Freitag, 28. Februar 2014

Relaxe!

Es musste ja mal noch was schiefgehen. Ich meine, bisher war auf meinem Brasilien-Trip alles so total rund gelaufen, ich bin selber überrascht. Alle Busse, die ich gebucht hatte, fuhren, alle Flugzeuge flogen, die Schule hatte geklappt, ich wurde noch nie überfallen oder bestohlen, verlor den Pass nicht, war nie ernsthaft krank, hatte keinen Unfall, keine Kakerlaken im Bett der Pousada, und alles, was ich plante wurde auch tatsächlich umgesetzt. Kurz: alle befürchteten Pleiten und Pannen, die einem auf einer Reise gerne mal das Leben schwermachen, waren bisher ausgeblieben.
Bisher.

Denn schon in Salvador de Bahia bahnte sich das Unglück an: Ich steige in den Nachtbus nach Maceió und bin erstens wieder einmal schwerst depressiv, denn dieses ewige Abschiednehmen geht mir doch extrem an die Nieren. Erst tschüss, minha familia brasileira in Rio, dann tschüss, neue schwedische Freundin in Foz do Iguaçu (zum zweiten Mal) und dann auch noch tschüss, primo in Salvador. Macht´s gut, bis irgendwann, keine Ahnung, wann und ob ich euch wiedersehen werde. So ein Mist, ehrlich! Eu odeio despedidas!!
Zweitens trägt der Nachtbus nicht gerade zu einer besseren Laune bei. Ich weiss einfach nicht, warum es in öffentlichen Verkehrsmitteln, in denen man länger als eine Stunde zubringt, immer so verdammt kalt sein muss!! Ist die voll aufgedrehte Aircondition eigentlich im Ticketpreis inbegriffen? Dann verlange ich Geld zurück. Sollen die 2 Grad drinnen von den 32 Grad draussen ablenken? Danke, gelungen, aber beides ist unerträglich! Will man demm mit aller Gewalt verhindern, dass sich die Leute wohlfühlen in ihren Sitzen? Sollen sie etwa auf keinen Fall einschlafen??
Nun, für mich ist das aber genau der Sinn eines Nachtbusses: die Reisezeit verschlafen, anstatt sich tödlich zu langweilen. Aber da ich leider kein Eisbär bin, fällt es mir ziemlich schwer, mich in der Antarktis zu entspannen. Ergo bleibe ich zehn Stunden ohne Schlaf, und meine Laune rutscht noch tiefer in den Keller. 
In Maceió angekommen, will ich nur noch in ein Taxi und in mein Hostel - ja, tatsächlich, ich hatte es geschafft, noch einen Tag vor meiner Abreise eine Unterkunft zu buchen, worauf die superspontane und unorganisierte Züri-Tussi mächtig stolz ist! So stolz, dass sie den drei englischen Mädchen Anfang 20, die im selben Bus mitgefahren sind, vorschlägt, doch gleich mitzukommen. Denn die sind noch spontaner und unorganisierter als ich und haben somit noch keine Ahnung, wo sie die Nacht verbringen sollen (ausser, dass es nicht wieder in einem saukalten Bus sein soll). 
Aber die unangenehme Anreise war nur ein schlechtes Omen für all das, was noch kommen sollte. Denn als ich am Taxistand beim Busbahnhof sage, wohin ich will, werden nur Stirnen gerunzelt und Schultern gezuckt. Das geht so weit, dass schliesslich sämtliche Taxifahrer vor Ort über meinem iphone stehen, auf welchem ich die Buchungsbestätigung mit der Adresse aufgeschaltet habe. Nein, dieses Hostel kennen sie nicht, keine Ahnung. Ja, sage ich, vielleicht ist es ja neu, aber ich habe ja die exakte Adresse, wieso fahren wir nicht einfach dahin? Aber niemand hat je von diesem Hostel gehört, wird mir entgegnet. Aber ihr wisst, wo diese Strasse ist? Ja. Então, gente, vamos pra lá, qual é o problema?? Nein, zuerst noch die Zentrale anfunken. Oh, die hat auch keine Ahnung. Nein, dann können wir nicht abfahren.
CARALHO!!!
Ich muss mich mächtig zusammenreissen, um nicht ausfällig zu werden! Herrgott nochmal, ich habe keinen Bock, nach einer Nacht im Tiefkühler mit brasilianischen Taxifahrern darüber zu fachsimpeln, ob dieses Hostel nun tatsächlich existiert oder nur eine Illusion ist!! Und schon gar nicht mit einem drei Tonnen schweren Rucksack am Rücken und einem Ein-Tönner vor der Brust (wie war das noch? Ich wollte auf meiner Reise an Gepäckgewicht verlieren und nicht zulegen? Ok, vielleicht sind doch nicht GANZ alle Pläne aufgegangen...). Fahren wir jetzt einfach dahin und schauen halt nach, viu??!!
Die drei Britinnen sind schon misstrauisch geworden, ich übersetze ihnen meinen Streit mit den Herren. Vielleicht doch lieber auf eigene Faust ein Hostel suchen? Nein nein, beschwichtige ich. Meines hat tolle Referenzen und liegt nahe am Strand, ich hab´s doch im Internet gesehen! Und das lügt nicht!
Endlich "opfert" sich einer der Taxifahrer und verstaut unsere Baggage im Kofferraum. Wir dürfen einsteigen.

Gut, wir fahren also zu der angegebenen Adresse. Die existiert auch, alles gut. Nur, an der besagten Strassennummer befindet sich kein Hostel. Es sieht mehr wie der Eingang eines Privatgrundstückes aus, keine Beschriftung, keine Name, nichts, nur eine grosse weisse Tür, umgeben von einer hohen Mauer. Keine Ahnung, was dahinterliegt. Jedenfalls ist es totenstill. Klingt nicht gerade nach populärer und ausgebuchter Herberge.
Ich gehe zur Türklingel. Tatsächlich, da prangt ein klitzekleiner Aufkleber mit dem Logo meines gebuchten Hostels daneben. Schreibt man neuerdings so eine Touristenunterkunft an? Ist das moderne Werbung oder was??
Ich klingle. Dreimal, viermal, fünfmal. Nichts. Ok, es ist früh am Morgen, aber auf der Website hatte das Hostel eine 24-Stunden-Reception angepriesen. 
Ähää!
Es nützt alles nichts. Niemanden scheint mein Sturmläuten zu interessieren. Gibt es dieses Hostel oder nicht? Ich werde es wohl nie herausfinden, denn ich habe nicht vor, es noch einmal zu kontaktieren, geschweige denn, zu bezahlen.
Ich und die Britinnen sitzen wieder ins Taxi und lassen uns zu einem anderen Hostel chauffieren, das wir so auf die Schnelle im Lonely Planet gefunden haben. Das ist nun tatsächlich gross, klar und deutlich angeschrieben, aber auch hier reagiert niemand auf unser Klingeln. Vielleicht doch noch zu früh? Und es ist ja erst noch Sonntag. Wobei: das sollte einem Hostel doch eigentlich egal sein, das kennt kein Wochenende, oder?
Wir beschliessen, erstmal frühstücken zu gehen und ein bisschen Zeit verstreichen zu lassen, denn wir sind müde und hungrig und scheisse gelaunt. Ein bisschen Koffein würde uns hoffentlich wieder Mut machen. Und irgendwann MUSSTE ja wohl irgendwer in dieser Stadt aufwachen, oder etwa nicht?? Ich versuche, Maceió nicht schon von Anfang an zu hassen... Relaxe, moça, relaxe! Entspann dich, Mädchen!

