Montag, 24. Februar 2014

Você tem que ver isso!!

Wenn man auf Reisen geht, dann trifft man ja auch immer andere Traveller, die einem Tipps geben. Ausserdem liest man im Voraus im Internet über seine (möglichen) Reiseziele, kauft sich Bücher und redet mit Leuten, die schon da waren. Und etwas haben all diese Ratgeber gemeinsam: sie wissen immer ganz genau, was man gesehen haben MUSS!! 
Das ist auch in Brasilien nicht anders. Jeder gringo, den ich getroffen habe, und jeder Brasilien-Reisebericht, den ich las, schwörte mir, dass die Wasserfälle von Iguaçu einfach unschlagbar seien. "You have to see this, it' s much better than the Viktoria or Niagara Falls! Você tem que ver isso, é muito bonito! Deet muesch unbedingt ane, wänn'd in Brasilie bisch, das ghört eifach dezue!"
Aha.
Nun, Foz do Iguaçu lag jetzt ehrlich gesagt nicht gerade auf meiner Reiseroute. Nach Rio de Janeiro im Süden und einem Abstecher in Amazonien bin ich ja nun hauptsächlich an der Ostküste unterwegs. Die Fälle befinden sich aber ganz im Westen, an den Grenzen Brasiliens zu Argentinien und Paraguay. Ausserdem bin ich jetzt auch nicht gerade ein Fan von diesen ganz touristischen Dingen, die eben jeder Traveller getan haben MUSS. Cristo Redentor in Rio zum Beispiel war das reinste Grauen für mich: 50 Reais, nur, um mit einer Art Üetlibergbahn den Hügel raufzufahren und dann mit 345720388 anderen Touris um den besten Fotoplatz vor der Christusstatue zu rangeln. Und jeder, wirklich JEDER wollte ein Bild von sich, wie er mit ausgebreiteten Armen vor Cristo steht - NERV!!!! Klar, die Aussicht von da oben auf die Stadt ist sehr imposant. Aber das ist sie ehrlich gesagt auch vom Hügel in der Favela Cantogalo aus, und der ist gratis und menschenleer... naja, jedenfalls hab ich mich in meiner letzten Woche in Rio dann doch noch zum Cristo Redentor hinaufgezwungen, eben, weil ich dachte, ich könne doch nicht diese Stadt besuchen, ohne auch ihr Wahrzeichen hautnah erlebt zu haben.
Heute weiss ich: doch, hätte ich sehr wohl können.

Aber egal. So ein gewaltiges Naturschauspiel wie riesige Wasserfälle kann man natürlich nicht mit einer ollen Statue vergleichen. Deshalb hat es mich auch immer wieder gewurmt, wenn mir andere Gringos oder auch Brasilianer von Iguaçu vorschwärmten. 
Sollte ich tatsächlich das Beste in Brasilien verpassen? War ich gerade daran, einen der schlimmsten Fehler meines Lebens zu begehen? Würde ich das etwa noch auf meinem Totenbett bereuen?? SCHLUCK!!! Je weiter ich mich von den Wasserfällen wegbewegte, desto kälter lief es mir den Rücken hinunter. 
Tja, und zum Glück ging es meiner neuen schwedischen Freundin, mit der ich zusammen in Rio die Portugiesisch-Schulbank gedrückt hatte, ähnlich. Als ich schliesslich in Salvador war und sie in Paraty, beschlossen wir (wifi und whatsapp sei Dank), zusammen doch noch einen Abstecher zu diesem Weltwunder zu machen. Sie war ja noch so halbwegs in der Nähe der Wasserfälle, im Gegensatz zu mir in der Bahia. Aber mein ökologisches und ökonomisches Gewissen war nur noch halb so schlecht, als ich mir sagte, dass ich nicht nur rein touristisch mal so kurz quer durch das Land fliegen würde, sondern, dass ich diesen Umweg auch auf mich nahm, um einen mir lieben Menschen zu besuchen. Und mein Trip liess sich auch noch aus einem praktischen Grund rechtfertigen: als Schweizerin habe ich das Recht, drei Monate ohne Visum in Brasilien zu bleiben. Ich plane allerdings vier Monate. Deshalb müsste ich früher oder später zur polícia federal gehen, um einen neuen Stempel im Pass zu bekommen, der meine Aufenthaltsberechtigung um weitere drei Monate verlängert. Aber da ich nun erlebt habe, wie langsam es hier in Brasilien an Kassen, Theken und Schaltern zugeht, habe ich mich bisher davor gedrückt, um meine Nerven und mein Zeitbudget zu schonen. Mit einem kurzen Gang über die brasilianische Grenze (die Iguaçu-Fälle erstrecken sich auch auf argentinischem Boden) hätte ich das Problem aber elegant gelöst...
Die Schwedin und ich buchten also drei Nächte in einem Hostel in Foz do Iguaçu, sie dazu eine irgendwie 21-stündige Busfahrt und ich einen halbwegs erschwinglichen Flug.

