Sonntag, 23. März 2014

Ordem e progresso 4: A copa, pra quém?

"Merkt man denn schon etwas von der Vorfreude in Brasilien auf die Fussball-WM?" - mir wurde diese Frage ja schon so oft gestellt, und jetzt will ich sie endlich einmal beantworten:
Nö.

Überrascht euch das? 
Nun, ich weiss, Brasilianerinnen und Brasilianer kommen im Allgemeinen ja schon fussballbegeistert auf die Welt, das hab ich hier hautnah mitgekriegt (natürlich nicht alle, aber eine Tendenz ist schon zu spüren). Auf die Spiele freuen sich die meisten drum sicher auch. Aber eine WM ist eben nicht nur Fussball, sondern noch ganz viel anderes drumherum. 
Ich habe auf meiner Reise ja doch einige Austragungsorte der Copa 2014 besucht: Rio, Manaus, Salvador, Recife, Natal und Fortaleza. Jeder Brasilianerin und jedem Brasilianer auf meinem Weg habe ich die obige Einstiegsfrage gestellt, und nie, wirklich NIE hat sie jemand mit Ja beantwortet. "Vai ser uma bagunça", fand die Mehrheit, es werde ein Chaos geben. Brasilien sei alles andere als bereit für die WM. Und ab und zu wurden auch Augen gerollt und tiefe Seufzer ausgestossen: "Vou ficar em casa!", ich werde zu Hause bleiben.
Es ist ja jetzt auch nicht grad so, dass einem das Land die WM 2014 schon so richtig schmackhaft macht. Man darf sich nicht vorstellen, dass da überall schon Plakate hängen, so im Stil: "Im Juni ist die Copa! Das wird super!!". Es werden nirgends gratis Fussbälle verteilt, es wimmelt nicht von Ständen mit den National-Tenues, im Supermarkt sucht man vergeblich nach Copa-Schoggi, -Bier oder -Brot, die Stadions sind nicht festlich geschmückt - nope, sie sind ja noch nicht einmal fertig gebaut!
Und somit wären wir auch schon beim Grund, warum die Brasilianer noch nicht vor Vorfreude auf die WM ausflippen: Alles ist hier eine grosse Baustelle, sportlicher Grossanlass sei Dank!
Das fällt in Brasiliens Grossstädten wirklich auf, es wird überall gebaggert, gebohrt, geschaufelt, gemauert und gesperrt. Die Strassen werden ausgebessert, Gebäude verschönert oder ganz neu aus dem Boden gestampft, weitere Leitungen verlegt, U-Bahnnetze ausgebaut, Troittoire frisch gepflastert und Brückenpfeiler gestrichen.  Das Land soll im Juni in neuem Glanz erstrahlen, wenn dann Fussballbegeisterte und Journalisten aus aller Welt anreisen!
Sollte denn die Zeit dazu auch wirklich reichen.
Denn wenn man hier mit Einheimischen redet, dann lächeln sie nur spöttisch und sind überzeugt, NIEMALS werde bis zur WM alles fertig sein. Gut, wenn man selber ein bisschen die Augen aufmacht, dann versteht man diese Zweifel sehr gut. Man sieht´s ja schon in den Nachrichten: Immer mal wieder kracht irgendwo in Brasilien ein Stadion während des Neubaus oder der Renovation zusammen. Knapp drei Monate vor Anpfiff stehen auch viele geplante Gebäude und Zufahrtsstrassen noch nicht (ich bin ja keine Architektin, aber ist das nicht ein bisschen knapp bemessen?), der öffentliche Transport ist das pure Chaos (ich lasse mich jetzt nicht schon wieder über die schauderlichen Busse aus), die Eröffnung der U-Bahn in der Barra von Rio wurde schon einige Male verschoben (ok, die soll zwar auch erst für die Olympischen Spiele 2016 funktionieren, aber ich mein ja nur...) und wie die gemächlichen brasilianischen Kassiererinnen und Kassierer tausende von ausländischen Gästen bedienen wollen, ohne dass die Amok laufen, ist mir schleierhaft. Übrigens nicht nur mir, auch den Brasilianern selber.