Das einzige Café, das bereits geöffnet hat, befindet sich an einer Tankstelle. Nicht grad romantisch, aber wenigstens mit Zmorgenbuffet und richtigem Cappuccino. Langsam geht´s mir wieder etwas besser. 
Wir fragen den Kellner, wann hier denn an einem Sonntagmorgen die Hotels und so aufmachten. Also, die Receptionen müssten jetzt eigentlich schon längst besetzt sein, meint er.
Eine der Britinnen macht sich nach rund anderthalbstündiger Verschnaufpause deshalb auf, zurück zum letzten Hostel. Wir warten. 
Und warten. 
Langsam machen wir uns Sorgen. Hat sie sich etwa verlaufen? Oder bezieht sie schon erleichtert unsere Betten?
Nichts von alledem, sie kommt zurück und berichtet uns, dass sie zwar Leute im Gebäude höre, aber niemand auf ihr Klingeln und Rufen reagiere. Und auch das andere Hostel gleich nebenan mache keinen Wank.
Puta que pariu! 
Schön, gibt es neben dem guten Buffet in unserem Café auch noch wifi! So können die jungen Mädels und ich online nach einer Alternative zum Übernachten forschen. Ich merke aber schon bald, dass wir uns bei diesem Thema nicht so ganz einig sind. Die drei wollen so wenig wie möglich für ihr Bett ausgeben, ich fühle mich aber längst aus dem Alter raus, in welchem ich noch in Zehner-Schlägen auf dreckigen Laken und Läusen liegen möchte. Ich weiss, mit Anfang 20 fehlt eben noch das Geld für bessere Optionen, so ging es mir damals auch. Aber wenn man mit Mitte 30 reist, dann hat man sich doch langsam ein kleines Bisschen Luxus verdient, nicht wahr? Also zum Beispiel ein Einzelzimmer anstatt einen Massenschlafsaal.
Egal, wir einigen uns auf eine Bleibe und schultern unsere Rucksäcke. Natürlich wollen wir zu Fuss dahingehen, schliesslich soll auch beim Geld fürs Taxi oder den Bus gespart werden.
Gut. Wir laufen und laufen. Irgendwie ist das Hostel eben doch weiter weg als auf googlemaps nachgeschaut. Unterwegs passieren wir verschiedene Pousadas. Und siehe da: die haben sogar geöffnet! Ich frage in jedem nach freien Betten und den Preisen. Aber den Britinnen passt nie eine der Optionen. 
Schliesslich habe ich die Schnauze voll, mein Rücken schmerzt vom Schleppen, ich bin schwitzig, unausgeschlafen, ungekämmt und ungehalten. Bei der nächsten Pousada mit einigermassen annehmbaren Konditionen trennen sich die Wege von mir und den Girls, ich bleibe.
Mein Zimmer ist ok. Blick vom Fenster auf eine Hauswand zwar und Röhrenfernseher mit nur drei wackligen Kanälen und ohne Fernbedienung. Und wenn man duscht, setzt man das gesamte Bad unter Wasser, weil es keine Wanne gibt.
Aber dafür eine Air Condition (hier kann ich die Temperatur ja schliesslich auch selber bestimmen!), ein sauberes Bett, einen kleinen Kühlschrank und eine ziemlich zentrale Lage. Das Frühstück wird jeweils neben der Reception serviert, während dort das Personal in aller Lautstärke die Morgennachrichten guckt.
Ich beginne langsam, Maceió zu mögen. Und hoffe, dass dieser kleine Zwischenfall eine einmalige Einlage bleibt, sozusagen die Ausnahme von der Regel, die Anekdote, die man zu Hause dann seinen Freunden und der Familie erzählt und dabei herzlich darüber lacht.
Haha.

Maceió ist die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Alagoas an der Ostküste und zählt rund eine Million Einwohner. Ich habe im Vorfeld mal eine Reportage gesehen, in der Maceió als gefährlichste Stadt Brasiliens bezeichnet wurde und sogar als drittgefährlichste der Welt (an Platz 1 und 2 kann ich mich leider nicht mehr erinnern). Sehr hohe Mordrate, viele Drogen, Überfälle und so. 
Nun, von alledem habe ich zum Glück nichts mitbekommen. Meiner Meinung nach hat der Ort eigentlich nur ETWAS Aufregendes zu bieten: wunderschöne Strände mit türkisblauem Wasser. Ansonsten ist Maceió eher etwas gähn, nach meinem Geschmack.
 Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich dazu hinreissen liess, eine Bustour zu den abgelegenen Stränden der Gegenden zu buchen. Naja, ich bin ja wie bereits schon erwähnt kein Fan von diesen supertouristischen, ultraorganisierten Gruppendingen, aber das Ticket war spottbillig und ich dachte, dass sei der einfachste Weg, an diese Orte zu gelangen. Aber als im Minibus der Chauffeur plötzlich sein Funkmikrofon einschaltete und von paradas de quince minutos pra tirar fotos zu labern begann, wollte ich weinen.

Naja, ich hab´s überlebt und mir geschworen, nie wieder eine solche Dummheit zu begehen. Ich konnte in Maceió also ein paar Tage nichts anderes tun, als mich zu entspannen. Was auch sein Gutes hat, denn schliesslich steht als nächstes der berühmte und wilde Carnaval an...

Montag, 24. Februar 2014

Você tem que ver isso!!

Wenn man auf Reisen geht, dann trifft man ja auch immer andere Traveller, die einem Tipps geben. Ausserdem liest man im Voraus im Internet über seine (möglichen) Reiseziele, kauft sich Bücher und redet mit Leuten, die schon da waren. Und etwas haben all diese Ratgeber gemeinsam: sie wissen immer ganz genau, was man gesehen haben MUSS!! 
Das ist auch in Brasilien nicht anders. Jeder gringo, den ich getroffen habe, und jeder Brasilien-Reisebericht, den ich las, schwörte mir, dass die Wasserfälle von Iguaçu einfach unschlagbar seien. "You have to see this, it' s much better than the Viktoria or Niagara Falls! Você tem que ver isso, é muito bonito! Deet muesch unbedingt ane, wänn'd in Brasilie bisch, das ghört eifach dezue!"
Aha.
Nun, Foz do Iguaçu lag jetzt ehrlich gesagt nicht gerade auf meiner Reiseroute. Nach Rio de Janeiro im Süden und einem Abstecher in Amazonien bin ich ja nun hauptsächlich an der Ostküste unterwegs. Die Fälle befinden sich aber ganz im Westen, an den Grenzen Brasiliens zu Argentinien und Paraguay. Ausserdem bin ich jetzt auch nicht gerade ein Fan von diesen ganz touristischen Dingen, die eben jeder Traveller getan haben MUSS. Cristo Redentor in Rio zum Beispiel war das reinste Grauen für mich: 50 Reais, nur, um mit einer Art Üetlibergbahn den Hügel raufzufahren und dann mit 345720388 anderen Touris um den besten Fotoplatz vor der Christusstatue zu rangeln. Und jeder, wirklich JEDER wollte ein Bild von sich, wie er mit ausgebreiteten Armen vor Cristo steht - NERV!!!! Klar, die Aussicht von da oben auf die Stadt ist sehr imposant. Aber das ist sie ehrlich gesagt auch vom Hügel in der Favela Cantogalo aus, und der ist gratis und menschenleer... naja, jedenfalls hab ich mich in meiner letzten Woche in Rio dann doch noch zum Cristo Redentor hinaufgezwungen, eben, weil ich dachte, ich könne doch nicht diese Stadt besuchen, ohne auch ihr Wahrzeichen hautnah erlebt zu haben.
Heute weiss ich: doch, hätte ich sehr wohl können.

