-Mittel verkauft (fuck you, Air Condition!!). Brasilianer seien eben von Natur aus faul, finden meine Gastgeber und zucken mit den Schultern. Das haben jetzt aber wirklich SIE gesagt. Für mich hingegen hat das Ganze nichts mit faul oder fleissig zu tun (und ich bezweifle sowohl, dass es ganze Nationen gibt, die fauler sind als andere, als auch, dass Faulheit angeboren ist). Es ist einfach nur, wie man so schön sagt, eine andere Mentalität, eine andere Auffassung von Service. "Schnell" bedeutet in Brasilien nicht automatisch "gut" wie bei uns, und als Kunde wird man hier nicht überall mit Samthandschuhen angefasst oder auf Händen getragen - was ich wiederum eigentlich sehr sympathisch finde. Aber eben, wenn man aus der Schweiz kommt, dann muss man sich erst einmal an den brazilian way gewöhnen, ist so. Heimweh habe ich trotzdem kein bisschen.

Letztens habe ich mir ein Päckli Kaugummi gekauft (wofür ich selbstverständlich wieder eine Plastiktüte bekam). Es hat ganze viereinhalb Minuten gedauert, ich habe extra auf die Uhr geschaut.
Tja, und als ich gestern nach Hause in die Favela kam, eröffnete mir Mama, dass der Hund meine hart erwirtschafteten Kaugummi gefunden und gefressen habe. Auf meinem Bett, wie immer.
CARALHO!!!


Mittwoch, 15. Januar 2014

Ordem e progresso 1: Motoriiiissttaaaaaaa!!!!

Ich sitze wieder mal im Internet-Laden in meiner Favela, zusammen mit einem Dutzend fünf- bis zehnjähriger Knirpse, die an den anderen Computern um mich herum die übelsten Ballerspiele zocken - so laut, dass es mir weh tut in den Ohren. Und ich bin wieder mal sehr dankbar, habe ich damals in der Migros Klubschule das Zehn-Finger-System gelernt, denn auf meinen Tasten sind die Zeichen kaum mehr erkennbar, meine Finger finden sie zum Glück automatisch... eine angenehme Art, den superheissen Sommerabend hier in Rio ausklingen zu lassen!

