Wie sagt man so schön: nichts ist für immer. Und so sind meine zwei Monate hier in Rio de Janeiro denn auch schon abgelaufen, und es geht weiter nach Manaus, an den Amazonas. Ich nehme Abschied vom pulsierenden Rio, von meiner brasilianischen Familie in der Favela, von meinen neuen Freunden und vom Portugiesisch-Unterricht mit einem lachenden und einem weinenden Auge - ok, eigentlich mit zwei weinenden Augen, denn ich fühlte mich hier schon sehr zu Hause.
Ein bisschen getröstet hat mich aber der Fakt, dass gleichzeitig mit meinem Aufenthalt in Rio auch die Prime-Time-Telenovela "Amor á vida" ihr Ende fand. Ja, Telenovelas gehören zu Brasilien wie der Katholizismus zum Papst. Das Land zählt zu den erfolgreichsten Produzenten dieses Fernseh-Genres, ein bisschen ähnlich unserer Seifenoper, aber natürlich leidenschaftlich lateinamerikanisch, mit ganz viel Tränen, Romantik, Herzschmerz, exzessiver Mimik und dramatischer Begleitmusik. Pro Tag werden immer mehrere Telenovelas ausgestrahlt, man kann also ab dem frühen Nachmittag bis in die Nacht durchschauen, wenn man will.
"Amor á vida" flimmerte acht Monate lang über die brasilianischen Bildschirme, und zwar täglich zur besten Sendezeit, um 21 Uhr. Nun, ich bin ja nicht so die Serien-Kuckerin, und mit schwülstigem Liebesgeplänkel kann man mich jagen. Aber da meine brasilianische Familie "Amor á vida" regelmässig einschaltete, sogar die 5-jährige Enkelin die Titelmelodie schon auswendig mitsingen konnte ("Vida! Viida!! VIIIDDAAAA!!!!!"), und da an jedem Kiosk die Hauptdarsteller auf den Titelseiten der Revistas abgefeiert wurden, habe ich mir das Ganze dann doch auch ab und zu angetan. Man will ja schliesslich mitreden können, nicht wahr?
Also sassen wir dann hin und wieder abends alle gemeinsam auf dem Sofa im angenehm kühlen Wohnzimmer (das einzige mit Air Condition), und ich musste sehr darüber schmunzeln, wie die Brasilianer mit den Novela-Figuren mitlitten! Da wurde laut in die Hände geklatscht, wenn es mal wieder zu einer überraschenden Wende kam, besonders bösartige Figuren wurden als piranha oder gar filho da puta beschimpft, besonders hübsche mit anzüglichen Bemerkungen überhäuft, und natürlich war man sich auch in punkto Überzeugungskraft der Darsteller nicht immer einig, was zu heftigen Diskussionen führte.
Ich habe ja nun leider nur noch das letzte Viertel von "Amor á vida" mitgekriegt und das auch nur sehr sporadisch. Dazu kommt, dass mein Portugiesisch halt immer noch eher rudimentär ist (aber Telenovelas helfen super beim Lernen, vor allem, wenn man dazu noch die Untertitel für Taubstumme aufschaltet!), aber ich versuche, hier mal zusammenzufassen, was ich so mitbekommen habe:
Also, im Mittelpunkt steht eine vermögende brasilianische Familie (irgendwie gehört ihnen ein Spital oder so) und deren Freunde. Da ist das Familienoberhaupt, der Patriarch, dessen Namen ich jetzt grad vergessen habe. Er verlässt seine Frau für die viel jüngere Aline. Diese hingegen will eigentlich nur sein Geld, weshalb sie ihm Gift ins Essen kippt, worauf der Patriarch erblindet und total von ihr abhängig wird. Aline schottet ihn von seiner Familie ab und spielt ihm ihre grosse Liebe vor, hat aber natürlich eigentlich einen jungen Geliebten, Ninho. Der steckt mit ihr unter einer Decke, und mit dem knutscht und knuddelt sie dann auch immer hemmungslos neben ihrem Ehemann, denn der sieht ja nichts und bleibt somit sprichwörtlich im Dunkeln (wobei ich sehr bezweifle, dass man Küsse und Schritte und so nicht auch deutlich HÖRT, vor allem, wenn man blind ist). Nur manchmal schreckt er auf und sagt Dinge wie: "Oh, ich spüre da schon wieder so eine Präsenz...", und Aline dann so in der Art: "Jaja, da ging grad der Gärtner vorbei...". Fies.
Der Patriarch hat zwei Kinder. Felix ist schwul und mit Niko zusammen (die beiden werden übrigens von Heteros gespielt, und zwar extra tuntig, sie sind die Lieblinge vieler Zuschauer). Ausserdem war er wohl früher mal ganz ein schlimmer Finger, er warf sogar das Baby seiner Schwester Paloma in den Müll (kein Witz, sah ich in der Retrospektive!) und stahl und betrog, worauf ihn Paloma aus dem Spital feuerte. Niko, Felixes Freund, hingegen war früher mal mit einem anderen Typen zusammen. Die beiden liessen sich per Leihmutter zu Vätern machen, aber die Leihmutter spannte Niko darauf den Typen einfach aus und behielt das Kind. Der Typ war dann eine Zeit lang also nicht mehr schwul, bis er merkte, dass er das doch nicht konnte und die Frau sowieso nicht ganz dicht im Kopf war. Da verliess er sie, worauf sich die Frau einem neuen schwulen Pärchen als Leihmutter anbot und sich dort wieder dem besser Aussehenden an den Hals warf. Aber diesmal vermasselt ihr Niko die Tour, aus Rache.