Aber egal. So ein gewaltiges Naturschauspiel wie riesige Wasserfälle kann man natürlich nicht mit einer ollen Statue vergleichen. Deshalb hat es mich auch immer wieder gewurmt, wenn mir andere Gringos oder auch Brasilianer von Iguaçu vorschwärmten. 
Sollte ich tatsächlich das Beste in Brasilien verpassen? War ich gerade daran, einen der schlimmsten Fehler meines Lebens zu begehen? Würde ich das etwa noch auf meinem Totenbett bereuen?? SCHLUCK!!! Je weiter ich mich von den Wasserfällen wegbewegte, desto kälter lief es mir den Rücken hinunter. 
Tja, und zum Glück ging es meiner neuen schwedischen Freundin, mit der ich zusammen in Rio die Portugiesisch-Schulbank gedrückt hatte, ähnlich. Als ich schliesslich in Salvador war und sie in Paraty, beschlossen wir (wifi und whatsapp sei Dank), zusammen doch noch einen Abstecher zu diesem Weltwunder zu machen. Sie war ja noch so halbwegs in der Nähe der Wasserfälle, im Gegensatz zu mir in der Bahia. Aber mein ökologisches und ökonomisches Gewissen war nur noch halb so schlecht, als ich mir sagte, dass ich nicht nur rein touristisch mal so kurz quer durch das Land fliegen würde, sondern, dass ich diesen Umweg auch auf mich nahm, um einen mir lieben Menschen zu besuchen. Und mein Trip liess sich auch noch aus einem praktischen Grund rechtfertigen: als Schweizerin habe ich das Recht, drei Monate ohne Visum in Brasilien zu bleiben. Ich plane allerdings vier Monate. Deshalb müsste ich früher oder später zur polícia federal gehen, um einen neuen Stempel im Pass zu bekommen, der meine Aufenthaltsberechtigung um weitere drei Monate verlängert. Aber da ich nun erlebt habe, wie langsam es hier in Brasilien an Kassen, Theken und Schaltern zugeht, habe ich mich bisher davor gedrückt, um meine Nerven und mein Zeitbudget zu schonen. Mit einem kurzen Gang über die brasilianische Grenze (die Iguaçu-Fälle erstrecken sich auch auf argentinischem Boden) hätte ich das Problem aber elegant gelöst...
Die Schwedin und ich buchten also drei Nächte in einem Hostel in Foz do Iguaçu, sie dazu eine irgendwie 21-stündige Busfahrt und ich einen halbwegs erschwinglichen Flug.

Die Wasserfälle von Iguaçu erstrecken sich über 2,7 Kilometer. Es gibt 20 grössere und 255 kleinere Fälle, die zwischen 60 und 82 Metern hoch sind. Damit seien sie die grössten der Welt, heisst es. Dazu kann ich nichts sagen, denn ich habe weder die Viktoria-Fälle in Sambia noch die Niagara-Fälle in Kanada gesehen, mir fehlt also der Vergleich. Was gut ist, denn so kann ich Iguaçu ganz "jungfräulich" und unvoreingenommen besuchen.
Im Hostel beginnt es schon beim Frühstück mit den grossen Erwartungen. Die Schwedin und ich treffen einen Engländer und drei Polinnen. Sie haben die Fälle schon gesehen und kommen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Jaja, sicher 6 Stunden seien sie auf der argentinischen Seite unterwegs gewesen, wirklich wunderschön! Überhaupt sei die Sicht auf die Fälle von Argentinien aus viiieeeel besser (darin sind sich gemäss meiner Recherchen übrigens die meisten Traveller einig), aber auch die brasilianische Seite habe seine Reize. Die Schwedin und ich freuen uns auf ausgedehnte Wanderungen in einer spektakulären Kulisse, schnallen unsere besten Laufschuhe an, packen gefüllte Wasserflaschen in unsere Rucksäcke und schmieren uns von oben bis unten mit Sonnencreme ein. Das Beste soll zuerst kommen, wir fahren also mit dem Bus über die argentinische Grenze (juppiieee, mein neuer Stempel!), hinein in den Nationalpark. 
Als wir losmarschieren, schwant mir schon bald Fürchterliches: die anderen Besucher, die uns entgegenkommen, tragen Flip-Flops, sind schon ziemlich betagt oder mit Kinderwägen unterwegs. Die Wanderwege sind deshalb auch asphaltiert - und mega schmal, so dass man bei dem Gedränge nur sehr langsam vorwärtskommt. Ok, irgendwie verstehe ich ja, dass man die Iguaçu-Fälle irgendwie allen zugänglich machen muss. Aber wie war das nun genau mit unserem geplanten schweisstreibenden Hike durch die unberührte Natur? Wir schreiten also die ausgeschilderten Wege ab, oder besser, schleichen sie ab. Sie münden in unzählige Aussichtspunkte, wo man mal ein paar kleine Wasserfälle sieht, mal nur ein Wasserbecken, mal die grösseren Fälle ganz weit weg. Anders als die zahlreichen anderen Touris sind die Schwedin und ich nicht beeindruckt, wir schiessen nicht mal Fotos. Wir wollen gleich zum Garganta do Diabo, zum Teufelsschlund, dem besten und spektakulärsten Ausblick auf die Iguaçu-Fälle! Aber auch dorthin führt kein trilha durch die unberührte Wildnis, auf dem wir exotische Vögel oder gefährliche Raubkatzen treffen. Nein, wir müssen in einen Zug einsteigen, der mich stark an eine Attraktion im Europapark erinnert, und werden bequem und sehr unspektakulär den Hügel hinaufgefahren. Oben angekommen sind wir nun richtig ungeduldig, wir rennen geradezu über die Stege, die quer über die Wasser gebaut wurden, ohne ein Auge für die vielen bunten Schmetterlinge zu haben, die einzigen wilden Tiere, die es hier zuhauf gibt. Schliesslich hören wir das Tosen der Wassermassen, es kommt immer näher, sprühende Gischt benetzt unsere überhitzte Haut, wir bahnen uns unseren Weg durch die dicht gedrängte Menschenmasse, gespickt mit Foto- und Filmkameras. Und schliesslich stehen wir ganz vorne auf der Plattform, direkt am Abgrund, am Teufelsschlund, und schauen hinunter in die Tiefe - und finden es irgendwie... ganz ok?