Womit wir beim Thema meiner Serie wären: Rio de Janeiro ist schön, faszinierend, fröhlich, warm (vor allem jetzt im Janeiro), und doch funktioniert halt nicht alles ganz so, wie es meiner Meinung nach sollte in einem Land, das bald die Fussball-WM und später die Olympischen Spiele austragen wird. Und das 200 Millionen Einwohner hat.
Jep, ihr erratet es schon, es geht im ersten Teil mal wieder um den hiesigen ÖV, den ich immer noch tagtäglich benutze. Mit Freude, muss ich sagen, denn langsam hab ich den Kniff raus! Ich weiss jetzt, welche Busse mich wohin bringen und wie ich es schaffe, einen zu erwischen, der nicht ganz so hoffnungslos überfüllt ist. Denn es gibt fast nichts Schöneres, als in einem Rio-Bus am offenen Fenster sitzen zu können, den kühlen Fahrtwind in den Haaren und ohne Angst, bei der nächsten Kurve unerwartet auf seinen Mit-Passagieren zu liegen, was einem stehend nämlich nicht selten passiert. Puta que pariu! 
Trotzdem, im Grossen und Ganzen hat der ÖV hier noch einiges an Verbesserungspotential. Und das fängt schon beim Einsteigen an: so weit muss man erstmal kommen. In Rio gibt es kaum amtliche Bushaltestellen, man muss den Bus selber anhalten, indem man am Strassenrand Handzeichen gibt. Das kann man allerdings auch nicht ganz überall, wie ich gemerkt habe, ich verstehe aber wirklich nicht, wie man sieht, wo eine "Haltestelle" ist und wo nicht, deshalb kucke ich einfach immer zuerst, wo schon andere Leute auf den Bus warten und geselle mich dann dazu.
Die nächste Schwierigkeit: man kann nur ganz vorne rein und nur ganz hinten raus. Wenn man einsteigt, dann zahlt man sein Ticket direkt beim Chauffeur. Das dauert natürlich ewig, denn wer hat schon die 2 Reais 75 immer grad genau abgezählt zur Hand? Der Chauffeur muss also erst mal all das Geld einziehen und Rückgeld raussuchen. Und manchmal muss er dazu gleichzeitig auch noch fahren. Damit erklärt sich auch, warum er gelegentlich schon anfährt, wenn ich noch auf dem Trittbrett stehe - multitask ist halt nicht jedermanns Sache. Natürlich habe ich mir, ganz Schweizerin, eine cartão zugelegt, also eine Art ZVV-Abo für Rio, das man immer wieder aufladen kann und so nicht erst nach Münz in seinen Taschen suchen muss, wenn man Bus fahren will. Die Karte hält man dann so an einen Scanner. Und hält. Und hält. Und hält... bis es grün wird. Tja, die cartão macht´s nicht schneller, aber ein bisschen praktischer...
No entanto, wenn man dann also mal bezahlt hat, kann man das Drehkreuz zu den Sitzplätzen passieren. Ja, richtig, ein Drehkreuz im Bus. Super angenehm, sich bei voller Fahrt da durchzuzwängen. Noch angenehmer, wenn man dick, alt oder Elternteil ist. Kinder bis 5 fahren nämlich gratis, allerdings muss man sie dazu erstmal über das Drehkreuz hieven. Übrigens: nein, Kinderwagen passen hier nirgends rein. Einkaufstaschen eigentlich auch nicht. Für Rollstühle ist meistens ein Platz reserviert, aber ich habe noch nie einen gesehen. Verständlicherweise.
Manchmal gibt es beim Drehkreuz einen cobrador, der thront dort auf seinem erhöhten Sitz und lässt sich anstelle des Chauffeurs bezahlen. Das macht die Sache aber nicht schneller oder weniger gefährlich, denn meistens plaudert der cobrador munter mit dem Chauffeur, was nicht gerade zu dessen Konzentration beiträgt. Ich weiss auch nicht genau, wie in Rio die Fahrschule für angehende Buschauffeure aussieht und ich sehe nirgends Tafeln mit Geschwindigkeitsbegrenzungen. Allerdings scheint hier nicht die Devise zu gelten, lieber etwas langsamer, dafür sicherer. Nein, wenn es freie Fahrt gibt (wobei das sehr selten ist, meistens geht´s im Schrittempo durch das Verkehrschaos), dann wird zünftig auf die Tube gedrückt. So zünftig, dass ich schon ein paar Mal Angst hatte, jetzt dann grad von der Klippe ins Meer zu stürzen, denn der Bus kippt in einer engen Kurve schon mal bedrohlich auf die Seite. Ich stelle mir dann vor, was das für seltsame Schlagzeilen in den brasilianischen Medien geben würde: "Bus auf dem Weg zur Copacabana verunfallt. 150 Tote (bei nur 80 Plätzen), darunter eine Ausländerin (in meinem Bus aus der Favela, der sinnigerweise auch noch Rocinha passiert, treffe ich nie Nicht-Brasilianer an). Naja, diese Gedanken schiebe ich dann aber immer ganz schnell wieder zur Seite. Aber ihr seht, es ist viel angenehmer, wenn man in einem Bus in Rio de Janeiro sitzen kann, wenn man sich nicht die ganze Fahrt über krampfhaft an die Stangen klammern und wie beim Surfen die ganze Zeit sein Gewicht verlagern will, um aerodynamisch zu bleiben.
Aber das Schwierigste kommt erst noch zum Schluss, wenn man aussteigen will. Wohlgemerkt, man sollte genau wissen, WO man raus will. Man tut gut daran, sich ein paar Gebäude oder Strassentafeln zu merken, denn eben, normale Bushaltestellen my ass. Der Bus hält, wenn man den Knopf drückt oder an der Schnur unter der Decke zieht (ich hab den Unterschied noch nicht herausgefunden) - also, dann hält er MEISTENS und macht die hintere Türe auf. Manchmal aber auch nicht, dann wird es ziemlich unruhig im Bus. Die Passagiere, die rauswollen, schreien von hinten ungehalten zum Chauffeur nach vorne ("Motorista, pare!!!!"), und sie bekommen eigentlich auch immer, was sie wollen.
Jedenfalls, wenn man also rauswill, dann muss man sich früh genug durch den Bus nach hinten zwängen ("Com licença! Com liceeennnççaaaa!!! Ai, disculpe!!"), denn durch das Drehkreuz vorne kann man nicht mehr und andere Türen gibt es meistens nicht. Das Ganze ist also ein bisschen tricky und unbequem, und wie gesagt, diese Umstände bescheren mir nicht selten einen ungeplanten, längeren Spaziergang - die Züritusse hat eben keinen guten Orientierungssinn und steigt öfters mal zu früh oder zu spät aus.

