Es musste ja mal noch was schiefgehen. Ich meine, bisher war auf meinem Brasilien-Trip alles so total rund gelaufen, ich bin selber überrascht. Alle Busse, die ich gebucht hatte, fuhren, alle Flugzeuge flogen, die Schule hatte geklappt, ich wurde noch nie überfallen oder bestohlen, verlor den Pass nicht, war nie ernsthaft krank, hatte keinen Unfall, keine Kakerlaken im Bett der Pousada, und alles, was ich plante wurde auch tatsächlich umgesetzt. Kurz: alle befürchteten Pleiten und Pannen, die einem auf einer Reise gerne mal das Leben schwermachen, waren bisher ausgeblieben.
Bisher.
Denn schon in Salvador de Bahia bahnte sich das Unglück an: Ich steige in den Nachtbus nach Maceió und bin erstens wieder einmal schwerst depressiv, denn dieses ewige Abschiednehmen geht mir doch extrem an die Nieren. Erst tschüss, minha familia brasileira in Rio, dann tschüss, neue schwedische Freundin in Foz do Iguaçu (zum zweiten Mal) und dann auch noch tschüss, primo in Salvador. Macht´s gut, bis irgendwann, keine Ahnung, wann und ob ich euch wiedersehen werde. So ein Mist, ehrlich! Eu odeio despedidas!!
Zweitens trägt der Nachtbus nicht gerade zu einer besseren Laune bei. Ich weiss einfach nicht, warum es in öffentlichen Verkehrsmitteln, in denen man länger als eine Stunde zubringt, immer so verdammt kalt sein muss!! Ist die voll aufgedrehte Aircondition eigentlich im Ticketpreis inbegriffen? Dann verlange ich Geld zurück. Sollen die 2 Grad drinnen von den 32 Grad draussen ablenken? Danke, gelungen, aber beides ist unerträglich! Will man demm mit aller Gewalt verhindern, dass sich die Leute wohlfühlen in ihren Sitzen? Sollen sie etwa auf keinen Fall einschlafen??
Nun, für mich ist das aber genau der Sinn eines Nachtbusses: die Reisezeit verschlafen, anstatt sich tödlich zu langweilen. Aber da ich leider kein Eisbär bin, fällt es mir ziemlich schwer, mich in der Antarktis zu entspannen. Ergo bleibe ich zehn Stunden ohne Schlaf, und meine Laune rutscht noch tiefer in den Keller.
In Maceió angekommen, will ich nur noch in ein Taxi und in mein Hostel - ja, tatsächlich, ich hatte es geschafft, noch einen Tag vor meiner Abreise eine Unterkunft zu buchen, worauf die superspontane und unorganisierte Züri-Tussi mächtig stolz ist! So stolz, dass sie den drei englischen Mädchen Anfang 20, die im selben Bus mitgefahren sind, vorschlägt, doch gleich mitzukommen. Denn die sind noch spontaner und unorganisierter als ich und haben somit noch keine Ahnung, wo sie die Nacht verbringen sollen (ausser, dass es nicht wieder in einem saukalten Bus sein soll).
Aber die unangenehme Anreise war nur ein schlechtes Omen für all das, was noch kommen sollte. Denn als ich am Taxistand beim Busbahnhof sage, wohin ich will, werden nur Stirnen gerunzelt und Schultern gezuckt. Das geht so weit, dass schliesslich sämtliche Taxifahrer vor Ort über meinem iphone stehen, auf welchem ich die Buchungsbestätigung mit der Adresse aufgeschaltet habe. Nein, dieses Hostel kennen sie nicht, keine Ahnung. Ja, sage ich, vielleicht ist es ja neu, aber ich habe ja die exakte Adresse, wieso fahren wir nicht einfach dahin? Aber niemand hat je von diesem Hostel gehört, wird mir entgegnet. Aber ihr wisst, wo diese Strasse ist? Ja. Então, gente, vamos pra lá, qual é o problema?? Nein, zuerst noch die Zentrale anfunken. Oh, die hat auch keine Ahnung. Nein, dann können wir nicht abfahren.
Ich muss mich mächtig zusammenreissen, um nicht ausfällig zu werden! Herrgott nochmal, ich habe keinen Bock, nach einer Nacht im Tiefkühler mit brasilianischen Taxifahrern darüber zu fachsimpeln, ob dieses Hostel nun tatsächlich existiert oder nur eine Illusion ist!! Und schon gar nicht mit einem drei Tonnen schweren Rucksack am Rücken und einem Ein-Tönner vor der Brust (wie war das noch? Ich wollte auf meiner Reise an Gepäckgewicht verlieren und nicht zulegen? Ok, vielleicht sind doch nicht GANZ alle Pläne aufgegangen...). Fahren wir jetzt einfach dahin und schauen halt nach, viu??!!
