Bem cheia de graça
É ela menina
Que vem e que passa...
Neulich hätte der Taxifahrer, dem ich an der Copa Cobana total gestresst in den Wangen sprang, da ich mal wieder die Zeit vergessen hatte (ich war shoppen), beinahe einen Unfall gebaut. Denn er verwechselte für einen kurzen Moment Gas- und Bremspedal, als ich ihm von mir erzählte.
"Eine Schweizerin Mitte dreissig, gebildet und mit regelmässigem Einkommen, die Portugiesisch lernt und freiwillig in Rio de Janeiro in einer Favela lebt??!" - er konnte es fast nicht glauben. Ob er meine Geschichte denn aufschreiben dürfe, denn er führe einen Blog über seine Erlebnisse als Taxifahrer. Klar, meinte ich, aber ob ich denn auch interessant genug dafür sei? "Com certeza!", nickte er heftig.
Ja, tatsächlich, wie schon erwähnt, wohne ich hier nicht im schicken Ipanema oder mittelständigen Catete oder so, nein, mich trennt ein halber Regenwald von Zuckerhut und Corcovado. Und das schockiert hier nicht nur die geschwätzigen und sehr freundlichen Taxifahrer, sondern eigentlich alle, die nicht so wohnen wie ich.
Ich lebe bei einem brasilianischen Paar in einer sogenannten Comunidade (Gemeinde), was etwas hübscher klingt als Favela. Bei Favela denkt man ja auch immer gleich an die berühmten Bilder mit den farbigen, halb verfallenen Bretterbuden ohne Fenster und Dach, die sich dicht gedrängt an der Flanke eines Berges übereinandertürmen. Das ist dann übrigens Rocinha, die grösste Favela in Südamerika, und ebenfalls in Rio. Eine geschätzte Viertelmillion Menschen klebt dort auf engstem Raum zusammen. Ich war auch schon zu Besuch, denn Mama und Papa haben in Rocinha Familie. Nun, ich wurde nicht überfallen, ich sah auch keine schwer bewaffneten Polizisten und nicht einmal die Touristenströme, die offenbar tagtäglich durch die engen Gassen dort geführt werden. Aber ja, der Platz in Rocinha ist sehr knapp, die Wohnungen sind ziemlich heruntergekommen (ausser der riesige Fernseher, der in brasilianischen Haushalten einfach Standard ist), die Familie teilt sich ein Schlafzimmer und vor dem Fenster hängen einem die Stromleitungen direkt ins Gesicht. Nicht ganz so extrem, aber doch ähnlich sind die Verhältnisse in meiner Favela. Die Wohnung ist in einem abbruchreifen Haus (auch farbig) und sehr klein. Manchmal teile ich mir das Bett mit der 5-jährigen Enkelin, wenn sie zu Besuch ist. Die anderen schlafen im Wohnzimmer auf Sofa und Boden. Privatsphäre ade. Und meine Zürcherische Eitelkeit kann ich hier auch grad vergessen, denn ich habe kaum Platz, all meine Töpfchen, Stiftchen und Pinselchen auszubreiten. Ausserdem gibt´s nur ein Bad für alle. Und das auch nur mit kaltem Wasser, was, wie ich schon sagte, das Allerschlimmste für mich ist!! Mama und Papa sieden mir zwar immer extra einen Topf Wasser auf, aber eigentlich schäme ich mich für diese Memmenhaftigkeit. Ich zwinge mich somit immer öfters unter das kalte Wasser, und es ist wirklich die Hölle! Nur Haare waschen oder nur duschen geht grade noch so halb, aber nasse Haare UND alles andere auch nass ist einfach ein Ding der Unmöglichkeit! Da könnte ich schreien!! Ich gebe deshalb wohl ein ziemlich albernes Bild ab unter der Dusche: ich renne 3, 4 Mal unter der Brause durch, so schnell wie möglich, oder ich halte den Kopf unter den Wasserstrahl, aber den Hintern so weit weg wie möglich, damit mich auch ja kein Tropfen treffen kann, abgesehen am Kopf.
Aber viel schlimmer als kaltes Wasser ist KEIN Wasser, wie das gerade jetzt wieder der Fall ist. So einmal alle zwei Wochen kommt einfach nichts mehr aus dem Hahnen, die Spülung tut nicht, nicht mal das Trinkwasser kann man abfüllen. Ich finde es auch immer toll, dass ich den Wassermangel jeweils erst NACH dem Geschäft auf dem WC bemerke - ist das eigentlich ein göttliches Gesetz oder was??!! Jedenfalls riecht es in der Wohnung etwas streng, wenn´s kein Wasser gibt. Ja, das nervt, vor allem eine Züri-Tussi. Für die Leute hier ist das aber ganz normal und sie regen sich gar nicht erst darüber auf. Und auch nicht darüber, dass sie hier einfach gar nie ihre Ruhe haben. Die Strassen sind gesäumt von Bars, Imbissbuden und unzähligen Läden, die Favela erinnert eigentlich an einen etwas unordentlicheren Ballermann ohne besoffene Deutsche und sonnenverbrannte Engländer. Die Musik läuft Tag und Nacht. Ich habe das "Glück", dass ich genau über einer Kneipe wohne. Das ist dann nicht so, als hätte der Nachbar das Radio ein bisschen zu laut aufgedreht. Das ist so, als würde man direkt in einer gottverdammten Disco leben!! Und wenn die Musik wenigstens gut wäre! Aber nein, es ist nicht Samba oder Forró, der einem zum Mitschunkeln anregt, es sind die brasilianischen Dance-Hits, ganz schlimm, so Elektro meets brasilianische Schlager. Und ich kann euch sagen, "Ai, se eu te pego" und " Tche tcherere tche" gehören dabei noch zu den erträglichen Darbietungen! Vorzugsweise werden die Songs allesamt in der Live-Version gespielt, damit man das Gejohle und Geklatsche der Zuschauermassen grad auch noch mitanhören muss. Grauenhaft! Bin ich allein in der Wohnung, hilft nur eins: Stöpsel in die Ohren und den schlechten Krach mit gutem übertönen. Ich muss manchmal fast lachen, wenn mein ipod "Mis Dach isch de Himmel vo Züri" oder "Scharlachrot" shufflet, das kennt hier bestimmt niemand. :-) Will man sich aber mit seinen Mitbewohnern unterhalten, muss man ziemlich laut werden. Und wer einen leichten Schlaf hat, sollte sowieso lieber in eines der Luxushotels am Strand ziehen. Wenn ich es mir einmal mit meinem Guaraná Zero vor dem Fernseher gemütlich mache (was aber sehr selten vorkommt, ich bin eigentlich kaum zu Hause), dann muss ich die Lautstärke voll aufdrehen, was wiederum den Familienhund völlig ausflippen lässt. Der arme muss ziemliche Ohrenschmerzen haben, den ganzen Tag in diesem Krach und das mit so einem empfindlichen Gehör!