Also, ich fasse zusammen: Busfahren braucht hier Zeit und Nerven. Meiner Meinung nach aber völlig unnötigerweise! Es wäre ganz einfach: Das Drehkreuz muss weg, mann muss vorne UND hinten ein- und aussteigen können und das Ticket schon vor der Fahrt parat haben. Oder könnt ihr euch wirklich vorstellen, dass während der WM tausende Fussballfans aus aller Welt erst vor dem Chauffeur stundenlang Schlange stehen, um überhaupt mal IN den Bus zu gelangen? Und wie sie dann alle wieder rauskommen, vor allem am richtigen Ort, das möchte ich mir erst gar nicht vorstellen...
Ausserdem braucht es dringend ein paar Busse mehr, denn sie sind viel zu überfüllt. Manchmal kommen sie kaum mehr den Hügel hinauf, den Leblon von der Barra da Tijuca trennt, so schwer sind sie. Ich habe nicht nur einmal erlebt, wie am steilen Hang plötzlich der Motor versagte. Bis jetzt war es immer nur der Motor, nicht die Bremse, zum Glück... 

Übrigens motze nicht nur ich als verwöhnte Schweizerin über den brasilianischen ÖV, sondern auch die Brasilianer selber. Sie finden ihre Busse auch unmöglich, nehmen die ewige Warterei und die halsbrecherischen Fahrten in den viel zu heissen Sardinenbüchsen aber gelassen, schliesslich sind sie es sich gewöhnt. Aber ich hoffe schon, dass Rio noch rechtzeitig zur WM mit dem Ausbau der U-Bahn fertig wird, denn auch der wurde in der Vergangenheit immer wieder verschoben. Naja, was heisst "bis zur WM", eigentlich hoffe ich, dass das Ganze überhaupt fertig wird, denn es soll ja nicht nur den Touristen dienen, sondern vor allem den cariocas! Es ist eh eine Schande, gibt es die ganzen Baustellen in dieser Stadt nur wegen dieses doofen sportlichen Grossanlasses, offenbar sind es die Einwohner der Regierung sonst nicht wert! 
Aber eben, ein Lob der U-Bahn, die funktioniert eigentlich tipptopp, ausser, dass es sie bis jetzt nur im Ostteil der Stadt gibt, was wenig Sinn macht. Und ok, manchmal fährt auch mal eine U-Bahn vor, öffnet die Türen nicht, und fährt dann leer wieder weg, was ich auch nicht so ganz verstehe. Und ich brauche eine extra cartão dafür, die für den Bus geht nämlich wirklich NUR für den Bus, so eine Art GA wäre noch ganz angenehm. Aber das kann ich noch alles ganz gut hinnehmen...
Ich will mich auch nicht nur beschweren, denn eigentlich fahre ich in Rio echt ganz gerne mit dem ÖV. Vor allem im Bus ist es immer wieder interessant. Hier die Top 3 meiner Lieblingsszenen:
1. Auf den beiden Plätzen schräg neben mir sitzen eine Mutter und ihre zwei Töchter, so 2 und 5 Jahre alt. Die Kleinere muss plötzlich kotzen, und zwar so richtig! Der ganze Brei ergiesst sich über die Mutter, die Schwester und sie selber, eine Riesensauerei! Während ich mich mit Würgegefühlen abwenden muss, bleibt die Mutter ganz ruhig, ja, muss sich sogar ein Lächeln verkneifen. Sie nimmt ihr Strandtuch, dass sie glücklicherweise gerade dabei hat (ironischerweise in Form der brasilianischen Flagge ordem e progresso), putzt sich und die Kinder so gut es geht damit sauber, und dann hat sich das Thema auch schon erledigt. Kein Geglotze, kein Geschrei, keine Tränen. Ich staune.
2. Der Bus muss mal wieder eine Vollbremsung machen. Eine Frau, die vor mir  eingeschlafen ist, rutscht von ihrem Sitz und landet unsanft auf ihrem bum bum. Sauer ist sie aber nicht, sie muss lachen.
3. Ich steige ein, und das Innere des Busses ist mit bunten Ballonen geschmückt. Es ist kein Feiertag, Karneval hat noch nicht begonnen, ich habe nicht Geburtstag und der Chauffeur auch nicht. Keiner weiss, wieso da Ballone hängen, aber sie sind da.

