Mittwoch, 8. Januar 2014

Os anos gordos acabaram

Man kann wirklich nicht sagen, ich hätte es nicht versucht. Nein, ich war offen für alles. Aber es ging einfach nicht.
Die Rede ist vom brasilianischen Bikini. Ich wollte mir in Rio ja unbedingt einen kaufen, denn was gibt es für ein besseres Souvenir aus dieser Stadt als die typische Bademode? Allerdings ist ja weit herum bekannt, dass Brasilianerinnen es knapp mögen. Sehr knapp. Versteht mich nicht falsch: ich habe nichts dagegen, meinen Hintern oder Busen zu zeigen. Wem' s nicht passt, der kann schliesslich wegschauen. Und in Rio ist man diesbezüglich noch viel entspannter als etwa in Zürich, denn obwohl sich hier vieles um die Schönheit dreht, und dabei vor allem um den perfekten Popo, so sieht man doch alle möglichen Modelle des menschlichen Körpers am Strand. Von superschlank über operiert bis schwabbelig und mit Zellulitis - hier darf jede Frau zeigen, was sie hat (Mann übrigens auch, aber das ist ein anderes Thema), und das tut sie auch, schamlos, vom Baby bis zur Oma. Alle liegen sie in Tanga, String oder sonstwie knappen Höschen in der Sonne, und auch obenrum ist oft nur ein bisschen was noch verdeckt.


 
Eigentlich eine Farce: in Brasilien ist Nacktbaden nur an sehr wenigen, ausgewählten Stränden erlaubt, schliesslich ist man streng katholisch. Aber solange die Brustwarzen nicht sichtbar sind und irgendwas noch in der Popo-Spalte steckt (egal wie schmal), dann geht das völlig in Ordnung. Wie auch immer. Ob man nun den passenden Body dazu hat oder nicht, es guckt hier keiner blöd, und das finde ich toll. Ich könnte hier also getrost alles raushängen lassen, niemand würde sich daran stören, ich am wenigsten. Trotzdem muss mein neuer Bikini meinen Arsch bedecken, auch wenn mir wirklich scheissegal ist, wer mich von hinten ankuckt oder auch nicht. Aber ich will einfach nicht in etwas investieren, was ich dann wirklich nur in Brasilien tragen kann. Ok, vielleicht noch auf Ibiza, aber ich habe wirklich nicht vor, dort in nächster Zeit meine Ferien zu verbringen. Und mit Zahnseide am Körper zu Hause am Oberen Letten in Zürich, dort, wo man Orangenhaut und Hängebauch nicht ganz so easy nimmt wie hier - nein, das möchte ich mir nun wirklich nicht antun!

Aber einen züri-tauglichen Bikini in Rio de Janeiro zu finden, gestaltet sich als ziemlich schwierig. In den erschwinglichen Läden und beim fliegenden Händler am Strand gibt es nur die modisch knappen Modelle, also eben, Tanga oder höchstens "hinten gleich wie vorne". 
Womit wir bei einem meiner Lieblingsthemen wären: Nossa! Das kann auch nur ein Mann erfunden haben! Sorry, aber das geht nun wirklich nicht, auch nicht bei der schlanksten Frau! Der Hintern ist IMMER grösser als die Vagina, meine Herren, das ist die weibliche Physiognomie, merkt euch das, bitte! Ergo braucht es an einem Bikini-Höschen auch hinten MEHR Stoff als vorne, ist doch ganz logisch, oder etwa nicht?? Wie gesagt, ich spreche aus Erfahrung und nicht nur, weil ich für Frauenrechte kämpfen will. Nein, ich habe es wirklich versucht. Ich habe mich in solche Bademode hineingezwängt. Aber als ich im Spiegel sah, dass ich nun plötzlich vier Arschbacken hatte, liess ich es bleiben. Geht. Gar. Nicht. NUNCA!
Tja, ihr seht, ich merkte also ziemlich schnell, dass ich ein bisschen investieren musste, um in Brasilien einen halbwegs deckenden Bikini zu ergattern, hingegen aber auch auf das Modell "Miederhose für die Frau ab 80" verzichten zu können. Das gibt´s hier nämlich auch, wird aber wahrscheinlich selten gekauft (was ich auch wieder verstehe). Und ein weiteres Problem: die Bikinis werden meistens nur in Einheitsgrössen angeboten, also Ober- und Unterteil zusammen in pequeno, medio oder grande. Glücklich die Frauen, die so symmetrisch gebaut sind! Ich gehöre leider nicht dazu. Also nix mit Billig-Läden, ab in eine schicke Boutique mit fähiger Beratung und verschiedenen Grössen für oben und unten. Dort machte ich der freundlichen Verkäuferin dann auch von Anfang an gleich klar: "Em cima pequeno, mas embaixo GRANDE! Não sunga!!", um nicht wieder dieses schreckliche Bild im Spiegel der Umkleidekabine betrachten zu müssen wie schon mal (kommt meinem Jahrhundert-Sonnenbrand übrigens ziemlich nahe). Und siehe da: es verging keine Viertelstunde, da hatte ich auch schon das perfekte Teil gefunden für mich. Ok, schweineteuer, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und ja, der Bikini ist doch ein bisschen sexyer als die Schweizer Modelle, aber grade noch vertretbar, auch in einem Zürcher Schwimmbad.

