Ich sitze wieder mal im Internet-Laden in meiner Favela, zusammen mit einem Dutzend fünf- bis zehnjähriger Knirpse, die an den anderen Computern um mich herum die übelsten Ballerspiele zocken - so laut, dass es mir weh tut in den Ohren. Und ich bin wieder mal sehr dankbar, habe ich damals in der Migros Klubschule das Zehn-Finger-System gelernt, denn auf meinen Tasten sind die Zeichen kaum mehr erkennbar, meine Finger finden sie zum Glück automatisch... eine angenehme Art, den superheissen Sommerabend hier in Rio ausklingen zu lassen!
Womit wir beim Thema meiner Serie wären: Rio de Janeiro ist schön, faszinierend, fröhlich, warm (vor allem jetzt im Janeiro), und doch funktioniert halt nicht alles ganz so, wie es meiner Meinung nach sollte in einem Land, das bald die Fussball-WM und später die Olympischen Spiele austragen wird. Und das 200 Millionen Einwohner hat.
Jep, ihr erratet es schon, es geht im ersten Teil mal wieder um den hiesigen ÖV, den ich immer noch tagtäglich benutze. Mit Freude, muss ich sagen, denn langsam hab ich den Kniff raus! Ich weiss jetzt, welche Busse mich wohin bringen und wie ich es schaffe, einen zu erwischen, der nicht ganz so hoffnungslos überfüllt ist. Denn es gibt fast nichts Schöneres, als in einem Rio-Bus am offenen Fenster sitzen zu können, den kühlen Fahrtwind in den Haaren und ohne Angst, bei der nächsten Kurve unerwartet auf seinen Mit-Passagieren zu liegen, was einem stehend nämlich nicht selten passiert.
Puta que pariu!
Trotzdem, im Grossen und Ganzen hat der ÖV hier noch einiges an Verbesserungspotential. Und das fängt schon beim Einsteigen an: so weit muss man erstmal kommen. In Rio gibt es kaum amtliche Bushaltestellen, man muss den Bus selber anhalten, indem man am Strassenrand Handzeichen gibt. Das kann man allerdings auch nicht ganz überall, wie ich gemerkt habe, ich verstehe aber wirklich nicht, wie man sieht, wo eine "Haltestelle" ist und wo nicht, deshalb kucke ich einfach immer zuerst, wo schon andere Leute auf den Bus warten und geselle mich dann dazu.
Die nächste Schwierigkeit: man kann nur ganz vorne rein und nur ganz hinten raus. Wenn man einsteigt, dann zahlt man sein Ticket direkt beim Chauffeur. Das dauert natürlich ewig, denn wer hat schon die 2 Reais 75 immer grad genau abgezählt zur Hand? Der Chauffeur muss also erst mal all das Geld einziehen und Rückgeld raussuchen. Und manchmal muss er dazu gleichzeitig auch noch fahren. Damit erklärt sich auch, warum er gelegentlich schon anfährt, wenn ich noch auf dem Trittbrett stehe - multitask ist halt nicht jedermanns Sache. Natürlich habe ich mir, ganz Schweizerin, eine
cartão zugelegt, also eine Art ZVV-Abo für Rio, das man immer wieder aufladen kann und so nicht erst nach Münz in seinen Taschen suchen muss, wenn man Bus fahren will. Die Karte hält man dann so an einen Scanner. Und hält. Und hält. Und hält... bis es grün wird. Tja, die cartão macht´s nicht schneller, aber ein bisschen praktischer...
No entanto, wenn man dann also mal bezahlt hat, kann man das Drehkreuz zu den Sitzplätzen passieren. Ja, richtig, ein Drehkreuz im Bus. Super angenehm, sich bei voller Fahrt da durchzuzwängen. Noch angenehmer, wenn man dick, alt oder Elternteil ist. Kinder bis 5 fahren nämlich gratis, allerdings muss man sie dazu erstmal über das Drehkreuz hieven. Übrigens: nein, Kinderwagen passen hier nirgends rein. Einkaufstaschen eigentlich auch nicht. Für Rollstühle ist meistens ein Platz reserviert, aber ich habe noch nie einen gesehen. Verständlicherweise.