Die Wasserfälle von Iguaçu erstrecken sich über 2,7 Kilometer. Es gibt 20 grössere und 255 kleinere Fälle, die zwischen 60 und 82 Metern hoch sind. Damit seien sie die grössten der Welt, heisst es. Dazu kann ich nichts sagen, denn ich habe weder die Viktoria-Fälle in Sambia noch die Niagara-Fälle in Kanada gesehen, mir fehlt also der Vergleich. Was gut ist, denn so kann ich Iguaçu ganz "jungfräulich" und unvoreingenommen besuchen.
Im Hostel beginnt es schon beim Frühstück mit den grossen Erwartungen. Die Schwedin und ich treffen einen Engländer und drei Polinnen. Sie haben die Fälle schon gesehen und kommen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Jaja, sicher 6 Stunden seien sie auf der argentinischen Seite unterwegs gewesen, wirklich wunderschön! Überhaupt sei die Sicht auf die Fälle von Argentinien aus viiieeeel besser (darin sind sich gemäss meiner Recherchen übrigens die meisten Traveller einig), aber auch die brasilianische Seite habe seine Reize. Die Schwedin und ich freuen uns auf ausgedehnte Wanderungen in einer spektakulären Kulisse, schnallen unsere besten Laufschuhe an, packen gefüllte Wasserflaschen in unsere Rucksäcke und schmieren uns von oben bis unten mit Sonnencreme ein. Das Beste soll zuerst kommen, wir fahren also mit dem Bus über die argentinische Grenze (juppiieee, mein neuer Stempel!), hinein in den Nationalpark. 
Als wir losmarschieren, schwant mir schon bald Fürchterliches: die anderen Besucher, die uns entgegenkommen, tragen Flip-Flops, sind schon ziemlich betagt oder mit Kinderwägen unterwegs. Die Wanderwege sind deshalb auch asphaltiert - und mega schmal, so dass man bei dem Gedränge nur sehr langsam vorwärtskommt. Ok, irgendwie verstehe ich ja, dass man die Iguaçu-Fälle irgendwie allen zugänglich machen muss. Aber wie war das nun genau mit unserem geplanten schweisstreibenden Hike durch die unberührte Natur? Wir schreiten also die ausgeschilderten Wege ab, oder besser, schleichen sie ab. Sie münden in unzählige Aussichtspunkte, wo man mal ein paar kleine Wasserfälle sieht, mal nur ein Wasserbecken, mal die grösseren Fälle ganz weit weg. Anders als die zahlreichen anderen Touris sind die Schwedin und ich nicht beeindruckt, wir schiessen nicht mal Fotos. Wir wollen gleich zum Garganta do Diabo, zum Teufelsschlund, dem besten und spektakulärsten Ausblick auf die Iguaçu-Fälle! Aber auch dorthin führt kein trilha durch die unberührte Wildnis, auf dem wir exotische Vögel oder gefährliche Raubkatzen treffen. Nein, wir müssen in einen Zug einsteigen, der mich stark an eine Attraktion im Europapark erinnert, und werden bequem und sehr unspektakulär den Hügel hinaufgefahren. Oben angekommen sind wir nun richtig ungeduldig, wir rennen geradezu über die Stege, die quer über die Wasser gebaut wurden, ohne ein Auge für die vielen bunten Schmetterlinge zu haben, die einzigen wilden Tiere, die es hier zuhauf gibt. Schliesslich hören wir das Tosen der Wassermassen, es kommt immer näher, sprühende Gischt benetzt unsere überhitzte Haut, wir bahnen uns unseren Weg durch die dicht gedrängte Menschenmasse, gespickt mit Foto- und Filmkameras. Und schliesslich stehen wir ganz vorne auf der Plattform, direkt am Abgrund, am Teufelsschlund, und schauen hinunter in die Tiefe - und finden es irgendwie... ganz ok?