Apropos sexy: eben, Brasilianerinnen und Brasilianern liegt viel an ihrem Äusseren, jedenfalls hier in Rio. Am Strand von Ipanema und Copacabana wimmelt es nur so von Sportgeräten und Privattrainern, die ihre Kundinnen und Kunden dort für viel Geld quälen. Ausserdem wird von früh bis spät gejoggt, Velo gefahren, gesurft oder geskatet.
Ich habe noch nie so viele durchtrainierte Körper aufs Mal gesehen - ok, das liegt vielleicht auch daran, dass ich noch nie in Miami war. Aber jedes Mal, wenn ich an Rios Stränden entlanglaufe oder dort im Sand liege, fühle ich mich wie in dieser total niveaulosen MTV-Reality-Show Jersey Shore, wo sich wahnsinnig aufgepumpte, spiegelglatt rasierte und solariumgebräunte Macker zusammen mit silikonbeladenen, kunsthaarigen und völlig überschminkten Tussis im Whirlpool oder Bett räkeln: wo man hinblickt, nur Körperkunst! Das ist jetzt nicht so mein Ding, also, weder der fehlende IQ der Jersey Shoreler noch der Workout-Trend in Rio - aber beides ist interessant und amüsant anzuschauen. Am liebsten liege ich persönlich übrigens am Schwulenstrand von Ipanema, denn dort sind die Männer noch ein bisschen trainierter und tragen noch ein bisschen knappere Badehosen als sonst. 

Um so auszuschauen, muss man wohl unglaublich viel Disziplin haben, vor allem in Brasilien. Denn ich weiss wirklich nicht, wie man es hier schafft, schlank zu bleiben. Alles ist frittiert, das Açaí, die Salgados und Rabanadas schmecken wundervoll und sind an jeder Ecke erhältlich, und am Feierabend werden literweise Caipirinha und Cerveja gezischt. Kein Wunder, passt mein Hintern in keinen Carioca-Bikini!! Und kein Wunder, gehört Brasilien zu den fettesten Nationen der Welt. Trotzdem ist es mir zu heiss für Sport, Figur hin oder her. Mein einziges Mittel gegen das Fett heisst Verzicht. Guaraná Zero statt Alk. Mal ein Rüebli zwischendurch statt ein kibe
Aber es fällt mir schwer, das könnt ihr mir glauben! Da kommt es mir gerade recht, dass zu Hause in der Favela zur Zeit das Januarloch gähnt. Nach dem grossen Fressen über die Festtage ist der Kühlschrank nun leer, und kochen kann man zur Zeit auch nicht (Mama und Papa hatten kein Geld mehr übrig für die Gasrechnung). Os anos gordos acabaram - die fetten Jahre sind vorbei oder so. Auch der Hund bekommt das zu spüren. In unbeobachteten Momenten macht er sich deshalb klammheimlich über unseren Abfall her. Am liebsten auf meinem Bett. 

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