Der ÖV in Rio ist scheisse, aber irgendwie lustig.

Mittwoch, 8. Januar 2014

Os anos gordos acabaram

Man kann wirklich nicht sagen, ich hätte es nicht versucht. Nein, ich war offen für alles. Aber es ging einfach nicht.
Die Rede ist vom brasilianischen Bikini. Ich wollte mir in Rio ja unbedingt einen kaufen, denn was gibt es für ein besseres Souvenir aus dieser Stadt als die typische Bademode? Allerdings ist ja weit herum bekannt, dass Brasilianerinnen es knapp mögen. Sehr knapp. Versteht mich nicht falsch: ich habe nichts dagegen, meinen Hintern oder Busen zu zeigen. Wem' s nicht passt, der kann schliesslich wegschauen. Und in Rio ist man diesbezüglich noch viel entspannter als etwa in Zürich, denn obwohl sich hier vieles um die Schönheit dreht, und dabei vor allem um den perfekten Popo, so sieht man doch alle möglichen Modelle des menschlichen Körpers am Strand. Von superschlank über operiert bis schwabbelig und mit Zellulitis - hier darf jede Frau zeigen, was sie hat (Mann übrigens auch, aber das ist ein anderes Thema), und das tut sie auch, schamlos, vom Baby bis zur Oma. Alle liegen sie in Tanga, String oder sonstwie knappen Höschen in der Sonne, und auch obenrum ist oft nur ein bisschen was noch verdeckt.


 
Eigentlich eine Farce: in Brasilien ist Nacktbaden nur an sehr wenigen, ausgewählten Stränden erlaubt, schliesslich ist man streng katholisch. Aber solange die Brustwarzen nicht sichtbar sind und irgendwas noch in der Popo-Spalte steckt (egal wie schmal), dann geht das völlig in Ordnung. Wie auch immer. Ob man nun den passenden Body dazu hat oder nicht, es guckt hier keiner blöd, und das finde ich toll. Ich könnte hier also getrost alles raushängen lassen, niemand würde sich daran stören, ich am wenigsten. Trotzdem muss mein neuer Bikini meinen Arsch bedecken, auch wenn mir wirklich scheissegal ist, wer mich von hinten ankuckt oder auch nicht. Aber ich will einfach nicht in etwas investieren, was ich dann wirklich nur in Brasilien tragen kann. Ok, vielleicht noch auf Ibiza, aber ich habe wirklich nicht vor, dort in nächster Zeit meine Ferien zu verbringen. Und mit Zahnseide am Körper zu Hause am Oberen Letten in Zürich, dort, wo man Orangenhaut und Hängebauch nicht ganz so easy nimmt wie hier - nein, das möchte ich mir nun wirklich nicht antun!

Aber einen züri-tauglichen Bikini in Rio de Janeiro zu finden, gestaltet sich als ziemlich schwierig. In den erschwinglichen Läden und beim fliegenden Händler am Strand gibt es nur die modisch knappen Modelle, also eben, Tanga oder höchstens "hinten gleich wie vorne". 
Womit wir bei einem meiner Lieblingsthemen wären: Nossa! Das kann auch nur ein Mann erfunden haben! Sorry, aber das geht nun wirklich nicht, auch nicht bei der schlanksten Frau! Der Hintern ist IMMER grösser als die Vagina, meine Herren, das ist die weibliche Physiognomie, merkt euch das, bitte! Ergo braucht es an einem Bikini-Höschen auch hinten MEHR Stoff als vorne, ist doch ganz logisch, oder etwa nicht?? Wie gesagt, ich spreche aus Erfahrung und nicht nur, weil ich für Frauenrechte kämpfen will. Nein, ich habe es wirklich versucht. Ich habe mich in solche Bademode hineingezwängt. Aber als ich im Spiegel sah, dass ich nun plötzlich vier Arschbacken hatte, liess ich es bleiben. Geht. Gar. Nicht. NUNCA!
Tja, ihr seht, ich merkte also ziemlich schnell, dass ich ein bisschen investieren musste, um in Brasilien einen halbwegs deckenden Bikini zu ergattern, hingegen aber auch auf das Modell "Miederhose für die Frau ab 80" verzichten zu können. Das gibt´s hier nämlich auch, wird aber wahrscheinlich selten gekauft (was ich auch wieder verstehe). Und ein weiteres Problem: die Bikinis werden meistens nur in Einheitsgrössen angeboten, also Ober- und Unterteil zusammen in pequeno, medio oder grande. Glücklich die Frauen, die so symmetrisch gebaut sind! Ich gehöre leider nicht dazu. Also nix mit Billig-Läden, ab in eine schicke Boutique mit fähiger Beratung und verschiedenen Grössen für oben und unten. Dort machte ich der freundlichen Verkäuferin dann auch von Anfang an gleich klar: "Em cima pequeno, mas embaixo GRANDE! Não sunga!!", um nicht wieder dieses schreckliche Bild im Spiegel der Umkleidekabine betrachten zu müssen wie schon mal (kommt meinem Jahrhundert-Sonnenbrand übrigens ziemlich nahe). Und siehe da: es verging keine Viertelstunde, da hatte ich auch schon das perfekte Teil gefunden für mich. Ok, schweineteuer, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und ja, der Bikini ist doch ein bisschen sexyer als die Schweizer Modelle, aber grade noch vertretbar, auch in einem Zürcher Schwimmbad.