 Schön sind sie, die Iguaçu-Fälle, sicher. Aber grad in Ohnmacht vor Entzückung fallen wir nicht. Auch bleibt uns nicht "das Herz für einen Moment stehen", wie uns das eine befreundete Travellerin beschrieben hatte. Da platscht sehr viel Wasser in die Tiefe, es schäumt und sprüht, es ist laut und ich stelle mir kurz vor, was wohl passieren würde, wenn man Indiana-Jones-mässig diese Laune der Natur als Rutschbahn benutzen würde. Aber das ist es dann auch schon. Nach zirka 10 Minuten machen sich die Schwedin und ich wieder auf den Rückweg.
Zurück im Hostel fühlen wir uns wie erschlagen, und zwar nicht, weil uns das eben Erlebte so dermassen überwältigt hätte, sondern weil uns beiden klar geworden ist, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt worden waren. Waren wir etwa schon zu abgebrüht? Zu verwöhnt? Hatten wir etwa schon zu viel gesehen auf unseren Reisen?
Ich weiss nicht. Jedenfalls überrede ich meine Freundin, am nächsten Tag doch noch mit in den brasilianischen Nationalpark zu gehen. Anders als sie will ich den Iguaçu-Fällen nämlich noch eine zweite Chance geben. Ok, das klingt jetzt wirklich arrogant, 80 Meter hohe Wasserfälle können eine Züri-Tussi also offenbar nicht mal aus der Reserve locken, uiuiui, was für eine verwöhnte Göre! 
Versteht mich nicht falsch: sie sind schön, ohne Zweifel, Natur IST schön. Aber dafür Eintritt bezahlen, um mit Hunderten anderen einfach davorzustehen und Wasser zu gucken - irgendwie überzeugt mich das nicht.
Aber zum Glück verbessert sich meine Stimmung auf der brasilianischen Seite der Fälle wieder. Anders als vielen anderen Besuchern gefällt mir die nämlich besser als die argentinische, obwohl man von hier aus nicht direkt in den Teufelsschlund hinunterblicken kann, sondern eher so ein bisschen auf Augenhöhe mit den Wassermassen ist. Ich finde diese Sicht aber hübscher, denn sie vermittelt einem auch einen besseren Eindruck von der grossen Ausdehnung der Fälle. 

 Und ein weiteres Plus: es wimmelt hier von quatis, Nasenbären! Die haben null Angst vor den Menschen, sondern streichen ihnen um die Beine und wollen was zu Fressen kriegen. Ok, offenbar beissen sie einen auch mal gerne und übertragen dabei üble Krankheiten, weshalb das Füttern der Viecher auch verboten ist. Aber nicht alle halten sich daran. Und den Nasenbären selber ist das Verbot eh egal, sie holen sich einfach, was sie wollen, wenn nicht direkt aus einer Hand oder vom Tisch im Restaurant, dann auch mal gerne aus dem Abfallkübel.
Ich mag sie irgendwie.
Fazit: meiner Meinung nach gibt es NICHTS, was man unbedingt gesehen haben MUSS auf dieser Welt, auch nicht in Brasilien. Diese Auffassung ist wohl sehr individuell. Was den einen beeindruckt, das entlockt dem anderen nicht mal ein müdes Lächeln, das habe ich wieder mal gelernt.
Die Wasserfälle von Iguaçu sind imposant und schön, bacana, ja. Wer dort vorbeikommt, soll sie sich ankucken, das kann ich empfehlen. Aber extra dafür quer durchs Land fliegen für viel Geld und viel CO2, nein, das lohnt sich nicht.
Ich kehrte deshalb mit gemischten Gefühlen nach Salvador zurück. Ich hatte auch noch viel Zeit, über Iguaçu nachzudenken, als ich mit dem Bus zurück zu Primo fuhr, denn wir standen irgendwie eine Stunde im Stau. Übrigens sind die Busse in der Bahia keinen Deut besser als die in Rio, der einzige Unterschied ist, dass sich hier das Drehkreuz HINTEN befindet und der Ausstieg VORNE. Und übrigens: mit einem grossen Rucksack am Rücken und einem kleinen vor der Brust (so wie das bei mir der Fall war) kommt man NICHT durch das Drehkreuz, was für einen Flughafenbus aber ziemlich ungeschickt ist! Wenigstens sah das der Chauffeur auch ein, und ich durfte die mittlere Tür ohne Drehkreuz benutzen. Aber nur für den Einstieg, rausquetschen musste ich mich dann bei ihm vorne. Und ich sag euch: ich blieb beinahe stecken. DAS nenne ich spektakulär!

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