Brasilianer sind abergläubisch. Naja, sicher nicht alle. Aber es gibt hier jedenfalls Unmengen an Bräuchen, was den Jahreswechsel angeht: Linsen essen, aber ja kein Geflügel (da Hühner angeblich rückwärts gehen, und das will man ja selber nicht im neuen Jahr), über sieben Wellen springen, Granatapfelkerne zerkauen und dann aufbewahren, weisse Kleider tragen und neue Unterwäsche, wobei deren Farbe eine grosse Rolle spielt (rot steht für mehr Liebe im neuen Jahr, weiss für Frieden, gelb für Geld) und vieles mehr.
Nun, tatsächlich habe ich Linsen gegessen, aber schon zum Zmittag. Und ich habe mir extra eine neue Unterhose gekauft (in Rot) und weisse Kleider für darüber. Alles nigelnagelneu und made in Brasil, weil ich mir beim Packen zu Hause gedacht hatte: weiss als Backpacker? Das wird doch nie wieder sauber!
Lasst mich hier kurz einen Abstecher zum Thema machen: in Rio ist es seit einer Woche wirklich unerträglich heiss, das Thermometer steigt tagtäglich bis auf 37 Grad (ja, genau, ich erhoffe mir an dieser Stelle etwas Mitleid, klar?!). Auch in der Nacht gibt es kaum Abkühlung. Das bedeutet also, man schwitzt ununterbrochen - nein, halt, nicht "man", ich!! Auf Schritt und Tritt läuft das Wasser an mir runter, ich sehe die ganze Zeit aus, als käme ich direkt aus der Dusche. Die Kleider könnte ich fünfmal am Tag wechseln, denn sie kleben mir schon nach wenigen Minuten am Körper. Schminken ist nicht, die Sauce verschmiert sofort und ich sehe aus wie ein Clown. Auch meine Anti-Falten-Crème kann ich vergessen, denn gemischt mit Schweiss und Sonnenschutz beschert die mir nur Akne. Sie soll die Haut ja verjüngen, aber grad Teenager will ich auch nicht mehr werden!
Aber das scheint allein mein Problem zu sein, denn die Brasilianer sehen aus, wie aus dem Ei gepellt. Perfekt hergerichtet, das Makeup sitzt, die Kleidung auch, und da ist kein Tröpfchen Schweiss zu sehen. Wie machen die das nur?? Die laufen rum wie frisch von der Kosmetikerin, und die Züri-Tusse kann ihre Eitelkeit mal schön auf Eis legen, jedenfalls solange es hier nicht ein bisschen abkühlt. Ungeschminkt, die Haare ständig hochgesteckt, die Kleider immer nassgeschwitzt - kein hübscher Anblick! Und wie gesagt, wegen der Schweissränder bin ich auch überhaupt nicht erpicht auf weisse Kleider. Und weil ich die Neigung habe, mich ständig irgendwie schmutzig zu machen, nicht nur beim Schwitzen.
Also liess ich alles Weisse in Zürich im Schrank - um dann in meiner ersten Woche hier über die brasilianischen Sylvesterbräuche aufgeklärt zu werden: Weiss ist Pflicht! Oder will ich etwa im neuen Jahr auf Frieden verzichten?! NÃO!!!!
Aber naja, weisse Shorts und ein dazu passendes T-Shirt waren schnell gefunden. Und meine böse Vorahnung von wegen Sauberkeit sollte sich auch bald bewahrheiten, denn die Kleider blieben grad noch so bis zur Copacabana weiss. Dann goss mir ein freundlicher Franzose einen Becher Rotwein ein - und ich mir diesen geradewegs über die Robe. PORRA!!! Und das alles noch vor Mitternacht! Ganz toll, ich sah ziemlich dämlich aus! Ein dreckiger Clochard mit einem riesigen Plastiksack. Denn wir (ein buntes Gemisch aus Gringos und Brasileiros) nahmen unsere Getränke natürlich selber mit an den Strand, um an keinem Stand Schlange stehen zu müssen. Ich hatte die wahnsinig tolle Idee, eine 2-Liter-Flasche (!) Guaraná plus ein Fläschli Aguardente ins Getümmel mitzuschleppen. Ich verfluchte diese Idee bei jedem Schritt, aber ich muss trotzdem sagen, Guaradente sollte ich mir patentieren lassen, das schmeckt wirklich saulecker! Und fährt ein...