 Schön sind sie, die Iguaçu-Fälle, sicher. Aber grad in Ohnmacht vor Entzückung fallen wir nicht. Auch bleibt uns nicht "das Herz für einen Moment stehen", wie uns das eine befreundete Travellerin beschrieben hatte. Da platscht sehr viel Wasser in die Tiefe, es schäumt und sprüht, es ist laut und ich stelle mir kurz vor, was wohl passieren würde, wenn man Indiana-Jones-mässig diese Laune der Natur als Rutschbahn benutzen würde. Aber das ist es dann auch schon. Nach zirka 10 Minuten machen sich die Schwedin und ich wieder auf den Rückweg.
Zurück im Hostel fühlen wir uns wie erschlagen, und zwar nicht, weil uns das eben Erlebte so dermassen überwältigt hätte, sondern weil uns beiden klar geworden ist, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt worden waren. Waren wir etwa schon zu abgebrüht? Zu verwöhnt? Hatten wir etwa schon zu viel gesehen auf unseren Reisen?
Ich weiss nicht. Jedenfalls überrede ich meine Freundin, am nächsten Tag doch noch mit in den brasilianischen Nationalpark zu gehen. Anders als sie will ich den Iguaçu-Fällen nämlich noch eine zweite Chance geben. Ok, das klingt jetzt wirklich arrogant, 80 Meter hohe Wasserfälle können eine Züri-Tussi also offenbar nicht mal aus der Reserve locken, uiuiui, was für eine verwöhnte Göre! 
Versteht mich nicht falsch: sie sind schön, ohne Zweifel, Natur IST schön. Aber dafür Eintritt bezahlen, um mit Hunderten anderen einfach davorzustehen und Wasser zu gucken - irgendwie überzeugt mich das nicht.
Aber zum Glück verbessert sich meine Stimmung auf der brasilianischen Seite der Fälle wieder. Anders als vielen anderen Besuchern gefällt mir die nämlich besser als die argentinische, obwohl man von hier aus nicht direkt in den Teufelsschlund hinunterblicken kann, sondern eher so ein bisschen auf Augenhöhe mit den Wassermassen ist. Ich finde diese Sicht aber hübscher, denn sie vermittelt einem auch einen besseren Eindruck von der grossen Ausdehnung der Fälle. 

 Und ein weiteres Plus: es wimmelt hier von quatis, Nasenbären! Die haben null Angst vor den Menschen, sondern streichen ihnen um die Beine und wollen was zu Fressen kriegen. Ok, offenbar beissen sie einen auch mal gerne und übertragen dabei üble Krankheiten, weshalb das Füttern der Viecher auch verboten ist. Aber nicht alle halten sich daran. Und den Nasenbären selber ist das Verbot eh egal, sie holen sich einfach, was sie wollen, wenn nicht direkt aus einer Hand oder vom Tisch im Restaurant, dann auch mal gerne aus dem Abfallkübel.
Ich mag sie irgendwie.
Fazit: meiner Meinung nach gibt es NICHTS, was man unbedingt gesehen haben MUSS auf dieser Welt, auch nicht in Brasilien. Diese Auffassung ist wohl sehr individuell. Was den einen beeindruckt, das entlockt dem anderen nicht mal ein müdes Lächeln, das habe ich wieder mal gelernt.
Die Wasserfälle von Iguaçu sind imposant und schön, bacana, ja. Wer dort vorbeikommt, soll sie sich ankucken, das kann ich empfehlen. Aber extra dafür quer durchs Land fliegen für viel Geld und viel CO2, nein, das lohnt sich nicht.
Ich kehrte deshalb mit gemischten Gefühlen nach Salvador zurück. Ich hatte auch noch viel Zeit, über Iguaçu nachzudenken, als ich mit dem Bus zurück zu Primo fuhr, denn wir standen irgendwie eine Stunde im Stau. Übrigens sind die Busse in der Bahia keinen Deut besser als die in Rio, der einzige Unterschied ist, dass sich hier das Drehkreuz HINTEN befindet und der Ausstieg VORNE. Und übrigens: mit einem grossen Rucksack am Rücken und einem kleinen vor der Brust (so wie das bei mir der Fall war) kommt man NICHT durch das Drehkreuz, was für einen Flughafenbus aber ziemlich ungeschickt ist! Wenigstens sah das der Chauffeur auch ein, und ich durfte die mittlere Tür ohne Drehkreuz benutzen. Aber nur für den Einstieg, rausquetschen musste ich mich dann bei ihm vorne. Und ich sag euch: ich blieb beinahe stecken. DAS nenne ich spektakulär!

Samstag, 15. Februar 2014

Em família

Nach dem Regenwald bin ich nun an der brasilianischen Ostküste, genauer in Salvador de Bahia. Das ist die Hauptstadt des Bundesstaats Bahia, vor Urzeiten war es auch einmal die Hauptstadt des gesamten Landes. Hier waren nämlich die ersten Seefahrer aus Portugal gelandet. Es ist mit knapp drei Millionen Einwohnern die drittgrösste Stadt Brasiliens (nach São Paulo und Rio de Janeiro) und liegt in der "Allheiligenbucht", was erklärt, warum auch in Salvador ein Christus auf einem Hügel aufs Meer hinunterblickt, ähnlich wie in Rio, einfach in Miniaturform. Die Bahia ist bekannt für ihre afrobrasilianische Kultur, die sich in Essen (viel Kokosmilch), Religion (Candomblé, aus dieser Art der Heiligenverehrung rühren übrigens auch die farbigen Armbänder her, die hier in Salvador überall hängen und die man als Tourist an jeder Ecke angeboten bekommt) und dem Capoeira widerspiegeln. 