Manchmal gibt es beim Drehkreuz einen
cobrador, der thront dort auf seinem erhöhten Sitz und lässt sich anstelle des Chauffeurs bezahlen. Das macht die Sache aber nicht schneller oder weniger gefährlich, denn meistens plaudert der cobrador munter mit dem Chauffeur, was nicht gerade zu dessen Konzentration beiträgt. Ich weiss auch nicht genau, wie in Rio die Fahrschule für angehende Buschauffeure aussieht und ich sehe nirgends Tafeln mit Geschwindigkeitsbegrenzungen. Allerdings scheint hier nicht die Devise zu gelten, lieber etwas langsamer, dafür sicherer. Nein, wenn es freie Fahrt gibt (wobei das sehr selten ist, meistens geht´s im Schrittempo durch das Verkehrschaos), dann wird zünftig auf die Tube gedrückt. So zünftig, dass ich schon ein paar Mal Angst hatte, jetzt dann grad von der Klippe ins Meer zu stürzen, denn der Bus kippt in einer engen Kurve schon mal bedrohlich auf die Seite. Ich stelle mir dann vor, was das für seltsame Schlagzeilen in den brasilianischen Medien geben würde: "Bus auf dem Weg zur Copacabana verunfallt. 150 Tote (bei nur 80 Plätzen), darunter eine Ausländerin (in meinem Bus aus der Favela, der sinnigerweise auch noch Rocinha passiert, treffe ich nie Nicht-Brasilianer an). Naja, diese Gedanken schiebe ich dann aber immer ganz schnell wieder zur Seite. Aber ihr seht, es ist viel angenehmer, wenn man in einem Bus in Rio de Janeiro sitzen kann, wenn man sich nicht die ganze Fahrt über krampfhaft an die Stangen klammern und wie beim Surfen die ganze Zeit sein Gewicht verlagern will, um aerodynamisch zu bleiben.

Aber das Schwierigste kommt erst noch zum Schluss, wenn man aussteigen will. Wohlgemerkt, man sollte genau wissen, WO man raus will. Man tut gut daran, sich ein paar Gebäude oder Strassentafeln zu merken, denn eben, normale Bushaltestellen my ass. Der Bus hält, wenn man den Knopf drückt oder an der Schnur unter der Decke zieht (ich hab den Unterschied noch nicht herausgefunden) - also, dann hält er MEISTENS und macht die hintere Türe auf. Manchmal aber auch nicht, dann wird es ziemlich unruhig im Bus. Die Passagiere, die rauswollen, schreien von hinten ungehalten zum Chauffeur nach vorne ("Motorista, pare!!!!"), und sie bekommen eigentlich auch immer, was sie wollen.
Jedenfalls, wenn man also rauswill, dann muss man sich früh genug durch den Bus nach hinten zwängen ("Com licença! Com liceeennnççaaaa!!! Ai, disculpe!!"), denn durch das Drehkreuz vorne kann man nicht mehr und andere Türen gibt es meistens nicht. Das Ganze ist also ein bisschen tricky und unbequem, und wie gesagt, diese Umstände bescheren mir nicht selten einen ungeplanten, längeren Spaziergang - die Züritusse hat eben keinen guten Orientierungssinn und steigt öfters mal zu früh oder zu spät aus.
Also, ich fasse zusammen: Busfahren braucht hier Zeit und Nerven. Meiner Meinung nach aber völlig unnötigerweise! Es wäre ganz einfach: Das Drehkreuz muss weg, mann muss vorne UND hinten ein- und aussteigen können und das Ticket schon vor der Fahrt parat haben. Oder könnt ihr euch wirklich vorstellen, dass während der WM tausende Fussballfans aus aller Welt erst vor dem Chauffeur stundenlang Schlange stehen, um überhaupt mal IN den Bus zu gelangen? Und wie sie dann alle wieder rauskommen, vor allem am richtigen Ort, das möchte ich mir erst gar nicht vorstellen...