Die drei Britinnen sind schon misstrauisch geworden, ich übersetze ihnen meinen Streit mit den Herren. Vielleicht doch lieber auf eigene Faust ein Hostel suchen? Nein nein, beschwichtige ich. Meines hat tolle Referenzen und liegt nahe am Strand, ich hab´s doch im Internet gesehen! Und das lügt nicht!
Endlich "opfert" sich einer der Taxifahrer und verstaut unsere Baggage im Kofferraum. Wir dürfen einsteigen.
Gut, wir fahren also zu der angegebenen Adresse. Die existiert auch, alles gut. Nur, an der besagten Strassennummer befindet sich kein Hostel. Es sieht mehr wie der Eingang eines Privatgrundstückes aus, keine Beschriftung, keine Name, nichts, nur eine grosse weisse Tür, umgeben von einer hohen Mauer. Keine Ahnung, was dahinterliegt. Jedenfalls ist es totenstill. Klingt nicht gerade nach populärer und ausgebuchter Herberge.
Ich gehe zur Türklingel. Tatsächlich, da prangt ein klitzekleiner Aufkleber mit dem Logo meines gebuchten Hostels daneben. Schreibt man neuerdings so eine Touristenunterkunft an? Ist das moderne Werbung oder was??
Ich klingle. Dreimal, viermal, fünfmal. Nichts. Ok, es ist früh am Morgen, aber auf der Website hatte das Hostel eine 24-Stunden-Reception angepriesen.
Ähää!
Es nützt alles nichts. Niemanden scheint mein Sturmläuten zu interessieren. Gibt es dieses Hostel oder nicht? Ich werde es wohl nie herausfinden, denn ich habe nicht vor, es noch einmal zu kontaktieren, geschweige denn, zu bezahlen.
Ich und die Britinnen sitzen wieder ins Taxi und lassen uns zu einem anderen Hostel chauffieren, das wir so auf die Schnelle im Lonely Planet gefunden haben. Das ist nun tatsächlich gross, klar und deutlich angeschrieben, aber auch hier reagiert niemand auf unser Klingeln. Vielleicht doch noch zu früh? Und es ist ja erst noch Sonntag. Wobei: das sollte einem Hostel doch eigentlich egal sein, das kennt kein Wochenende, oder?
Wir beschliessen, erstmal frühstücken zu gehen und ein bisschen Zeit verstreichen zu lassen, denn wir sind müde und hungrig und scheisse gelaunt. Ein bisschen Koffein würde uns hoffentlich wieder Mut machen. Und irgendwann MUSSTE ja wohl irgendwer in dieser Stadt aufwachen, oder etwa nicht?? Ich versuche, Maceió nicht schon von Anfang an zu hassen... Relaxe, moça, relaxe! Entspann dich, Mädchen!
Das einzige Café, das bereits geöffnet hat, befindet sich an einer Tankstelle. Nicht grad romantisch, aber wenigstens mit Zmorgenbuffet und richtigem Cappuccino. Langsam geht´s mir wieder etwas besser.
Wir fragen den Kellner, wann hier denn an einem Sonntagmorgen die Hotels und so aufmachten. Also, die Receptionen müssten jetzt eigentlich schon längst besetzt sein, meint er.
Eine der Britinnen macht sich nach rund anderthalbstündiger Verschnaufpause deshalb auf, zurück zum letzten Hostel. Wir warten.
Und warten.
Langsam machen wir uns Sorgen. Hat sie sich etwa verlaufen? Oder bezieht sie schon erleichtert unsere Betten?
Nichts von alledem, sie kommt zurück und berichtet uns, dass sie zwar Leute im Gebäude höre, aber niemand auf ihr Klingeln und Rufen reagiere. Und auch das andere Hostel gleich nebenan mache keinen Wank.
Puta que pariu!
Schön, gibt es neben dem guten Buffet in unserem Café auch noch wifi! So können die jungen Mädels und ich online nach einer Alternative zum Übernachten forschen. Ich merke aber schon bald, dass wir uns bei diesem Thema nicht so ganz einig sind. Die drei wollen so wenig wie möglich für ihr Bett ausgeben, ich fühle mich aber längst aus dem Alter raus, in welchem ich noch in Zehner-Schlägen auf dreckigen Laken und Läusen liegen möchte. Ich weiss, mit Anfang 20 fehlt eben noch das Geld für bessere Optionen, so ging es mir damals auch. Aber wenn man mit Mitte 30 reist, dann hat man sich doch langsam ein kleines Bisschen Luxus verdient, nicht wahr? Also zum Beispiel ein Einzelzimmer anstatt einen Massenschlafsaal.