Jedenfalls, Felix und seine Schwester Paloma können die Aline, die neue Frau ihres Vaters, überhaupt nicht ausstehen (und sich selber übrigens auch nicht, eben, wegen Baby in den Müll und so) und vermuten, dass da etwas faul ist am Ganzen. Aber der Patriarch will nicht hören, er ist sprichwörtlich blind vor Liebe. Aber dann eines Tages, ich weiss ehrlich gesagt auch nicht so recht warum, wendet sich Aline auch gegen ihren Geliebten Ninho und rammt dem ein Messer in die Brust (er überlebt). Sie will ausser Landes fliehen, aber Felix und Paloma kommen ihr auf die Schliche, sie wird noch am Flughafen verhaftet und kommt ins Gefängnis (Ninho auch). Dort gesteht sie dann ihrem liebestollen Patriarchen, dass sie ihn fertig machen wollte, weil er schuld am Tod ihrer Mutter war. Die war nämlich vor x Jahren ebenfalls die Geliebte des Patriarchen, kam aber bei einem Autounfall ums Leben, und Aline glaubt, der Patriarch sei daran schuld. Allerdings stellt sich dann heraus, dass nicht er, sondern seine Ex-Frau die Bremsen am Auto präparieren liess, aus Eifersucht, weil sie wusste, dass er eine Geliebte hatte (übrigens ist die Gehörnte nun ebenfalls mit einem 50 Jahre jüngeren Toyboy verheiratet).
Gut, und dann gibt es da noch die junge, hübsche Linda. Sie wird von ihrer Familie total überbehütet, da sie Authistin ist, aber meiner Meinung nach stellt die Schauspielerin eine geistig schwer Behinderte dar, die auf dem Niveau einer Achtjährigen stehengeblieben ist. Trotzdem verliebt sich ein sehr gut aussehender Anwalt in sie, Raffael, und mit seiner Hilfe wird Linda selbständiger, sie traut sich nun mehr zu, bricht von zu Hause aus, beginnt zu malen - und verliert ihre Unschuld.
Im grossen Finale, das wohl halb Brasilien vor die Fernseher zog (und zwar nicht nur zu Hause, am Strand oder im Lanchonete gibt´s natürlich auch Fernseher), heiraten Linda und Raffael natürlich mit grossem Pompom (ich weiss nicht so recht, für mich war es ein bisschen so, als würde ein Kind vor den Altar geführt, das keine Ahnung hat, was es da überhaupt macht...).
Die rachsüchtige Aline versucht, aus dem Gefängnis auszubrechen, dummerweise wird der Strom am Zaun nicht rechtzeitig abgeschaltet, worauf sie beim Rüberklettern kläglich an Elektroschocks verendet.
Ihr Mann, der Patriarch, ist über ihr Geständnis so sehr erschüttert, dass er einen Schlaganfall erleidet und anschliessend im Rollstuhl sitzt. Er wird nie mehr glücklich, obwohl sich auf wunderbare Weise seine Sehkraft wieder herstellt. Felix, sein verhasster Sohn (weil er schwul ist?), beschliesst, sein Leben total zu ändern und sich um seinen Vater zu kümmern. Er zieht mit ihm ins Strandhaus der Familie und umsorgt ihn liebevoll.
Überhaupt könnte das Happyend nicht happier sein: Paloma vergibt Felix seine Sünden und bringt einen Stammhalter zur Welt, der Patriarch und sein Sohn gestehen sich gegenseitig ihre Liebe, die authistische Linda präsentiert die erste Ausstellung ihrer Bilder (sie kann fast alle verkaufen), mehrere andere Paare finden auch wieder zueinander und jede Novela-Figur hat mindestens einmal geweint. Aber das Aufregendste am gesamten Ende von "Amor á vida": Felix und Niko küssen sich zum ersten Mal auf der Leinwand!! Es ertönte ein verzücktes "Aaaaaaahhhhhhh!" durch die gesamte Favela und es wurde in vielen Wohnungen hörbar Beifall geklatscht.
Meine brasilianische Familie war sehr gerührt und zufrieden mit diesem Finale der Telenovela. Kaum ertönt die Schlussmelodie, wird auch schon herumtelefoniert: "Assistiu o final? Foi legal, não? Ai, tive que chorar tanto!".
Ja, weinen muss ich jetzt auch ein bisschen, aber nicht wegen "Amor á vida", sondern weil ich Rio de Janeiro Tschüss sagen muss. Manchmal werden die Telenovelas in Brasilien verlängert, wenn sie besonders erfolgreich waren. Ich hoffe deshalb auch, dass ich Rio nicht zum letzten Mal gesehen habe.






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