Auch ist es hier ganz hübsch, vor allem die Altstadt, die ein bisschen an Lissabon erinnert (obwohl ich da noch nie war, aber man liest das überall so), mit bunt gestrichenen, aufwendig renovierten Häusern im Kolonialstil. Überhaupt putzt sich Salvador gerade sehr heraus, überall wird geschrubbt, gemalt und ausgebessert, an den Strassen türmen sich langsam die camarotes, die VIP-Lounges, auf. Das ist alles für den brasilianischen Carnaval, der immer näherrückt, und in der Bahia besonders ausgelassen gefeiert wird.
Und hier habe ich eine neue Familie gefunden, nämlich die einer brasilianisch-schweizerischen Freundin von mir. Die war gerade in ihrer Heimat zu Besuch und nahm mich bei sich auf, unterdessen ist sie aber in die Schweiz zurückgereist (ihr Mann mit etwa sieben Löchern im Fuss, da er beim Baden im Meer auf einen Seeigel getrampelt ist - die Stacheln mussten ihm im Spital entfernt werden). Zum Glück aber hat sie in und um Salvador zahlreiche Verwandte, und so kam ich bei einem ihrer 23420 primos, Cousins, unter.
Es ist also meine zweite Familie hier in Brasilien, und sie könnte sich von meiner ersten in der Comunidade in Rio gar nicht mehr unterscheiden. Diese hier in Salvador gehört zur gehobenen Mittelschicht. Meine Freundin und ihr Mann besitzen ein Haus in einem schmucken Vorort, so mit riesigem Garten und Swimmingpool. In ihrer immensen Küche stehen den ganzen Tag irgendwelche Frauen, deren Verwandschafts- oder Bekanntschaftsgrad ich nicht richtig einordnen kann, und kochen (nach dem dreistündigen Frühstück werde ich jeweils gefragt, ob ich jetzt Mittagessen wolle). Ausserdem besorgen sie die Wäsche und sind ununterbrochen am Aufräumen und Putzen (ich kann das leere Wasserglas kaum absetzen, schon wird es abgeholt). 
Und Primo hat eine hübsche Wohnung an zentraler Lage in Salvador, unweit des Strands und des Farol da Barra, des Leuchtturms.  Man fährt Auto und hat wifi - ok, Primo noch nicht, denn er ist erst grad frisch in die Wohnung eingezogen, aber es ist schon bestellt. Die Familie verfügt über ein grosses Haus auf dem Land, inklusive Kajak für den privaten Zugang zum See und Mangobäumen im Garten (dort darf ich kostenlos "Ferien" machen und sogar noch Freunde mitbringen, zum Frühstück esse ich jeweils drei Mangos und muss dann den ganzen Tag xixi). 
Apropos Mango: auch in der Ernährung werden die sozialen Unterschiede deutlich: hier verzichtet man bewusst auf Chips, Fritiertes und literweise refrigerante, anders als in der Favela. Überhaupt muss ich sagen: ich habe noch nie einen so gesunden Kühlschrank gesehen wie den von Primo! Nur kiloweise Früchte und Gemüse, água do coco, entrahmte Milch, Eier und mageres Poulet! Und das alles auch noch in der Küche eines Single-Mannes Ende 30! Ich staune wirklich! 
Wenn ich mir mein Guaraná Zero gönne, dann kommt garantiert ein despektierlicher Spruch, von wegen schädlichen Süssstoffs und so. Und Primo ist überhaupt der Meinung, biscoitos sollten verboten werden. Und seine Tochter (die bei der Mutter lebt) trinke auch keine Cola und  kriege nur wenig Süssigkeiten. PAH! Trotzdem hat der gute Mann ein Wohlstandsbäuchlein, denn eigentlich ist er gar nicht so ein Gesundheitsapostel, wie sein Kühlschrank vermuten lässt. Manchmal kommt er nämlich mit einem Hamburger aus dem Drive-in nach Hause. Er zeigte mir auch schon Fotos von feuchtfröhlichen Nächten mit Freunden, wo der Alkohol in Strömen floss. Und wenn wir fruta do pão essen, dann schmiert er sich einen halben Butterberg darauf.
Irgendwie sympathisch. Der Wille ist stark, doch das Fleisch ist schwach, das kenne ich ja selber nur zu gut. Trotzdem: wenn wir abends zusammen "kochen", dann machen wir immer Salat. Das klingt dann ungefähr so:
Primo: "Gib mir bitte mal die beterrabas aus dem Kühlschrank."
Ich: "Ööh, die was?"
"Die beterrabas."
 Ich wühle völlig planlos im Gemüsefach. "Das da?"
"Nein, das ist eine Melone, Miriam. Um melão. M-E-L-Ã-O!" Primo spricht extra langsam und formt dabei jeden Buchstaben überdeutlich mit den Lippen, so als wäre ich taubstumm.
"Weiss ich doch. Dann vielleicht das da?"
"Nein nein, das gehört nicht in den Salat! Es sind diese roten."
"Ah, die hier!"
"Isso", Primo nickt anerkennend. "Wie heissen die auf Deutsch?"
"Randen."
"Roongden."
"Nein, nicht nasal, solche Laute haben wir im Deutschen nicht."
"Ach, das ist mir zu schwierig. Reich mir doch bitte schnell die Blablabla (ich habe das Wort schon wieder vergessen)."
Ich runzle die Stirn. "Ähm, also, so zum Schneiden?"
Er schüttelt entschieden den Kopf. "Nein, die Blablabla!"
Ich greife nach einem Lappen.
"Nein, für den Salat, zum Waschen!"
"Aaaaahh!" Der Groschen ist gefallen.
"Genau, das ist eine Blablabla. Und wie heisst das auf Deutsch?"
"Plastikbecki."
"Meu Deus!"
Wir sind ein bisschen wie ein altes Ehepaar, das zusammen in der Küche rüstet und schnippelt und sich gegenseitig etwas klar machen will, was der andere nicht (mehr) versteht. Nur hören wir beide noch gut und sind auch im Kopf noch ziemlich frisch, nicht das Alter, die sprachliche Barriere erschwert uns die Kommunikation. Aber die überwinden wir immer wieder locker über einer Tasse Filterkaffee. Den trinken wir grad literweise (ich habe ihn wirklich liebgewonnen!), tagein, tagaus, auch noch vor dem Zu Bett gehen. Dazu sitzen wir auf Primos Balkon und diskutieren über Musik oder den Sinn des Lebens, während mich die Arschlochmücken verstechen und bei ihm das Handy pausenlos klingelt. Was braucht man mehr?
Gastfreundschaft wird in Brasilien sehr grossgeschrieben. Es ist ganz selbstverständlich, dass Besucher beherbergt werden und sich wie zu Hause fühlen sollen. Für Brasilianer stellt das irgendwie keine Umstände dar, anders als in Zürich, wo praktisch jeder mit seinem eigenen, stressigen Leben beschäftigt ist und weder Zeit noch Musse hat, einem Fremden seine Türen zu öffnen.
Und natürlich will auch Primo wie Papa und Mama in Rio keinerlei Gegenleistung. Mein Vorschlag, "Miete" zu bezahlen, wird einfach weggelacht. Ich bleibe aber hart, bis Primo schliesslich nachgibt - also, so ein bisschen. Er ist ja erst gerade umgezogen, die Wohnung ist noch etwas leer, es fehlt an Möbeln und anderen nützlichen Einrichtungsgegenständen.  
Er wünscht sich deshalb einen Gemüseschäler.
Jep. That´s ist.
Wow.
Na gut, der Mann soll bekommen, was er will. Ist mir ja auch lieber, wenn ich die Rüebli und die Randen für den Salat nicht mehr mühsam mit einem popligen Messer abraspeln muss.
Ich gehe also in den Supermarkt. Und ich gehe in noch einen. Und noch einen. In grosse und kleine. Ich gehe in jeden fucking Supermarkt in Salvador. Keine Gemüseschäler.
Also gut, Strategiewechsel. Ich gehe in ein riesiges Einkaufszentrum, und dort finde ich ein schickes Haushaltsgeschäft. Ich suche nach dem gewünschten Gerät, finde es aber nirgends. Scheint nicht gerade angesagt zu sein in der Bahia. Dafür stosse ich auf so wichtige Alltagsgegenstände wie Knoblauchkocher und Julienne-Schneider. Ich gebe auf und wende mich an einen Verkäufer: "Com licença, ich bin auf der Suche nach einem... also, nach einem... so einer coisa, mit der man fruta und verdura desch... des..."
"Descascar", hilft er mir freundlich weiter.
"Genau, so einen descascador halt."
Der Verkäufer führt mich zu einem Gestell und drückt mir dort das verzweifelt gesuchte Ding in die Hand. ENDLICH!
"Ist das der einzige, den sie haben?" (Herrgott, er ist hässlich, so aus gelbem Plastik und sauteuer!)
"Ja, aber er ist muito bom, muito bom!"
Ich zahle. Das Rückgeld muss mir der Verkäufer aus seinem eigenen Portemonnaie zusammenklauben, die Kasse klemmt irgendwie. Der Gemüseschäler wird sorgsam in Blööterlipapier eingewickelt, mit Klebstreifen fixiert und in eine grosse, bunte Papiertüte gesteckt.
Mein Leben so em família gefällt mir irgendwie, weshalb ich nach einer Woche in Salvador beschliesse, hier hin zurückzukehren. Nach meinem kurzen Ausflug nach Foz do Iguaçu, das sich nicht in der Bahia befindet, sondern auf der anderen Seite des Landes.

