Montag, 20. Januar 2014

Ordem e progresso 2: Caixa rápida

Bom dia! Willkommen zum zweiten Teil meiner Serie "Was mich so an Rio de Janeiro stört" oder besser gesagt, was für mich hier als Zürcherin ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist. Ich habe mich ja schon als Fan dieser grossartigen Stadt geoutet, also darf ich jetzt auch mal ein bisschen lästern... :-) Disculpe, amor!

Nun, Brasilien ist nicht die Schweiz, das wissen wir ja schon. Und zum Glück! Denn sonst hätte ich ja nicht verreisen müssen. Ich kann mich sehr gut neuen Umständen anpassen, eigentlich zieht es mich ja auch aus genau diesem Grund immer mal wieder ins Ausland: ich will auch mal ANDERS Leben als gewohnt. Andere Länder, andere Sitten. Ich nehm´s gelassen, wenn es halt auch mal nicht nach meinem Gusto läuft. Meistens. Denn hier in Rio gibt es EINEN Ort, an dem ich mich wirklich immer wieder zusammenreissen muss und mir so einen blöden, spiessigen, typisch schweizerischen Kommentar à la "Also, bei uns ginge das dann im Fall nicht!!" nur mit sehr viel Mühe verkneifen kann: an der Kasse.
Jawoll, hier wird das Sprichwort "Zeit ist Geld" irgendwie andersrum gedeutet: während in Zürich alles so schnell wie möglich erledigt werden muss und Schnelligkeit zudem als höflich und respektvoll gilt, macht man in Brasilien lieber so langsam wie möglich, denn schliesslich wird man ja für die ArbeitsZEIT bezahlt und nicht für die ArbeitsGESCHWINDIGKEIT. So lernte ich wohl oder übel, dass man für seine täglichen Besorgungen hier genügend Zeit einplanen muss. Bloss nicht noch kurz, bevor der Bus fährt, ein Cocci kaufen gehen, und das mit dem "Ich gang mir no schnäll es Znacht go hole" grad von Anfang an vergessen - in Rios Läden, Lanchonetes und Supermärkten geht nichts kurz und schnell!

Ein alltägliches Beispiel: 
In einer Filiale im Zona Sul, einer von Rios Supermarktketten. Der Tag neigt sich dem Feierabend zu, vor den Kassen drängen sich lange Menschenschlangen. Aber aus irgendeinem Grund, der mir persönlich nicht ersichtlich ist, sind von den sieben Kassen nur vier geöffnet. Ich hab nur wenige Sachen im Körbli, also stelle ich mich natürlich hinter der caixa rápido an, kennt man ja auch nicht anders in Zürich, wenn man sich nur mal schnell einen kleinen Snack besorgen und nicht hinter den bumsvollen Einkaufswagen fünfköpfiger Familien warten will.
Es geht aber alles andere als rápido voran. Vor mir ist eine ältere Frau an der Reihe. Unter anderem kauft sie eine Flasche Mineralwasser. Aber der Preis, der auf dem Bildschirm vor der Kassiererin erscheint, passt ihr nicht. Es habe doch geheissen, dieses Wasser sei em liquidação, also in Aktion. Die Kassiererin runzelt die Stirn und sieht sich die Flasche von allen Seiten an. Nein, meint sie, das sei nicht die richtige Marke. Sie wolle aber das Wasser mit Rabatt, so die Kundin. Die Kassiererin zögert einen laaaaangen Moment, dann ruft sie einer Berufskollegin. Nun stehen sie beide über der ominösen Flasche und diskutieren. Die zweite Verkäuferin nimmt das Wasser schliesslich mit und verschwindet irgendwo zwischen den Regalen. Man wartet. Ich seufze extra laut, damit auch ja alle merken, dass ich mich nerve und es pressant habe. Aber keiner reagiert, die Schlange steht immer noch brav und ohne zu murren an. Schliesslich kommt die Verkäuferin zurück (und sie hat es nicht gerade eilig), eine neue Wasserflasche in der Hand. Sie gibt sie der ersten Verkäufern und diese streckt das Wasser der Kundin hin. Die Frau kuckt es sich misstrauisch an. Ob denn das nun auch wirklich die richtige Marke sei. Ja, sicher. Aber ob das Wasser auch ja ohne Kohlensäure sei. Die Verkäuferin beäugt prüfend die Etikette. Jaja, sem gas, alles gut. Endlich bezahlt die Kundin, doch mit einer zu grossen Note. Die Kassiererin hat nicht genügend Rückgeld. Wieder muss die zweite Verkäuferin ran und etwas Münz organisieren. Auch das dauert. Endlich sind beide Seiten zufrieden, und die Kassiererin verpackt den Einkauf noch in mehrere kleine Plastiktüten, ganz langsam und genau. Ich trete von einem Bein auf das andere und gebe mir die grösste Mühe, auch ja einen besonders angepissten Gesichtsausdruck zu haben. Aber ich bleibe auch diesmal unbemerkt.
Endlich bin ich dran mit Zahlen. Die übliche Frage nach der "Cumulus"-Karte des Zona Sul verneine ich kopfschüttelnd. Die Verkäuferin streckt mir meinen Pfirsich entgegen.
"Ist das ein pêssego?"
"Ja. (Was denn sonst, etwa eine Wassermelone??)"
"Was für einer? Nacional oder importado?"
"Nacional", lüge ich, denn die sind billiger. Aber das Ganze ist noch nicht ausgestanden, meiner Banane ergeht es nämlich nicht viel besser:
"D' água oder prata?"
"Hä?"
"D' água oder prata?"
"... " - ich kombiniere blitzschnell in meinem Gehirn: água bedeutet "Wasser", darin kann man Bananen kochen, sie spricht also wahrscheinlich von Kochbananen. Prata kommt vielleicht von prato, und das heisst "Teller", die Banane ist also wahrscheinlich zum sofort Essen gedacht, was ich ja auch vorhabe. Also:
"Prata." (meine Kombination ist übrigens kreuzfalsch, mein Fehler, aber das ist egal, es hätte am nachfolgenden Prozess auch nichts geändert.)
Der Preis erscheint auf dem Bildschirm. Ich zahle.
"Haben Sie 50 Centavos?". 
Caralho!!! Hab ich natürlich nicht, aber zum Glück die Kassiererin von nebenan. Jetzt steckt die Verkäuferin auch meine Waren in Plastiksäcke, das Guaraná Zero in einen, die Banane in einen anderen und die beiden Pfirsiche in einen dritten.
"Não preciso de sacolas", beteuere ich.
"Nein?", die Kassiererin mustert mich kritisch. Ich weise mit dem Kopf auf die anderen drei Säcke, die ich bereits in der Hand habe.
"Das passt noch da rein."
Sie ist zufrieden und wünscht mir einen schönen Abend.
Auf dem Weg zur "Bushaltestelle" überkommt mich plötzlich die unbändige Lust auf ein Glacé. Aber natürlich habe ich aus der vorangegangenen Erfahrung gelernt und begebe mich deshalb in ein Schnellimbiss-Restaurant. 
SCHNELLimbiss, t´entendeu
Ich bestelle an der Theke das Glacé, und nachdem das mit dem "Cornet oder Kübeli" geklärt ist, bekomme ich es auch. Aber als ich zahlen will, verweist mich der Glacémann auf seine Arbeitskollegin, die einen halben Meter neben ihm steht. Aha, Arbeitsteilung the brazilian way, ich verstehe, ordem e progresso halt. Na, gut, von mir aus. Ich muss nochmals anstehen, denn vor der Frau warten bereits drei andere zahlungswillige Kunden. Sie berappen ihren Burger oder ihren Becher Matte allesamt mit der Kreditkarte. Das dauert ewig. Endlich bin ich an der Reihe. 
"Ich zahle ein Glacé."
Ja, das muss ich sagen, denn man sieht´s nicht mehr. Damit mir das Ding in der Hand nicht noch vollständig wegschmilzt und auf meinem T-Shirt landet, habe ich es bereits gegessen. Ehrlich gesagt, die Zeit, in der ich an der Kasse angestanden bin, hätte auch gereicht, um noch drei weitere Glacés zu schlecken.