Ebenfalls gewöhnungsbedürftig hier ist die Luft. Obwohl umgeben von Bergen und Wald ist in der Favela nichts mit befreit Durchatmen. Es riecht rund um die Uhr nach gebratenem Poulet und fritierten Salgados - zum Einschlafen ist das vielleicht noch tröstlich - aber es ist wirklich nicht das, was ich nach dem Aufstehen am Morgen als erstes erschnuppern möchte! Werden die Leckereien unter freiem Himmel zubereitet, dann liegen die Strassen manchmal auch noch in einem fettigen Dunst.
Und was für mich neben der kalten Dusche das Härteste ist: es gibt kein wifi. Nix whatsapp, nix google, nix Mail, nix Facebook. Dafür und für diesen Blog muss ich in die Internetbude gleich um die Ecke, wo sich die minderjährigen Favela-Kinder stundenlang ihre Freizeit mit äusserst brutalen und VERDAMMT LAUTEN Videospielen vertreiben - die für ihr Alter ganz bestimmt noch nicht zugelassen sind.
Aber eben, auch das ist Rio. Eigentlich viel mehr als das, was man immer in den schönen Imagefilmen sieht, mit dem Jesus, der hinunter auf die Stadt blickt und den schönen, halb nackten Menschen am Strand. Ins Hotel kann man schliesslich immer, aber ich will lieber richtig leben und erleben, wie Brasilien für die Mehrheit der Einheimischen ist. Zürcher Tussitum hin oder her, da bin ich flexibel.
Aber: War ich geschockt, als ich am ersten Tag in der Favela ankam? Ja, das war ich, natürlich. Nach 14 Stunden Anreise möchte man am liebsten nur noch eine heisse Dusche, ein flauschiges, frisch bezogenes Bett und seine Ruhe. Das konnte ich natürlich grad vergessen hier.
Aber die Sache ist es wert. Die Leute, die mich beherbergen und die ich hier kennenlerne, sind sehr freundlich und fröhlich. Nein, niemand läuft hier in dreckigen, zerrissenen Kleidern umher, im Gegenteil, man legt sehr viel wert darauf, sich herauszuputzen, gut auszusehen und entsprechend zu riechen. Ich habe auch noch keine Waffen gesehen, keine Schiessereien erlebt und keine Drogen entdeckt (ausser Alkohol, natürlich). Die Menschen, die hier in der Favela wohnen, haben alle ganz normale Jobs. Ja, sie arbeiten, zum Teil schon seit sie 13 sind. Täten sie das nämlich nicht, könnten sie sich auch keine Favela leisten, dann sässen sie auf der Strasse. Aber das tut hier niemand. Alle haben ein Dach über dem Kopf und mehr als genug zu essen. Sie haben ihre Familie und ihre Freunde, sie wirken sehr zufrieden und verfügen auch über den nötigen Galgenhumor, um die nicht ganz so angenehmen Seiten ihres Lebens einfach wegzulachen. Was sie unterscheidet von den Menschen in Ipanema oder Copacabana? Nun, sie können sich das sauteure Rio einfach nicht leisten. Viele von ihnen hatten kein Geld für eine gute Ausbildung. Einige bekamen auch früh Kinder und mussten deshalb so bald wie möglich dazuverdienen. Oder sie mussten ein krankes Familienmitglied unterstützen, denn eine Versicherung haben sie nicht. Das ist alles.
Mich, die Schweizerin mit anständigem Einkommen und Hochschulbildung, die sich in Zürich alleine eine Wohnung leisten kann, die mindestens dreimal mehr kostet als die Durchschnittsmiete hier, die schon viel von der Welt gesehen hat, während sie Rio ein ganzes Leben lang nicht verlassen können, die regelmässig vom Arzt durchgecheckt wird und dafür keinen Kredit aufnehmen muss, die nehmen sie gar nicht erst wahr. Und wenn, dann heissen sie mich herzlich willkommen. Sie sehen mich als eine von ihnen. Und auch, wenn ich hier in der Favela niemals für immer leben könnte, das gebe ich ehrlich zu, tut es doch gut, mal wieder zu merken, dass man auch mit weniger auskommt, als man immer zu brauchen meint. Und dass der Sinn des Lebens einfach irgendwo anders liegen muss als im neusten iphone und den Ferien im Luxus-Spa.
Übrigens: der bloggende Taxifahrer hat mir seine Telefonnummer gegeben.
Übrigens: der bloggende Taxifahrer hat mir seine Telefonnummer gegeben.





Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen