Freitag, 7. Februar 2014

Bem-vindo á selva

Das Wetter bei meiner Ankunft in Manaus, der Hauptstadt des grössten brasilianischen Bundesstaats Amazonas, passte zu meiner Stimmung: trüb und verregnet. Nach zwei Monaten in Brasilien verbrachte ich also meine erste Nacht alleine - komplett alleine, denn in meinem Hostel gab es aus irgend einem Grund auch keine anderen Gäste. Was ich nicht verstehe, denn es war sehr nett. Egal, ich stand da also in meinem hübschen Einzelzimmer mit Air Condition und warmer Dusche, aber ich konnte mich gar nicht richtig freuen über so viel Platz und Komfort ganz für mich alleine. Ich vermisste die enge Favela in Rio, das Chaos in meiner brasilianischen Familie, auch den Hund, obwohl er mir Kaugummi und Schokolade wegfrass und manchmal nachts um 3 Uhr völlig unerwartet zu mir aufs Betts sprang, direkt auf meine volle Blase.
Ich dachte also: Was tun mit diesem angebrochenen ersten Tag in Manaus? Angesichts des Wetters fand ich es angebracht, mir einen Regenschutz zu besorgen, denn diesen hatte ich beim Packen in Zürich vergessen (also, ABSICHTLICH vergessen, gebe ich zu, denn ich HASSE Regenmäntel, Schirme und so!). Ausserdem stand im Programm für meinen Regenwald-Trip doch tatsächlich, dass man einen dabei haben sollte (hatte ich wohl auch absichtlich überlesen). Ja, gut, ich gehe also mal ins Stadtzentrum, es ist später Nachmittag. Bevor ich nach Reisekleidern stöbere, beschliesse ich, mir noch ein einfaches Abendessen im Supermarkt zu besorgen.

Ich weiss was ihr denkt: FEHLER!!

Und tatsächlich: als ich endlich wieder aus dem Laden rauskam, war es dunkel, schiffte wieder pra caraca und alle anderen Shops hatten bereits geschlossen. Also nix mit Regenschutz, ich wartete, ich eilte mit meinen 5 Plastiksäcken mit ein bisschen Chips und Guaraná Zero zurück ins Hostel. Dort machte ich mir dann einen Depro-Fernsehabend mit Junkfood, vor einem uralten, winzigen Röhrenbildschirm. "Big Brother Brazil" war in schwarz-weiss und ziemlich verwackelt.
Ich war froh, hatte ich am nächsten Tag wieder volles Programm, denn dann hiess es also endlich: Welcome to the jungle - bem-vindo á selva! Ein Besuch im Regenwald Amazoniens gehört für mich auf einer Brasilien-Reise einfach dazu! Die grüne Lunge, Piranhas, Anacondas und so, das wollte ich mal mit eigenen Augen gesehen haben. Per Auto, Schiff, Auto und wieder Schiff ging es über mehr als drei Stunden in eine Lodge am Rio irgendwas - sorry, aber alle diese Amazonas-Zuflüsse kann ich mir einfach nicht merken. Das Hauptgebäude der Lodge schwamm direkt im Fluss, denn es musste sich das Jahr hindurch immer wieder dem Wasserpegel anpassen, dieser schwankt nämlich regelmässig um die 15 Meter. Ich hatte meine eigene kleine Holzhütte, auf Pfählen, ebenfalls wegen des steigenden und fallenden Wassers. Und dort gab es auch schon ein Haustier, so eine winzige Echse, die mir jeweils beim Duschen zuschaute, sonst aber nicht sehr zutraulich war.
Die Gegend ist das pure Gegenteil des Grossstadt-Dschungels, den ich bisher von Brasilien kannte. Nur Wasser, Bäume und ein paar Boote. Keine Läden, keine Strassen, kein Telefonempfang, kein Internet, kein Lärm. Und da gerade keine Hochsaison war, auch fast keine Menschen. Der Lodge-Besitzer versicherte uns, dass wir ohne Probleme im Fluss schwimmen könnten. Ich schlüpfte also schon mal ins Bikini. Allerdings gingen wir in der Nacht im selben Fluss Kaimane jagen. Der, den wir aus dem Wasser zogen, war zwar noch ein Baby, offenbar würde er aber eines Tages bis zu 4 Meter lang sein. Ich verstaute meinen Bikini wieder im Rucksack.
Dafür hätte ich stundenlang mit dem Boot über das spiegelglatte Wasser gleiten können, ich fand es so friedlich. Wir fuhren in kleinen Gruppen hinaus auf den Fluss, machmal paddelten wir, manchmal hatten wir ein Motorboot. Dann hielten wir irgendwo und liessen uns einfach treiben und lauschten den Geräuschen des Regenwaldes um uns herum. Ich verfiel dabei in eine Art medidative Ruhe, sehr angenehm.
Am Tollsten war es, als ich mal mit einer kleinen Nussschale (wortwörtlich, und passenderweise war sie aus irgendeinem Grund auch noch mit "CH"angeschrieben) ganz alleine rauspaddelte - ok, es brauchte zuerst ein bisschen Übung, bis ich endlich vom Fleck kam, aber nach ein paar Runden im Kreis hatte ich den Dreh allmählich raus. Es ging nur langsam voran, vor allem flussaufwärts, und war sauanstrengend, aber schön. Mitten im Fluss legte ich mich dann einfach hin (so gut das ging in dem Kahn) und schloss die Augen. Ich hörte all die Vögel um mich herum, die Affen und die Flussdelphine, wenn sie ganz kurz auftauchten um Luft zu holen. Sie kamen aber leider nie nahe ans Boot, nicht so wie Flipper. Flussdelphine sind übrigens auch nicht so süss wie diejenigen im Meer, nein, ehrlich gesagt finde ich, sie sind total unförmig und dazu auch noch rosa. Wahrscheinlich dachte sich die Natur, als sie die Flussdelphine schuf, da unten im dunklen Wasser des Rio Negro (einer der Zuflüsse des Amazonas, und seine Farbe passt wirklich zum Namen) sieht man sowieso nichts, da ist Ästhethik totale Nebensache.
Tja, und vielmehr andere Tiere als die eben erwähnten habe ich dann leider auch nicht gesehen. Auch nicht auf der Dschungel-Wanderung. Die Tarantel war nicht "zu Hause", jedenfalls konnte der Guide noch so lange mit einem Grashalm im Erdloch rumbohren (ich war froh, Spinnen sind sowas von Igitt!). Die Papageien hörten wir nur, aber sahen wir nicht. Es schlich auch kein Jaguar vorbei. Kein Faultier hing in den Bäumen. Keine Schlange wollte uns würgen. Nur eine einsame Taube sass auf ihren Eiern. Oh, und ein winziger Giftfrosch auf einem Stein. 
Aber so ist das halt: die Natur ist kein Wunschkonzert, Safaris kann man in Afrika machen. Allerdings hofften ich und die anderen Gringos auf ein paar Piranhas, klar, das ist ja auch das erste, was einem zu "Amazonas" einfällt. Wir gingen also Fischen. Dafür steckten wir das Fett des frango vom Mittagessen auf einen Haken, der an einer Schnur von einem simplen Stöckchen baumelte. Und siehe da: einige zogen tatsächlich einen Piranha aus dem Wasser! Natürlich nicht so ein Halb-Meter-Riesenmonster, mit Zähnen in alle Richtungen, wie man es in den Horrorfilmen immer zu Gesicht bekommt. Es waren kleine, bunte, eigentlich sehr schöne Fische, aber tatsächlich Piranhas.
Ich muss zugeben, ich stellte mich beim Fischen absichtlich etwas dämlich an, denn ich wollte den armen Tierchen nicht den Gaumen durchbohren und sie dann im Trockenen ersticken lassen. Dazu kam, dass die "glücklichen" Fänger ihre Fische dann am Abend gebraten auf ihren Tellern vorfanden, was nicht alle besonders freute - da weiss ich wieder, warum ich eigentlich Vegetarierin bin...
Oh, Moment, das Tier, das mir in Amazonien am meisten begegnet ist, habe ich ja noch vergessen: die gemeine Arschloch-Mücke! Es ist ja nun zur Zeit gerade keine Mückensaison in diesem Gebiet, in dem meine Lodge sich befand. Aber das ist diesen blutsaugenden Biestern scheissegal! Ich weiss nicht warum, aber ich habe einen Schlag bei denen. Es mögen ja vielleicht tatsächlich nur ein paar einsame Mückchen rumgeschwirrt sein, aber jede einzelne davon hat mich sicher ein Dutzend Mal gestochen!!! Ich weiss nicht, wie die das immer schaffen!! Ich trug lange Hosen und den ganzen Tag Eau d' Antibrumm, ich lag unter dem Moskitonetz, ich fuchtelte die ganze Zeit wie wild herum - aber NEIN!! Diese scheiss Viecher haben mich fast aufgefressen, sie fanden sogar irgendwie den Weg unter meine Kleider, und mein Mückenspray hat sie kein bisschen gestört!! Ich sah nach einem Tag schon aus, als hätte ich die Beulenpest! Und zwar natürlich nur ICH! Denn haben die verdammten Mücken auch die anderen Touris gestochen? Nö!! Sie wollten nur MEIN Blut saugen, diese filhos da puta!!!!
Man machte schon Witze über mich in der Lodge, so im Stil: "Auch wenn du nicht in den Dschungel gekommen wärst - die Mücken hätten dich schon gefunden!" Ich weiss nicht, warum ich für diese Arschlöcher so attraktiv bin, aber ich empfinde es nicht gerade als Kompliment! Überhaupt: pinke Delfine und MÜCKEN, gimme a break!! Natur, was soll das? Was bitte hast du dir bloss dabei gedacht?! 

Mit ruhigen, erholsamen Nächten war deshalb schon mal nichts, ich musste mich auch im Bett ununterbrochen kratzen, von oben bis unten. So stelle ich mir ungefähr die Hölle vor!
Aber man kommt ja sowieso nicht zum Schlafen in den Regenwald, dafür sind die Nächte viel zu interessant. Man muss Lauschen. Ich habe deshalb vor dem zu Bett Gehen immer extra noch den Ventilator ausgemacht, damit das Geknatter nicht dauernd die Naturgeräusche übertönt. Dann lag ich da im Dunkeln und hörte hinaus in die Nacht. Wenn ich wegschlief, dann nicht für lange, denn spätestens um 4 Uhr morgens ging das Konzert los: erst die Affen - also, man versicherte mir, dass es kleine Affen seien, aber es hörte sich an wie der T-Rex in "Jurassic Park", zum Fürchten, kein Scherz! Dann so gegen 5 die Vögel. Die Grillen machten erst gar nie eine Pause. Und dazwischen hörte man immer wieder die Hunde des Lodge-Besitzers und den Hahn auf dem dazugehörigen Hof (wer hat eigentlich gesagt, dass Hähne nur bei Sonnenaufgang krähen? Sorry, aber dieser Hahn hatte NULL Zeitgefühl!). Obwohl ich pro Nacht sicher 4mal aufgewacht bin (nicht nur wegen der juckenden Mückenstiche), habe ich diese Geräuschkulisse sehr genossen.
Aber das Highlight meiner Amazonas-Tour war natürlich die Übernachtung survival-like im Regenwald. Ok, nicht ganz survival, wir hatten Essen und Trinken in Kühlboxen dabei, aber egal. Unter einem Strohdach spannten wir unsere Hängematten inklusive Moskitonetze auf und grillten am offenen Feuer. Wir schafften es gerade noch, den peixe und das frango zu braten, als es natürlich wieder sintflutartig zu schütten begann (darum heisst das Ding wohl auch Regenwald!). So sassen wir also unter dem Dach und konnten nicht raus. Langweilig. Zum Glück hatten wir eine Flasche Cachaça, Limonen und Zucker dabei...
Den weiteren Verlauf des Abends kann man sich ja wohl denken. Oder auch nicht. Jedenfalls glaube ich, dass stockbesoffen Boot fahren in der Nacht (ENDLICH konnte ich meine neue Stirnlampe gebrauchen!) in kaiman- und delphin-verseuchten Gewässern wohl auch in Brasilien verboten ist, oder zumindest als fahrlässig gilt...

Na, gut, wir haben es überlebt und uns glänzend amüsiert. Überhaupt hat es mir im Regenwald sehr gut gefallen, auch eine Züri-Tusse ist mal gerne in der Natur, abgeschottet von der Aussenwelt.

Übrigens: als ich da mutterseelenalleine in meiner Nussschale auf dem Fluss paddelte, musste ich plötzlich ganz dringend xixi. Logo, man muss ja immer genau dann, wenn es grad völlig unmöglich ist, oder?! Jedenfalls: ins Wasser gehen war nicht, ich wäre nie mehr aufs Bötchen raufgekommen! Einfach über Bord pinkeln? Das Ding wäre auf der Stelle gekippt! Irgendwo an Land gehen? Ganz allein freiwillig zu den Kaimanen und so? NUNCA!
Naja, ich sage nur soviel: ich habe das Problem gelöst. Aber ich verrate nicht, wie... :-)


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