Und so oder ähnlich geht das überall, wo man sich etwas kaufen will in Rio. Als Gringa und Gringo braucht man hier ungewöhnlich viel Geduld und Zeit - ich bin aber auch schon entnervt wieder davongelaufen, muss ich zugeben. Auch nach fast zwei Monaten komme ich halt immer noch nicht aus dem Modus "Ich bin us Züri, ich ha's fall pressant!" heraus. 
Meine brasilianischen "Eltern" lachen darüber, wenn ich ihnen von solchen Erlebnissen erzähle. Oder wenn ich ihnen erkläre, dass in der Schweiz die Apothekerin nicht seelenruhig Kuchen essen kann, während sie mir das Anti-Grippe-Mittel verkauft (fuck you, Air Condition!!). Brasilianer seien eben von Natur aus faul, finden meine Gastgeber und zucken mit den Schultern. Das haben jetzt aber wirklich SIE gesagt. Für mich hingegen hat das Ganze nichts mit faul oder fleissig zu tun (und ich bezweifle sowohl, dass es ganze Nationen gibt, die fauler sind als andere, als auch, dass Faulheit angeboren ist). Es ist einfach nur, wie man so schön sagt, eine andere Mentalität, eine andere Auffassung von Service. "Schnell" bedeutet in Brasilien nicht automatisch "gut" wie bei uns, und als Kunde wird man hier nicht überall mit Samthandschuhen angefasst oder auf Händen getragen - was ich wiederum eigentlich sehr sympathisch finde. Aber eben, wenn man aus der Schweiz kommt, dann muss man sich erst einmal an den brazilian way gewöhnen, ist so. Heimweh habe ich trotzdem kein bisschen.

Letztens habe ich mir ein Päckli Kaugummi gekauft (wofür ich selbstverständlich wieder eine Plastiktüte bekam). Es hat ganze viereinhalb Minuten gedauert, ich habe extra auf die Uhr geschaut.
Tja, und als ich gestern nach Hause in die Favela kam, eröffnete mir Mama, dass der Hund meine hart erwirtschafteten Kaugummi gefunden und gefressen habe. Auf meinem Bett, wie immer.
CARALHO!!!


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