Ok, man kann jetzt sagen: Ist doch gut, bauen sie alles neu und so, davon profitiert ja dann vor allem die Bevölkerung.
Stimmt schon, aber ich finde es tieftraurig, dass die brasilianische Regierung offenbar erst Geld, Hammer und Meisel in die Hand nimmt, wenn ein sportlicher Grossanlass im Land ansteht. Einfach so kommt sie nicht auf die Idee, dabei könnten die Bürger ja auch ohne Copa und Olympia von schnellerem ÖV und besseren Strassen profitieren. Aber sie sind es der Regierung offenbar nicht wert, der Sport und der internationale Besuch aber schon. Da würde ich mich als Brasilianer ehrlich gesagt auch ein bisschen verarscht fühlen. 
A copa, pra quém? Ja, für wen ist denn nun diese WM? Für das Land? Die Leute? Die Ausländer? Die Regierung? Das Image?

Dazu kommt, dass die ganze Bauerei natürlich auch erstmal wahnsinnig umständlich ist. Am deutlichsten zeigt sich das im Strassenverkehr: engarrafamento, aber immer und überall! Im Auto oder im Bus: es dauert immer viiiiieeeeeeel länger, von A nach B zu kommen, als das GPS oder der Fahrplan angeben (im Fall von meiner Busfahrt von Rio nach Bùzios grad doppelt so lang, ganze sechs Stunden anstatt drei). Am mühsamsten ist das natürlich für die Leute, die hier tagtäglich pendeln müssen. Vor allem, wenn Strassen, die gestern noch offen waren, heute plötzlich abgesperrt sind oder die Richtung wechseln, natürlich alles ohne Vorankündigung. Dann muss man sich erstmal seinen Weg neu suchen, das gleicht einer Tour durchs Labyrinth, und wenn man Pech hat, muss man die ganze Stadt zweimal umfahren oder so. Alles schon erlebt.
Im Juni während der Spiele werden dann viele Strassen für die Bewohner auch ganz geschlossen, zu Gunsten des Transports oder der Märsche der Fussballfans (viel Vergnügen dann auch, bei dieser Hitze stundenlang zum Stadion zu latschen, die Distanzen hier sind im Fall riiieeeessiiiiiiiggg!). 
Nicht zuletzt kostet Bauen ja auch viel Geld. Und an einer WM kann man sowieso absurde Preise verlangen, denn sie werden ja eh bezahlt. Das hat zur Folge, dass die Lebenskosten in vielen brasilianischen Städten deutlich gestiegen sind. Waren früher die Wohnungen rund um die Stadien gut erschwinglich, kosten sie heute bis zu zehnmal so viel. In der Communidade nebenan müssen die billigen, abbruchreifen Häuser neuen und hübscheren weichen (die Gringos sollen ja nicht abgeschreckt werden), doch natürlich sind die für die Bewohner dann nicht mehr bezahlbar. Und ihr glaubt, in der Favela in Rio Schnäppchen machen zu können? Vergesst es! Sogar als verwöhnt Züri-Tussi habe ich manchmal geschluckt, als ich an der Kasse stand. Und ich möchte darauf hinweisen, dass der brasilianische Mindestlohn 700 Reais beträgt, also keine 300 Franken...

Jaja, ich weiss schon, was einige von euch jetzt denken: Miriam, du kannst ja mit Fussball eh nichts anfangen, klar wetterst du gegen die WM!
Stimmt, ich interessiere mich nicht für Fussball. Ich würde die obigen Umstände aber auch kritisieren, wenn in Brasilien die internationalen Theater-Festspiele, die panamerikanischen Windhunde-Rennen oder ein weltweiter Coiffeur-Wettbewerb stattfinden würde. Ich bin sicher nicht gegen die Fussball-WM per se, es ist völlig egal, um was für einen Grossanlass es sich handelt. Das ganze Drumherum gibt einfach immer zu denken. Und in einigen Ländern mehr als in anderen.

Nichtsdestotrotz bin ich absolut sicher, dass die Copa 2014 ein riesen Spass werden wird, sobald die ersten Mannschaften auf dem Rasen stehen. Die Brasilianer können nämlich eines am besten: im Moment leben und allen Ärger hinter sich lassen. Wenn der Ball rollt, wird gefeiert! VAMOS!!


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