Freitag, 7. Februar 2014

Bem-vindo á selva

Das Wetter bei meiner Ankunft in Manaus, der Hauptstadt des grössten brasilianischen Bundesstaats Amazonas, passte zu meiner Stimmung: trüb und verregnet. Nach zwei Monaten in Brasilien verbrachte ich also meine erste Nacht alleine - komplett alleine, denn in meinem Hostel gab es aus irgend einem Grund auch keine anderen Gäste. Was ich nicht verstehe, denn es war sehr nett. Egal, ich stand da also in meinem hübschen Einzelzimmer mit Air Condition und warmer Dusche, aber ich konnte mich gar nicht richtig freuen über so viel Platz und Komfort ganz für mich alleine. Ich vermisste die enge Favela in Rio, das Chaos in meiner brasilianischen Familie, auch den Hund, obwohl er mir Kaugummi und Schokolade wegfrass und manchmal nachts um 3 Uhr völlig unerwartet zu mir aufs Betts sprang, direkt auf meine volle Blase.
Ich dachte also: Was tun mit diesem angebrochenen ersten Tag in Manaus? Angesichts des Wetters fand ich es angebracht, mir einen Regenschutz zu besorgen, denn diesen hatte ich beim Packen in Zürich vergessen (also, ABSICHTLICH vergessen, gebe ich zu, denn ich HASSE Regenmäntel, Schirme und so!). Ausserdem stand im Programm für meinen Regenwald-Trip doch tatsächlich, dass man einen dabei haben sollte (hatte ich wohl auch absichtlich überlesen). Ja, gut, ich gehe also mal ins Stadtzentrum, es ist später Nachmittag. Bevor ich nach Reisekleidern stöbere, beschliesse ich, mir noch ein einfaches Abendessen im Supermarkt zu besorgen.

Ich weiss was ihr denkt: FEHLER!!

Und tatsächlich: als ich endlich wieder aus dem Laden rauskam, war es dunkel, schiffte wieder pra caraca und alle anderen Shops hatten bereits geschlossen. Also nix mit Regenschutz, ich wartete, ich eilte mit meinen 5 Plastiksäcken mit ein bisschen Chips und Guaraná Zero zurück ins Hostel. Dort machte ich mir dann einen Depro-Fernsehabend mit Junkfood, vor einem uralten, winzigen Röhrenbildschirm. "Big Brother Brazil" war in schwarz-weiss und ziemlich verwackelt.
Ich war froh, hatte ich am nächsten Tag wieder volles Programm, denn dann hiess es also endlich: Welcome to the jungle - bem-vindo á selva! Ein Besuch im Regenwald Amazoniens gehört für mich auf einer Brasilien-Reise einfach dazu! Die grüne Lunge, Piranhas, Anacondas und so, das wollte ich mal mit eigenen Augen gesehen haben. Per Auto, Schiff, Auto und wieder Schiff ging es über mehr als drei Stunden in eine Lodge am Rio irgendwas - sorry, aber alle diese Amazonas-Zuflüsse kann ich mir einfach nicht merken. Das Hauptgebäude der Lodge schwamm direkt im Fluss, denn es musste sich das Jahr hindurch immer wieder dem Wasserpegel anpassen, dieser schwankt nämlich regelmässig um die 15 Meter. Ich hatte meine eigene kleine Holzhütte, auf Pfählen, ebenfalls wegen des steigenden und fallenden Wassers. Und dort gab es auch schon ein Haustier, so eine winzige Echse, die mir jeweils beim Duschen zuschaute, sonst aber nicht sehr zutraulich war.
Die Gegend ist das pure Gegenteil des Grossstadt-Dschungels, den ich bisher von Brasilien kannte. Nur Wasser, Bäume und ein paar Boote. Keine Läden, keine Strassen, kein Telefonempfang, kein Internet, kein Lärm. Und da gerade keine Hochsaison war, auch fast keine Menschen. Der Lodge-Besitzer versicherte uns, dass wir ohne Probleme im Fluss schwimmen könnten. Ich schlüpfte also schon mal ins Bikini. Allerdings gingen wir in der Nacht im selben Fluss Kaimane jagen. Der, den wir aus dem Wasser zogen, war zwar noch ein Baby, offenbar würde er aber eines Tages bis zu 4 Meter lang sein. Ich verstaute meinen Bikini wieder im Rucksack.
Dafür hätte ich stundenlang mit dem Boot über das spiegelglatte Wasser gleiten können, ich fand es so friedlich. Wir fuhren in kleinen Gruppen hinaus auf den Fluss, machmal paddelten wir, manchmal hatten wir ein Motorboot. Dann hielten wir irgendwo und liessen uns einfach treiben und lauschten den Geräuschen des Regenwaldes um uns herum. Ich verfiel dabei in eine Art medidative Ruhe, sehr angenehm.
Am Tollsten war es, als ich mal mit einer kleinen Nussschale (wortwörtlich, und passenderweise war sie aus irgendeinem Grund auch noch mit "CH"angeschrieben) ganz alleine rauspaddelte - ok, es brauchte zuerst ein bisschen Übung, bis ich endlich vom Fleck kam, aber nach ein paar Runden im Kreis hatte ich den Dreh allmählich raus. Es ging nur langsam voran, vor allem flussaufwärts, und war sauanstrengend, aber schön. Mitten im Fluss legte ich mich dann einfach hin (so gut das ging in dem Kahn) und schloss die Augen. Ich hörte all die Vögel um mich herum, die Affen und die Flussdelphine, wenn sie ganz kurz auftauchten um Luft zu holen. Sie kamen aber leider nie nahe ans Boot, nicht so wie Flipper. Flussdelphine sind übrigens auch nicht so süss wie diejenigen im Meer, nein, ehrlich gesagt finde ich, sie sind total unförmig und dazu auch noch rosa. Wahrscheinlich dachte sich die Natur, als sie die Flussdelphine schuf, da unten im dunklen Wasser des Rio Negro (einer der Zuflüsse des Amazonas, und seine Farbe passt wirklich zum Namen) sieht man sowieso nichts, da ist Ästhethik totale Nebensache.
Tja, und vielmehr andere Tiere als die eben erwähnten habe ich dann leider auch nicht gesehen. Auch nicht auf der Dschungel-Wanderung. Die Tarantel war nicht "zu Hause", jedenfalls konnte der Guide noch so lange mit einem Grashalm im Erdloch rumbohren (ich war froh, Spinnen sind sowas von Igitt!). Die Papageien hörten wir nur, aber sahen wir nicht. Es schlich auch kein Jaguar vorbei. Kein Faultier hing in den Bäumen. Keine Schlange wollte uns würgen. Nur eine einsame Taube sass auf ihren Eiern. Oh, und ein winziger Giftfrosch auf einem Stein. 
Aber so ist das halt: die Natur ist kein Wunschkonzert, Safaris kann man in Afrika machen. Allerdings hofften ich und die anderen Gringos auf ein paar Piranhas, klar, das ist ja auch das erste, was einem zu "Amazonas" einfällt. Wir gingen also Fischen. Dafür steckten wir das Fett des frango vom Mittagessen auf einen Haken, der an einer Schnur von einem simplen Stöckchen baumelte. Und siehe da: einige zogen tatsächlich einen Piranha aus dem Wasser! Natürlich nicht so ein Halb-Meter-Riesenmonster, mit Zähnen in alle Richtungen, wie man es in den Horrorfilmen immer zu Gesicht bekommt. Es waren kleine, bunte, eigentlich sehr schöne Fische, aber tatsächlich Piranhas.
Ich muss zugeben, ich stellte mich beim Fischen absichtlich etwas dämlich an, denn ich wollte den armen Tierchen nicht den Gaumen durchbohren und sie dann im Trockenen ersticken lassen. Dazu kam, dass die "glücklichen" Fänger ihre Fische dann am Abend gebraten auf ihren Tellern vorfanden, was nicht alle besonders freute - da weiss ich wieder, warum ich eigentlich Vegetarierin bin...
Oh, Moment, das Tier, das mir in Amazonien am meisten begegnet ist, habe ich ja noch vergessen: die gemeine Arschloch-Mücke! Es ist ja nun zur Zeit gerade keine Mückensaison in diesem Gebiet, in dem meine Lodge sich befand. Aber das ist diesen blutsaugenden Biestern scheissegal! Ich weiss nicht warum, aber ich habe einen Schlag bei denen. Es mögen ja vielleicht tatsächlich nur ein paar einsame Mückchen rumgeschwirrt sein, aber jede einzelne davon hat mich sicher ein Dutzend Mal gestochen!!! Ich weiss nicht, wie die das immer schaffen!! Ich trug lange Hosen und den ganzen Tag Eau d' Antibrumm, ich lag unter dem Moskitonetz, ich fuchtelte die ganze Zeit wie wild herum - aber NEIN!! Diese scheiss Viecher haben mich fast aufgefressen, sie fanden sogar irgendwie den Weg unter meine Kleider, und mein Mückenspray hat sie kein bisschen gestört!! Ich sah nach einem Tag schon aus, als hätte ich die Beulenpest! Und zwar natürlich nur ICH! Denn haben die verdammten Mücken auch die anderen Touris gestochen? Nö!! Sie wollten nur MEIN Blut saugen, diese filhos da puta!!!!
Man machte schon Witze über mich in der Lodge, so im Stil: "Auch wenn du nicht in den Dschungel gekommen wärst - die Mücken hätten dich schon gefunden!" Ich weiss nicht, warum ich für diese Arschlöcher so attraktiv bin, aber ich empfinde es nicht gerade als Kompliment! Überhaupt: pinke Delfine und MÜCKEN, gimme a break!! Natur, was soll das? Was bitte hast du dir bloss dabei gedacht?! 