Apropos sexy: eben, Brasilianerinnen und Brasilianern liegt viel an ihrem Äusseren, jedenfalls hier in Rio. Am Strand von Ipanema und Copacabana wimmelt es nur so von Sportgeräten und Privattrainern, die ihre Kundinnen und Kunden dort für viel Geld quälen. Ausserdem wird von früh bis spät gejoggt, Velo gefahren, gesurft oder geskatet.
Ich habe noch nie so viele durchtrainierte Körper aufs Mal gesehen - ok, das liegt vielleicht auch daran, dass ich noch nie in Miami war. Aber jedes Mal, wenn ich an Rios Stränden entlanglaufe oder dort im Sand liege, fühle ich mich wie in dieser total niveaulosen MTV-Reality-Show Jersey Shore, wo sich wahnsinnig aufgepumpte, spiegelglatt rasierte und solariumgebräunte Macker zusammen mit silikonbeladenen, kunsthaarigen und völlig überschminkten Tussis im Whirlpool oder Bett räkeln: wo man hinblickt, nur Körperkunst! Das ist jetzt nicht so mein Ding, also, weder der fehlende IQ der Jersey Shoreler noch der Workout-Trend in Rio - aber beides ist interessant und amüsant anzuschauen. Am liebsten liege ich persönlich übrigens am Schwulenstrand von Ipanema, denn dort sind die Männer noch ein bisschen trainierter und tragen noch ein bisschen knappere Badehosen als sonst. 

Um so auszuschauen, muss man wohl unglaublich viel Disziplin haben, vor allem in Brasilien. Denn ich weiss wirklich nicht, wie man es hier schafft, schlank zu bleiben. Alles ist frittiert, das Açaí, die Salgados und Rabanadas schmecken wundervoll und sind an jeder Ecke erhältlich, und am Feierabend werden literweise Caipirinha und Cerveja gezischt. Kein Wunder, passt mein Hintern in keinen Carioca-Bikini!! Und kein Wunder, gehört Brasilien zu den fettesten Nationen der Welt. Trotzdem ist es mir zu heiss für Sport, Figur hin oder her. Mein einziges Mittel gegen das Fett heisst Verzicht. Guaraná Zero statt Alk. Mal ein Rüebli zwischendurch statt ein kibe
Aber es fällt mir schwer, das könnt ihr mir glauben! Da kommt es mir gerade recht, dass zu Hause in der Favela zur Zeit das Januarloch gähnt. Nach dem grossen Fressen über die Festtage ist der Kühlschrank nun leer, und kochen kann man zur Zeit auch nicht (Mama und Papa hatten kein Geld mehr übrig für die Gasrechnung). Os anos gordos acabaram - die fetten Jahre sind vorbei oder so. Auch der Hund bekommt das zu spüren. In unbeobachteten Momenten macht er sich deshalb klammheimlich über unseren Abfall her. Am liebsten auf meinem Bett. 

Freitag, 3. Januar 2014

FELIZ ANO NOVO!