Egal, wir einigen uns auf eine Bleibe und schultern unsere Rucksäcke. Natürlich wollen wir zu Fuss dahingehen, schliesslich soll auch beim Geld fürs Taxi oder den Bus gespart werden.
Gut. Wir laufen und laufen. Irgendwie ist das Hostel eben doch weiter weg als auf googlemaps nachgeschaut. Unterwegs passieren wir verschiedene Pousadas. Und siehe da: die haben sogar geöffnet! Ich frage in jedem nach freien Betten und den Preisen. Aber den Britinnen passt nie eine der Optionen.
Schliesslich habe ich die Schnauze voll, mein Rücken schmerzt vom Schleppen, ich bin schwitzig, unausgeschlafen, ungekämmt und ungehalten. Bei der nächsten Pousada mit einigermassen annehmbaren Konditionen trennen sich die Wege von mir und den Girls, ich bleibe.
Mein Zimmer ist ok. Blick vom Fenster auf eine Hauswand zwar und Röhrenfernseher mit nur drei wackligen Kanälen und ohne Fernbedienung. Und wenn man duscht, setzt man das gesamte Bad unter Wasser, weil es keine Wanne gibt.
Aber dafür eine Air Condition (hier kann ich die Temperatur ja schliesslich auch selber bestimmen!), ein sauberes Bett, einen kleinen Kühlschrank und eine ziemlich zentrale Lage. Das Frühstück wird jeweils neben der Reception serviert, während dort das Personal in aller Lautstärke die Morgennachrichten guckt.
Ich beginne langsam, Maceió zu mögen. Und hoffe, dass dieser kleine Zwischenfall eine einmalige Einlage bleibt, sozusagen die Ausnahme von der Regel, die Anekdote, die man zu Hause dann seinen Freunden und der Familie erzählt und dabei herzlich darüber lacht.
Aber dafür eine Air Condition (hier kann ich die Temperatur ja schliesslich auch selber bestimmen!), ein sauberes Bett, einen kleinen Kühlschrank und eine ziemlich zentrale Lage. Das Frühstück wird jeweils neben der Reception serviert, während dort das Personal in aller Lautstärke die Morgennachrichten guckt.
Ich beginne langsam, Maceió zu mögen. Und hoffe, dass dieser kleine Zwischenfall eine einmalige Einlage bleibt, sozusagen die Ausnahme von der Regel, die Anekdote, die man zu Hause dann seinen Freunden und der Familie erzählt und dabei herzlich darüber lacht.
Haha.
Maceió ist die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Alagoas an der Ostküste und zählt rund eine Million Einwohner. Ich habe im Vorfeld mal eine Reportage gesehen, in der Maceió als gefährlichste Stadt Brasiliens bezeichnet wurde und sogar als drittgefährlichste der Welt (an Platz 1 und 2 kann ich mich leider nicht mehr erinnern). Sehr hohe Mordrate, viele Drogen, Überfälle und so.
Nun, von alledem habe ich zum Glück nichts mitbekommen. Meiner Meinung nach hat der Ort eigentlich nur ETWAS Aufregendes zu bieten: wunderschöne Strände mit türkisblauem Wasser. Ansonsten ist Maceió eher etwas gähn, nach meinem Geschmack.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich dazu hinreissen liess, eine Bustour zu den abgelegenen Stränden der Gegenden zu buchen. Naja, ich bin ja wie bereits schon erwähnt kein Fan von diesen supertouristischen, ultraorganisierten Gruppendingen, aber das Ticket war spottbillig und ich dachte, dass sei der einfachste Weg, an diese Orte zu gelangen. Aber als im Minibus der Chauffeur plötzlich sein Funkmikrofon einschaltete und von paradas de quince minutos pra tirar fotos zu labern begann, wollte ich weinen.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich dazu hinreissen liess, eine Bustour zu den abgelegenen Stränden der Gegenden zu buchen. Naja, ich bin ja wie bereits schon erwähnt kein Fan von diesen supertouristischen, ultraorganisierten Gruppendingen, aber das Ticket war spottbillig und ich dachte, dass sei der einfachste Weg, an diese Orte zu gelangen. Aber als im Minibus der Chauffeur plötzlich sein Funkmikrofon einschaltete und von paradas de quince minutos pra tirar fotos zu labern begann, wollte ich weinen.
Naja, ich hab´s überlebt und mir geschworen, nie wieder eine solche Dummheit zu begehen. Ich konnte in Maceió also ein paar Tage nichts anderes tun, als mich zu entspannen. Was auch sein Gutes hat, denn schliesslich steht als nächstes der berühmte und wilde Carnaval an...


