Mit ruhigen, erholsamen Nächten war deshalb schon mal nichts, ich musste mich auch im Bett ununterbrochen kratzen, von oben bis unten. So stelle ich mir ungefähr die Hölle vor!
Aber man kommt ja sowieso nicht zum Schlafen in den Regenwald, dafür sind die Nächte viel zu interessant. Man muss Lauschen. Ich habe deshalb vor dem zu Bett Gehen immer extra noch den Ventilator ausgemacht, damit das Geknatter nicht dauernd die Naturgeräusche übertönt. Dann lag ich da im Dunkeln und hörte hinaus in die Nacht. Wenn ich wegschlief, dann nicht für lange, denn spätestens um 4 Uhr morgens ging das Konzert los: erst die Affen - also, man versicherte mir, dass es kleine Affen seien, aber es hörte sich an wie der T-Rex in "Jurassic Park", zum Fürchten, kein Scherz! Dann so gegen 5 die Vögel. Die Grillen machten erst gar nie eine Pause. Und dazwischen hörte man immer wieder die Hunde des Lodge-Besitzers und den Hahn auf dem dazugehörigen Hof (wer hat eigentlich gesagt, dass Hähne nur bei Sonnenaufgang krähen? Sorry, aber dieser Hahn hatte NULL Zeitgefühl!). Obwohl ich pro Nacht sicher 4mal aufgewacht bin (nicht nur wegen der juckenden Mückenstiche), habe ich diese Geräuschkulisse sehr genossen.
Aber das Highlight meiner Amazonas-Tour war natürlich die Übernachtung survival-like im Regenwald. Ok, nicht ganz survival, wir hatten Essen und Trinken in Kühlboxen dabei, aber egal. Unter einem Strohdach spannten wir unsere Hängematten inklusive Moskitonetze auf und grillten am offenen Feuer. Wir schafften es gerade noch, den peixe und das frango zu braten, als es natürlich wieder sintflutartig zu schütten begann (darum heisst das Ding wohl auch Regenwald!). So sassen wir also unter dem Dach und konnten nicht raus. Langweilig. Zum Glück hatten wir eine Flasche Cachaça, Limonen und Zucker dabei...
Den weiteren Verlauf des Abends kann man sich ja wohl denken. Oder auch nicht. Jedenfalls glaube ich, dass stockbesoffen Boot fahren in der Nacht (ENDLICH konnte ich meine neue Stirnlampe gebrauchen!) in kaiman- und delphin-verseuchten Gewässern wohl auch in Brasilien verboten ist, oder zumindest als fahrlässig gilt...

Na, gut, wir haben es überlebt und uns glänzend amüsiert. Überhaupt hat es mir im Regenwald sehr gut gefallen, auch eine Züri-Tusse ist mal gerne in der Natur, abgeschottet von der Aussenwelt.

Übrigens: als ich da mutterseelenalleine in meiner Nussschale auf dem Fluss paddelte, musste ich plötzlich ganz dringend xixi. Logo, man muss ja immer genau dann, wenn es grad völlig unmöglich ist, oder?! Jedenfalls: ins Wasser gehen war nicht, ich wäre nie mehr aufs Bötchen raufgekommen! Einfach über Bord pinkeln? Das Ding wäre auf der Stelle gekippt! Irgendwo an Land gehen? Ganz allein freiwillig zu den Kaimanen und so? NUNCA!
Naja, ich sage nur soviel: ich habe das Problem gelöst. Aber ich verrate nicht, wie... :-)