Aber der Réveillon in Rio ist auch nüchtern der beste der Welt. Nun, der grösste scheint er jedenfalls zu sein, laut Statistik. Und es war wirklich fantastisch! Ein Meer aus weiss gekleideten Menschen drängte sich gut gelaunt an der Copacabana, den Blick hinaus aufs Meer gerichtet. Denn Punkt Mitternacht gingen dort die fogos los. Ok, ich muss sagen, ich bin und bleibe ein Fan der Feuerwerke mit dazu passender Musik über dem Zürisee (die sind ungeschlagen!), aber hey, auch Rio liess sich nicht lumpen! Und die Stimmung hier war ausgelassener als am Zürifäscht, man nützte Sylvester schon ein bisschen zum Vorglühen für die Fussball-WM im Juni, hatte ich das Gefühl. Man wünschte sich rundherum herzlich Feliz Ano Novo!, auch wenn man sich überhaupt nicht kannte. Und dann genoss man einfach das Leben.
Aber auch die schönste Nacht hat mal ein Ende, und wenn´s dann in den frühen Morgenstunden ans Nachhausekomen geht, fängt der Spass erst richtig an. Viele Strassen sind wegen des Festes abgesperrt, überall wimmelt es von Menschen. Wo, um Gottes Willen, fährt der richtige Bus? Wo gibt´s ein Taxi? Viele Brasilianer nehmen diese logistischen Schwierigkeiten ja ziemlich gelassen, jedenfalls waren viele mit Sack und Pack an die Copacabana gekommen, sie übernachteten in Zelten oder einfach im Sand liegend. Und zwar nicht nur die jungen, betrunkenen Feierwütigen, nein, ich habe auch Grossmütter auf Liegestühlen oder Strandmatten gesehen.
Aber dieses nächtliche Camping war nichts für mich. Ich wollte nicht am Morgen aufstehen mit Sand in sämtlichen Körperöffnungen und verfilzten Haaren, immer noch die selben, dreckigen und stinkigen Kleider am Körper und mit promillehaltigem Mundgeruch - ja, ihr merkt, ich habe darin bereits Erfahrung. Been there, done that. Ich brauchte eine Dusche und ein Bett, also musste ich wohl oder übel den Heimweg finden. Ich weiss, dem unzählichen Anstossen sei Dank, nicht mehr alles über die Odyssee, nur noch, dass wir so einige Kilometer zurücklegten, um auf öffentliche Verkehrsmittel zu stossen, und schliesslich herauszufinden, dass die Metro schon lange geschlossen war, und mein Bus doch am anderen Ende der Stadt fuhr. Naja, egal, wir kamen alle dann doch noch irgendwie gesund nach Hause.
Und meine brasilianische Familie in der Favela war in der Morgendämmerung auch noch auf. Sie war nämlich zu Hause geblieben, das ganze Wirrwarr an der Copacabana ist ihr zuviel. Aber auch sie hatte wild Sylvester gefeiert und zusätzlich auch noch Mama, die nämlich am gleichen Tag Geburtstag hat, an dem das alte Jahr stirbt. Die Wohnung sah dementsprechend aus, als wäre auch dort ein Feuerwerk explodiert. Aber dafür waren mal wieder Unmengen an Resten des Geburtstagsschmauses übrig, inklusive Schokoladentorte. So konnte ich vor dem Schlafengehen noch meinen Kater etwas therapieren...
Das Aufwachen war fies, in meinem Kopf hämmerte es wie auf einer Baustelle. Aber am späten Nachmittag kam ich doch wieder in die Gänge und traf mich mit den Gringos in Ipanema. Wir gingen in die Favela Cantagalo. Die ist selber zwar nicht gerade schön, aber dort gibt es einen Hügel, auf den man raufklettern kann und dann den Überblick hat über ganz Rio. Dort verbrachten wir den ersten Tag des neuen Jahres und sahen Bier trinkend und Chips essend zu, wie die Sonne langsam hinter den Morros Dois Irmãos verschwand, und wie dann in der ganzen Stadt die Lichter angingen, auch beim Cristo Redentor, der hoch auf dem Corcovado über alles wacht.
Meine weissen Sylvesterkleider liegen seit da in Seife, ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, sie doch noch irgendwie retten zu können.
Und auch wenn nicht: ich konnte mir keinen besseren Start ins 2014 vorstellen. Hoffen wir, dass das Jahr so weitergeht, wie es begonnen hat. Feliz Ano Novo auch euch allen!







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