Ausserdem braucht es dringend ein paar Busse mehr, denn sie sind viel zu überfüllt. Manchmal kommen sie kaum mehr den Hügel hinauf, den Leblon von der Barra da Tijuca trennt, so schwer sind sie. Ich habe nicht nur einmal erlebt, wie am steilen Hang plötzlich der Motor versagte. Bis jetzt war es immer nur der Motor, nicht die Bremse, zum Glück...
Übrigens motze nicht nur ich als verwöhnte Schweizerin über den brasilianischen ÖV, sondern auch die Brasilianer selber. Sie finden ihre Busse auch unmöglich, nehmen die ewige Warterei und die halsbrecherischen Fahrten in den viel zu heissen Sardinenbüchsen aber gelassen, schliesslich sind sie es sich gewöhnt. Aber ich hoffe schon, dass Rio noch rechtzeitig zur WM mit dem Ausbau der U-Bahn fertig wird, denn auch der wurde in der Vergangenheit immer wieder verschoben. Naja, was heisst "bis zur WM", eigentlich hoffe ich, dass das Ganze überhaupt fertig wird, denn es soll ja nicht nur den Touristen dienen, sondern vor allem den cariocas! Es ist eh eine Schande, gibt es die ganzen Baustellen in dieser Stadt nur wegen dieses doofen sportlichen Grossanlasses, offenbar sind es die Einwohner der Regierung sonst nicht wert!
Aber eben, ein Lob der U-Bahn, die funktioniert eigentlich tipptopp, ausser, dass es sie bis jetzt nur im Ostteil der Stadt gibt, was wenig Sinn macht. Und ok, manchmal fährt auch mal eine U-Bahn vor, öffnet die Türen nicht, und fährt dann leer wieder weg, was ich auch nicht so ganz verstehe. Und ich brauche eine extra cartão dafür, die für den Bus geht nämlich wirklich NUR für den Bus, so eine Art GA wäre noch ganz angenehm. Aber das kann ich noch alles ganz gut hinnehmen...
Ich will mich auch nicht nur beschweren, denn eigentlich fahre ich in Rio echt ganz gerne mit dem ÖV. Vor allem im Bus ist es immer wieder interessant. Hier die Top 3 meiner Lieblingsszenen:
1. Auf den beiden Plätzen schräg neben mir sitzen eine Mutter und ihre zwei Töchter, so 2 und 5 Jahre alt. Die Kleinere muss plötzlich kotzen, und zwar so richtig! Der ganze Brei ergiesst sich über die Mutter, die Schwester und sie selber, eine Riesensauerei! Während ich mich mit Würgegefühlen abwenden muss, bleibt die Mutter ganz ruhig, ja, muss sich sogar ein Lächeln verkneifen. Sie nimmt ihr Strandtuch, dass sie glücklicherweise gerade dabei hat (ironischerweise in Form der brasilianischen Flagge ordem e progresso), putzt sich und die Kinder so gut es geht damit sauber, und dann hat sich das Thema auch schon erledigt. Kein Geglotze, kein Geschrei, keine Tränen. Ich staune.
2. Der Bus muss mal wieder eine Vollbremsung machen. Eine Frau, die vor mir eingeschlafen ist, rutscht von ihrem Sitz und landet unsanft auf ihrem bum bum. Sauer ist sie aber nicht, sie muss lachen.
3. Ich steige ein, und das Innere des Busses ist mit bunten Ballonen geschmückt. Es ist kein Feiertag, Karneval hat noch nicht begonnen, ich habe nicht Geburtstag und der Chauffeur auch nicht. Keiner weiss, wieso da Ballone hängen, aber sie sind da.
Der ÖV in Rio ist scheisse, aber irgendwie lustig.