Sonntag, 2. Februar 2014

A grande despedida

Wie sagt man so schön: nichts ist für immer. Und so sind meine zwei Monate hier in Rio de Janeiro denn auch schon abgelaufen, und es geht weiter nach Manaus, an den Amazonas. Ich nehme Abschied vom pulsierenden Rio, von meiner brasilianischen Familie in der Favela, von meinen neuen Freunden und vom Portugiesisch-Unterricht mit einem lachenden und einem weinenden Auge - ok, eigentlich mit zwei weinenden Augen, denn ich fühlte mich hier schon sehr zu Hause. 
Ein bisschen getröstet hat mich aber der Fakt, dass gleichzeitig mit meinem Aufenthalt in Rio auch die  Prime-Time-Telenovela "Amor á vida" ihr Ende fand. Ja, Telenovelas gehören zu Brasilien wie der Katholizismus zum Papst. Das Land zählt zu den erfolgreichsten Produzenten dieses Fernseh-Genres, ein bisschen ähnlich unserer Seifenoper, aber natürlich leidenschaftlich lateinamerikanisch, mit ganz viel Tränen, Romantik, Herzschmerz, exzessiver Mimik und dramatischer Begleitmusik. Pro Tag werden immer mehrere Telenovelas ausgestrahlt, man kann also ab dem frühen Nachmittag bis in die Nacht durchschauen, wenn man will.
"Amor á vida" flimmerte acht Monate lang über die brasilianischen Bildschirme, und zwar täglich zur besten Sendezeit, um 21 Uhr. Nun, ich bin ja nicht so die Serien-Kuckerin, und mit schwülstigem Liebesgeplänkel kann man mich jagen. Aber da meine brasilianische Familie "Amor á vida" regelmässig einschaltete, sogar die 5-jährige Enkelin die Titelmelodie schon auswendig mitsingen konnte ("Vida! Viida!! VIIIDDAAAA!!!!!"), und da an jedem Kiosk die Hauptdarsteller auf den Titelseiten der Revistas abgefeiert wurden, habe ich mir das Ganze dann doch auch ab und zu angetan. Man will ja schliesslich mitreden können, nicht wahr?
Also sassen wir dann hin und wieder abends alle gemeinsam auf dem Sofa im angenehm kühlen Wohnzimmer (das einzige mit Air Condition), und ich musste sehr darüber schmunzeln, wie die Brasilianer mit den Novela-Figuren mitlitten! Da wurde laut in die Hände geklatscht, wenn es mal wieder zu einer überraschenden Wende kam, besonders bösartige Figuren wurden als piranha oder gar filho da puta beschimpft, besonders hübsche mit anzüglichen Bemerkungen überhäuft, und natürlich war man sich auch in punkto Überzeugungskraft der Darsteller nicht immer einig, was zu heftigen Diskussionen führte.
Ich habe ja nun leider nur noch das letzte Viertel von "Amor á vida" mitgekriegt und das auch nur sehr sporadisch. Dazu kommt, dass mein Portugiesisch halt immer noch eher rudimentär ist (aber Telenovelas helfen super beim Lernen, vor allem, wenn man dazu noch die Untertitel für Taubstumme aufschaltet!), aber ich versuche, hier mal zusammenzufassen, was ich so mitbekommen habe:
Also, im Mittelpunkt steht eine vermögende brasilianische Familie (irgendwie gehört ihnen ein Spital oder so) und deren Freunde. Da ist das Familienoberhaupt, der Patriarch, dessen Namen ich jetzt grad vergessen habe. Er verlässt seine Frau für die viel jüngere Aline. Diese hingegen will eigentlich nur sein Geld,  weshalb sie ihm Gift ins Essen kippt, worauf der Patriarch erblindet und total von ihr abhängig wird. Aline schottet ihn von seiner Familie ab und spielt ihm ihre grosse Liebe vor, hat aber natürlich eigentlich einen jungen Geliebten, Ninho. Der steckt mit ihr unter einer Decke, und mit dem knutscht und knuddelt sie dann auch immer hemmungslos neben ihrem Ehemann, denn der sieht ja nichts und bleibt somit sprichwörtlich im Dunkeln (wobei ich sehr bezweifle, dass man Küsse und Schritte und so nicht auch deutlich HÖRT, vor allem, wenn man blind ist). Nur manchmal schreckt er auf und sagt Dinge wie: "Oh, ich spüre da schon wieder so eine Präsenz...", und Aline dann so in der Art: "Jaja, da ging grad der Gärtner vorbei...". Fies.
Der Patriarch hat zwei Kinder. Felix ist schwul und mit Niko zusammen (die beiden werden übrigens von Heteros gespielt, und zwar extra tuntig, sie sind die Lieblinge vieler Zuschauer). Ausserdem war er wohl früher mal ganz ein schlimmer Finger, er warf sogar das Baby seiner Schwester Paloma in den Müll (kein Witz, sah ich in der Retrospektive!) und stahl und betrog, worauf ihn Paloma aus dem Spital feuerte. Niko, Felixes Freund, hingegen war früher mal mit einem anderen Typen zusammen. Die beiden liessen sich per Leihmutter zu Vätern machen, aber die Leihmutter spannte Niko darauf den Typen einfach aus und behielt das Kind. Der Typ war dann eine Zeit lang also nicht mehr schwul, bis er merkte, dass er das doch nicht konnte und die Frau sowieso nicht ganz dicht im Kopf war. Da verliess er sie, worauf sich die Frau einem neuen schwulen Pärchen als Leihmutter anbot und sich dort wieder dem besser Aussehenden an den Hals warf. Aber diesmal vermasselt ihr Niko die Tour, aus Rache.
Jedenfalls, Felix und seine Schwester Paloma können die Aline, die neue Frau ihres Vaters, überhaupt nicht ausstehen (und sich selber übrigens auch nicht, eben, wegen Baby in den Müll und so) und vermuten, dass da etwas faul ist am Ganzen. Aber der Patriarch will nicht hören, er ist sprichwörtlich blind vor Liebe. Aber dann eines Tages, ich weiss ehrlich gesagt auch nicht so recht warum, wendet sich Aline auch gegen ihren Geliebten Ninho und rammt dem ein Messer in die Brust (er überlebt). Sie will ausser Landes fliehen, aber Felix und Paloma kommen ihr auf die Schliche, sie wird noch am Flughafen verhaftet und kommt ins Gefängnis (Ninho auch). Dort gesteht sie dann ihrem liebestollen Patriarchen, dass sie ihn fertig machen wollte, weil er schuld am Tod ihrer Mutter war. Die war nämlich vor x Jahren ebenfalls die Geliebte des Patriarchen, kam aber bei einem Autounfall ums Leben, und Aline glaubt, der Patriarch sei daran schuld. Allerdings stellt sich dann heraus, dass nicht er, sondern seine Ex-Frau die Bremsen am Auto präparieren liess, aus Eifersucht, weil sie wusste, dass er eine Geliebte hatte (übrigens ist die Gehörnte nun ebenfalls mit einem 50 Jahre jüngeren Toyboy verheiratet).

Gut, und dann gibt es da noch die junge, hübsche Linda. Sie wird von ihrer Familie total überbehütet, da sie Authistin ist, aber meiner Meinung nach stellt die Schauspielerin eine geistig schwer Behinderte dar, die auf dem Niveau einer Achtjährigen stehengeblieben ist. Trotzdem verliebt sich ein sehr gut aussehender Anwalt in sie, Raffael, und mit seiner Hilfe wird Linda selbständiger, sie traut sich nun mehr zu, bricht von zu Hause aus, beginnt zu malen - und verliert ihre Unschuld. 
Im grossen Finale, das wohl halb Brasilien vor die Fernseher zog (und zwar nicht nur zu Hause, am Strand oder im Lanchonete gibt´s natürlich auch Fernseher), heiraten Linda und Raffael natürlich mit grossem Pompom (ich weiss nicht so recht, für mich war es ein bisschen so, als würde ein Kind vor den Altar geführt, das keine Ahnung hat, was es da überhaupt macht...).
Die rachsüchtige Aline versucht, aus dem Gefängnis auszubrechen, dummerweise wird der Strom am Zaun nicht rechtzeitig abgeschaltet, worauf sie beim Rüberklettern kläglich an Elektroschocks verendet.
Ihr Mann, der Patriarch, ist über ihr Geständnis so sehr erschüttert, dass er einen Schlaganfall erleidet und anschliessend im Rollstuhl sitzt. Er wird nie mehr glücklich, obwohl sich auf wunderbare Weise seine Sehkraft wieder herstellt. Felix, sein verhasster Sohn (weil er schwul ist?), beschliesst, sein Leben total zu ändern und sich um seinen Vater zu kümmern. Er zieht mit ihm ins Strandhaus der Familie und umsorgt ihn liebevoll.
Überhaupt könnte das Happyend nicht happier sein: Paloma vergibt Felix seine Sünden und bringt einen Stammhalter zur Welt, der Patriarch und sein Sohn gestehen sich gegenseitig ihre Liebe, die authistische Linda präsentiert die erste Ausstellung ihrer Bilder (sie kann fast alle verkaufen), mehrere andere Paare finden auch wieder zueinander und jede Novela-Figur hat mindestens einmal geweint. Aber das Aufregendste am gesamten Ende von "Amor á vida": Felix und Niko küssen sich zum ersten Mal auf der Leinwand!! Es ertönte ein verzücktes "Aaaaaaahhhhhhh!" durch die gesamte Favela und es wurde in vielen Wohnungen hörbar Beifall geklatscht.
Meine brasilianische Familie war sehr gerührt und zufrieden mit diesem Finale der Telenovela. Kaum ertönt die Schlussmelodie, wird auch schon herumtelefoniert: "Assistiu o final? Foi legal, não? Ai, tive que chorar tanto!".

Ja, weinen muss ich jetzt auch ein bisschen, aber nicht wegen "Amor á vida", sondern weil ich Rio de Janeiro Tschüss sagen muss. Manchmal werden die Telenovelas in Brasilien verlängert, wenn sie besonders erfolgreich waren. Ich hoffe deshalb auch, dass ich Rio nicht zum letzten Mal gesehen habe.