Brasilianer sind abergläubisch. Naja, sicher nicht alle. Aber es gibt hier jedenfalls Unmengen an Bräuchen, was den Jahreswechsel angeht: Linsen essen, aber ja kein Geflügel (da Hühner angeblich rückwärts gehen, und das will man ja selber nicht im neuen Jahr), über sieben Wellen springen, Granatapfelkerne zerkauen und dann aufbewahren, weisse Kleider tragen und neue Unterwäsche, wobei deren Farbe eine grosse Rolle spielt (rot steht für mehr Liebe im neuen Jahr, weiss für Frieden, gelb für Geld) und vieles mehr. 
Nun, tatsächlich habe ich Linsen gegessen, aber schon zum Zmittag. Und ich habe mir extra eine neue Unterhose gekauft (in Rot) und weisse Kleider für darüber. Alles nigelnagelneu und made in Brasil, weil ich mir beim Packen zu Hause gedacht hatte: weiss als Backpacker? Das wird doch nie wieder sauber!
Lasst mich hier kurz einen Abstecher zum Thema machen: in Rio ist es seit einer Woche wirklich unerträglich heiss, das Thermometer steigt tagtäglich bis auf 37 Grad (ja, genau, ich erhoffe mir an dieser Stelle etwas Mitleid, klar?!). Auch in der Nacht gibt es kaum Abkühlung. Das bedeutet also, man schwitzt ununterbrochen - nein, halt, nicht "man", ich!! Auf Schritt und Tritt läuft das Wasser an mir runter, ich sehe die ganze Zeit aus, als käme ich direkt aus der Dusche. Die Kleider könnte ich fünfmal am Tag wechseln, denn sie kleben mir schon nach wenigen Minuten am Körper. Schminken ist nicht, die Sauce verschmiert sofort und ich sehe aus wie ein Clown. Auch meine Anti-Falten-Crème kann ich vergessen, denn gemischt mit Schweiss und Sonnenschutz beschert die mir nur Akne. Sie soll die Haut ja verjüngen, aber grad Teenager will ich auch nicht mehr werden! 
Aber das scheint allein mein Problem zu sein, denn die Brasilianer sehen aus, wie aus dem Ei gepellt. Perfekt hergerichtet, das Makeup sitzt, die Kleidung auch, und da ist kein Tröpfchen Schweiss zu sehen. Wie machen die das nur?? Die laufen rum wie frisch von der Kosmetikerin, und die Züri-Tusse kann ihre Eitelkeit mal schön auf Eis legen, jedenfalls solange es hier nicht ein bisschen abkühlt. Ungeschminkt, die Haare ständig hochgesteckt, die Kleider immer nassgeschwitzt - kein hübscher Anblick! Und wie gesagt, wegen der Schweissränder bin ich auch überhaupt nicht erpicht auf weisse Kleider. Und weil ich die Neigung habe, mich ständig irgendwie schmutzig zu machen, nicht nur beim Schwitzen.
Also liess ich alles Weisse in Zürich im Schrank - um dann in meiner ersten Woche hier über  die brasilianischen Sylvesterbräuche aufgeklärt zu werden: Weiss ist Pflicht! Oder will ich etwa im neuen Jahr auf Frieden verzichten?! NÃO!!!!
Aber naja, weisse Shorts und ein dazu passendes T-Shirt waren schnell gefunden. Und meine böse Vorahnung von wegen Sauberkeit sollte sich auch bald bewahrheiten, denn die Kleider blieben grad noch so bis zur Copacabana weiss. Dann goss mir ein freundlicher Franzose einen Becher Rotwein ein - und ich mir diesen geradewegs über die Robe. PORRA!!! Und das alles noch vor Mitternacht! Ganz toll, ich sah ziemlich dämlich aus! Ein dreckiger Clochard mit einem riesigen Plastiksack. Denn wir (ein buntes Gemisch aus Gringos und Brasileiros) nahmen unsere Getränke natürlich selber mit an den Strand, um an keinem Stand Schlange stehen zu müssen. Ich hatte die wahnsinig tolle Idee, eine 2-Liter-Flasche (!) Guaraná plus ein Fläschli Aguardente ins Getümmel mitzuschleppen. Ich verfluchte diese Idee bei jedem Schritt, aber ich muss trotzdem sagen, Guaradente sollte ich mir patentieren lassen, das schmeckt wirklich saulecker! Und fährt ein...
Aber der Réveillon in Rio ist auch nüchtern der beste der Welt. Nun, der grösste scheint er jedenfalls zu sein, laut Statistik. Und es war wirklich fantastisch! Ein Meer aus weiss gekleideten Menschen drängte sich gut gelaunt an der Copacabana, den Blick hinaus aufs Meer gerichtet. Denn Punkt Mitternacht gingen dort die fogos los. Ok, ich muss sagen, ich bin und bleibe ein Fan der Feuerwerke mit dazu passender Musik über dem Zürisee (die sind ungeschlagen!), aber hey, auch Rio liess sich nicht lumpen! Und die Stimmung hier war ausgelassener als am Zürifäscht, man nützte Sylvester schon ein bisschen zum Vorglühen für die Fussball-WM im Juni, hatte ich das Gefühl. Man wünschte sich rundherum herzlich Feliz Ano Novo!, auch wenn man sich überhaupt nicht kannte. Und dann genoss man einfach das Leben.

