Hach, es gibt einfach nichts besseres als Sommer! Wieviel Grad habt ihr gerade in Zürich? Tja, da kann ich nur sagen:
Trotzdem ist das Wetter hier für den brasilianischen Geschmack ziemlich schlecht, denn in den letzten Tagen war es oft bewölkt und hat geregnet. Aber mir kam das gerade recht. Der Wettergott hat Mitleid mit den Leidenden, HALLELUJA!!!!!!! Denn schliesslich waren Strand und leichte Bekleidung für mich diese Woche tabu, ihr wisst schon, wegen meines Sonnenbrands. Ich habe in der vergangenen Woche so ziemlich alle möglichen Varianten der Farbe Rot durchlebt, und jetzt befinde ich mich gerade in der Schälphase. Das bedeutet, dass ich wohl in ein paar Tagen eine komplett neue Haut besitzen werde. Es gibt Leute, die zahlen viel Geld dafür - ich bekomme es gratis, obrigada.
Auch der Bus und ich haben uns langsam angefreundet. Ich weiss nun langsam, wie ich mich am besten festhalte in den mörderischen Kurven, damit ich nicht direkt aus dem Fenster fliege. Und auch, um welche Zeit ich am besten welchen Bus nehme, damit ich vielleicht auch mal 5 Minuten sitzen kann.
Die Brasilianer ertragen ihren himmeltraurigen ÖV mit stoischer Ruhe. Wenn man sich gegenseitig auf den Füssen rumtrampelt, ist das kein Weltuntergang wie im Züri-Tram. Angeflucht wird höchstens mal der Chauffeur ("Ay, tá louco, motorista???!!!), wenn er bei halsbrecherischem Tempo mal wieder eine Vollbremsung hinlegt. Übrigens fuhr ich heute mit Mama Bus, als ihr plötzlich schlecht wurde. Schuld daran war nicht der Fahrstil des Chauffeurs, sondern ein verdorbener Fruchtsaft zum Frühstück. Wir sprangen gerade noch rechtzeitig aus dem Bus, sonst wären nämlich einige Leute vollgekotzt worden und nicht nur das Bänkli an der Bushaltestelle irgendwo im Nirgendwo.
Aber wahrscheinlich hätten die Brasilianer auch für einen Schwall Mageninhalt auf das Haupt Verständnis gehabt, denn ich muss sagen, die Leute hier sind auch im schlimmsten Gedränge sehr nett zueinander. Das ist für mich als Zürcherin ja irgendwie eher ungewohnt, weshalb ich auch ziemlich unfreundlich wurde, als ein junger Mann, der vor mir einen Sitzplatz ergattert hatte, während ich mich krampfhaft stehend an der Stange festhielt, fragte, ob er mir meinen Rucksack abnehmen könne. Ich grinste spöttisch und meinte nur: "Não, estou bom!", stolz darauf, dass ich mir nicht vom erst besten Gauner meine Habseligkeiten abnehmen liess. Denkt der etwa, ich sei blöd oder was??!! Nur, weil ich Ausländerin bin?! Der Mann schaute mich nur irritiert an und wandte sich dann mit der selben Frage an den Herrn neben mir. Und siehe da, dieser gab ihm dankbar seine Tasche auf den Schoss. Ups!! Die Gringa hats aber ziemlich verkackt, dachte mal wieder, alle Brasilianer seien Diebe! Eigentlich eine saudumme Vorstellung, denn in diesem vollgestopften Bus könnte niemand mit einer fremden Tasche oder einem Rucksack davonrennen, er käme keinen Meter weit. Jedenfalls beobachte ich dieses Tasche-Abnehmen nun jeden Tag im Bus. Aber ich muss zugeben, ich behalte meinen doch immer noch am liebsten dicht bei mir. Eben, die misstrauische Gringa. Irgendwie haben all die Horror-Geschichten über das ach so gefährliche Rio eben doch ihre Spuren hinterlassen, auch bei mir.
Aber sonst macht Busfahren langsam Spass. Ich steige auch nur noch bei jedem zweiten Mal fünf Stationen zu früh aus. Hier gibt es kaum angeschriebene Bushäuschen, man muss einfach zum richtigen Zeitpunkt den Halteknopf drücken und es durch das Gedränge ganz nach hinten schaffen, weil man nur dort aussteigen kann. Ich treibe hier deshalb ziemlich viel Sport, ungewollt.
Apropos Sport: den ersten Sambakurs habe ich auch schon hinter mir. Tanzen konnte aber wirklich nur der einheimische Instruktor, uns Europäern und Asiaten liegt dieses Füdlischwingen einfach nicht im Blut. Das sah nicht aus wie beim Carneval, das war eine Mischung aus River Dance und Schmerzen bei Fusspilz.
Dafür wird mein Portugiesisch langsam. Gestern erhielt ich sogar ein Kompliment, als es mich zusammen mit einem Schweizer an irgend so eine brasilianische Abschiedsparty verschlug. Der Schweizer lebt schon rund 3 Jahre in Brasilien und kann sehr gut Portugiesisch. Aber man attestierte mir freimütig, ich hätte nach nur einer Woche Unterricht viel weniger Akzent als er!:-)
Und wenn ich mich mit dem Norweger in meiner Klasse vergleiche, bin ich sowieso ein Supertalent. Der Arme hat nun wirklich null Sprachgefühl, dafür eine brasilianische Freundin. Ich hoffe, die kann Englisch, denn ansonsten möchte ich niemals bei denen zum Znacht eingeladen werden. Er hat im Unterricht nämlich schon ungefähr viermal gesagt, er esse gerne Hund (cachorro) anstatt Grilliertes (churrasco).
Mamas und Papas Portugiesisch verstehe ich allerdings immer noch eher schlecht. Auch ihre SMS kann ich kaum entziffern. Das liegt an ihrem Carioca-Slang und dass sie sich nicht an die Grammatik-Regeln halten wie sie in meinem Portugiesisch-Buch stehen.
Apropos Party: Das Ausgehen hier ist ziemlich billig, denn nach einem halben Caipirinha ist man schon stockbesoffen. Hier kriegt man wirklich Alkohol fürs Geld und nicht nur Limonen und Zucker mit Eis!
Und Apropos leibliches Wohl: meinen Vegetarismus kann ich jetzt vier Monate auf Eis legen, denn Brasilianer lieben Fleisch. Ich habe in meiner ersten Woche in Brasilien noch kein Grün auf meinem Teller gesehen, dafür reichlich Kuh, Sau, Huhn, Fisch und alles, was sich irgendwie fritieren lässt. Ich habe mich nicht getraut zu sagen, dass ich das zu Hause eigentlich praktisch nie esse, ich wollte ihre Freude am Kochen nicht trüben (und sie können das wirklich wahnsinnig gut, sie schaffen es sogar, wunderbar krosse Pommes frites in der Pfanne zuzubereiten, das verdient meinen Respekt!). Aber wahrscheinlich muss ich mir bald ein paar Vitamintabletten besorgen, um nach dem Sonnenbrand nicht auch noch andere physische Gebrechen zu erleiden. Mama und Papa halten mich jedenfalls schon für magersüchtig, denn sie verstehen einfach nicht, warum ich nicht drei Kotelettes aufs Mal essen kann.
Ach, und dann wollte ich euch noch folgendes sagen:
Desculpe-me, por favor! :-)



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