Aber auch die schönste Nacht hat mal ein Ende, und wenn´s dann in den frühen Morgenstunden ans Nachhausekomen geht, fängt der Spass erst richtig an. Viele Strassen sind wegen des Festes abgesperrt, überall wimmelt es von Menschen. Wo, um Gottes Willen, fährt der richtige Bus? Wo gibt´s ein Taxi? Viele Brasilianer nehmen diese logistischen Schwierigkeiten ja ziemlich gelassen, jedenfalls waren viele mit Sack und Pack an die Copacabana gekommen, sie übernachteten in Zelten oder einfach im Sand liegend. Und zwar nicht nur die jungen, betrunkenen Feierwütigen, nein, ich habe auch Grossmütter auf Liegestühlen oder Strandmatten gesehen. 
Aber dieses nächtliche Camping war nichts für mich. Ich wollte nicht am Morgen aufstehen mit Sand in sämtlichen Körperöffnungen und verfilzten Haaren, immer noch die selben, dreckigen und stinkigen Kleider am Körper und mit promillehaltigem Mundgeruch - ja, ihr merkt, ich habe darin bereits Erfahrung. Been there, done that. Ich brauchte eine Dusche und ein Bett, also musste ich wohl oder übel den Heimweg finden. Ich weiss, dem unzählichen Anstossen sei Dank, nicht mehr alles über die Odyssee, nur noch, dass wir so einige Kilometer zurücklegten, um auf öffentliche Verkehrsmittel zu stossen, und schliesslich herauszufinden, dass die Metro schon lange geschlossen war, und mein Bus doch am anderen Ende der Stadt fuhr. Naja, egal, wir kamen alle dann doch noch irgendwie gesund nach Hause.
Und meine brasilianische Familie in der Favela war in der Morgendämmerung auch noch auf. Sie war nämlich zu Hause geblieben, das ganze Wirrwarr an der Copacabana ist ihr zuviel. Aber auch sie hatte wild Sylvester gefeiert und zusätzlich auch noch Mama, die nämlich am gleichen Tag Geburtstag hat, an dem das alte Jahr stirbt. Die Wohnung sah dementsprechend aus, als wäre auch dort ein Feuerwerk explodiert. Aber dafür waren mal wieder Unmengen an Resten des Geburtstagsschmauses übrig, inklusive Schokoladentorte. So konnte ich vor dem Schlafengehen noch meinen Kater etwas therapieren...

Das Aufwachen war fies, in meinem Kopf hämmerte es wie auf einer Baustelle. Aber am späten Nachmittag kam ich doch wieder in die Gänge und traf mich mit den Gringos in Ipanema. Wir gingen in die Favela Cantagalo. Die ist selber zwar nicht gerade schön, aber dort gibt es einen Hügel, auf den man raufklettern kann und dann den Überblick hat über ganz Rio. Dort verbrachten wir den ersten Tag des neuen Jahres und sahen Bier trinkend und Chips essend zu, wie die Sonne langsam hinter den Morros Dois Irmãos verschwand, und wie dann in der ganzen Stadt die Lichter angingen, auch beim Cristo Redentor, der hoch auf dem Corcovado über alles wacht.

Meine weissen Sylvesterkleider liegen seit da in Seife, ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, sie doch noch irgendwie retten zu können.

Und auch wenn nicht: ich konnte mir keinen besseren Start ins 2014 vorstellen. Hoffen wir, dass das Jahr so weitergeht, wie es begonnen hat. Feliz Ano Novo auch euch allen!