Sonntag, 16. März 2014

Coincidências no paraíso

Es gibt da so ein Sprichwort in Brasilien: Wenn man stirbt kommt man ins Paradies, nach Fernando de Noronha. Grund genug für mich, diesen Ort zu besuchen, denn das klingt nach optimaler Erholung nach dem Carnavals-Stress. Und man hat mir Haie und Schildkröten in Aussicht gestellt - I´m in!!!

Fernando de Noronha ist eine Inselgruppe, und liegt eine Flugstunde von Recife entfernt, gehört also noch zum Bundesstaat Pernambuco. 21 Inseln zählt sie insgesamt, aber nur die grösste ist bewohnt, rund 4000 Menschen leben da. Die Unesco hat sie auf ihre Liste der Weltnaturerben aufgenommen. Brasilien ist also sehr darauf bedacht, die insgesamt 26 km2 so gut es geht zu erhalten. Deshalb wird der Tourismus auf Fernando de Noronha auch reguliert, das heisst, die Zahl der Besucher beschränkt. Ebenfalls deren Aufenthaltsdauer. Das merkt man schon bei der Einreise am Flughafen, denn dort wird man noch vor der Gepäckausgabe erst mal zur Kasse gebeten. Für die Tage, die man auf der Insel bleibt, muss man eine Umweltsteuer bezahlen. Je länger der Aufenthalt, desto teurer also. Aber ich bezahle ja gerne für das Paradies (muss das allerdings auf meine Abreise verschieben, denn der Kreditkartenleser funktioniert gerad enicht).

Überhaupt muss man auf Fernando de Noronha ein gut gefülltes Portemonnaie mitnehmen (und zwar mit Bargeld, Karten funktionieren hier tatsächlich oft nicht). Die Unterkünfte sind relativ teuer, man findet auch keine schäbigen Hostels mit 10er-Schlägen oder so. Geht man im klitzekleinen Supermarkt einkaufen, staunt man ebenfalls über die stolzen Preise, also besser den Deo, die Sonnencrème, und am besten auch gleich noch ein paar Guetzli und Chips schon selber mitbringen. Und bevor man überhaupt loslegen kann mit dem Entdecken der Insel, muss man sich auch noch einen Eintritt für den Nationalpark besorgen, mit ganz schön happigen Preisen.
Beim Konsum von Wasser und Strom hingegen ist Sparsamkeit angesagt, denn davon gibt´s dort nicht zuviel. Dafür hat´s gratis wifi für alle - wenn es denn funktionieren würde. Aber mal kurz Fotos vom Tauchausflug verschicken oder so kann man sich hier abschminken, genauso wie sämtliche Social-Media-Plattformen und Mail-Accounts. Das muss man alles verschieben, bis man wieder auf dem Festland ist.

Aber der Aufwand und die Mühen lohnen sich also definitiv! Denn Fernando de Noronha ist tatsächlich paradiesisch pra caramba! Die wunderschönsten Strände, das klarste, türkisblaue Wasser, atemberaubende Sonnenuntergänge und viel unberührte Natur - man wähnt sich fast in einem gefotoshoppten Ferienkatalog. Aber es ist alles echt!
Also, ab ins Wasser! Ans Schnorcheln an der Praia do Sueste habe ich hohe Ansprüche: wehe, es kommt kein Hai und keine Schildkröte vorbei! Aber ich werde nicht enttäuscht, denn die Haie warten schon am Strand auf mich, als ich mir in Taucherbrille, Schwimmweste (leider Vorschrift hier) und Flossen meinen Weg ins Wasser bahne (rückwärts, anders kann man sich in diesen Flossen ja nicht bewegen, wenn man nicht alle zwei Meter auf die Fresse fallen will). Ok, ich gebe zu, die Raubfische sind klein, dafür aber in Gruppen unterwegs, und ich bin sicher: auch die Kleinen haben scharfe Zähne!
  
Kaum paddle ich los und bestaune die Unterwasserwelt, da gleitet schon ein grösseres Exemplar (die Mama??) unter mir vorbei. Das macht ziemlich Eindruck! Ich weiss nicht, aber Haie sehen irgendwie fies aus, deswegen faszinieren sie mich wohl so. Fies und elegant. Würde sich dieses Viech für mich interessieren, könnte das sehr blutig enden, für mich. 
Aber ich und alle anderen Schnorchler sind nicht von Interesse für die Haie hier. Wahrscheinlich haben sie eh schon zu viele von uns gesehen. Und sind genervt ab dem ewigen, hysterischen Geschrei ("Tubarão!!!! Olha ki, TUBARÃÃÃÃOOOOOO!!!!!!!!!!!!!!"), was ich sehr gut verstehen kann, denn auch mit dem Kopf unter Wasser hört man das Gekreische und es geht einem wirklich auf den Sack.
So, Haie abgehakt, jetzt bitte Schildkröten ("TARTARUUUUUUGGGAAAAAAAAAAAA!!!!!!!!!!!!!")! Jep, ich habe Glück: schon bald nach dem Hai schwimmt mir so eine entgegen! 
Man hat uns ja vor dem Schnorcheln angewiesen, bloss nichts unter Wasser zu berühren, keine Tiere, keine Korallen, keine Pflanzen. Ich gehe also immer auf respektvollen Abstand. Die Haie halten sich auch an diese Regel, aber die Schildkröte macht mir gleich von Anfang an klar: "Embora você, jetzt komme ich!" Ich muss ihr tatsächlich ein bisschen ausweichen, damit wir nicht auf Kollisionskurs kommen, und beim Kreuzen glotzt sie mich mit ihrem Schlafzimmerblick triumpfierend an. 
Natürlich behalte ich meinen "Fund" für mich, denn ich will die anderen Schnorchler nicht herlocken, sondern die Schildkröte schön allein für mich geniessen. Ich sehe noch einige weitere, auch andere Haie und viele bunte Fische, grosse und kleine, schöne und hässliche. Am liebsten sind mir so kleine gestreifte, die einem immer direkt vor die Taucherbrille schwimmen und in die Augen sehen. Ich weiss nicht genau, was sie damit bezwecken.

Ich versuche, mich beim Schnorcheln noch ein bisschen mehr herauszufordern, und gehe deshalb auf ein Schiff. Das zieht die Schnorchler hinter sich her. Ein wirklich angenehmes Gefühl, so richtig leicht und schwerelos - ausser man ist so doof wie ich und zieht einen trägerlosen Bikini an. Ganz toll, die ganze halbe Stunde im Wasser bin ich damit beschäftigt, mich mit der einen Hand am Seil festzukrallen und mit der anderen meine Brüste zu bedecken, denn mein Oberteil rutscht beim Ziehen bis hinunter zum Bauchnabel. Und ich kann es noch so oft wieder in Position bringen, es will einfach nicht bleiben.
Klar, ihr denkt jetzt: Was soll´s, schnorchelst du halt oben ohne, sieht doch keiner im Wasser. Ähm, eben doch, man hängt zu sechst an den Seilen, und JEDER hat eine Taucherbrille auf, t´endendeu? Zu meinem grossen Glück hatte der Typ grad neben mir noch eine Unterwasserkamera mit dabei, danke aber auch.... 
Ich sehe bei diesem Schnorchelgang also leider nichts anderes, als meine Hand vor meiner Brust, und ich bin ganz schön angepisst, als mir die anderen nachher wieder von Schildkröten und Haien erzählen. Nur die Horde Delphine, die an uns vorbeflitzt, als ich mich auf dem Oberdeck sonne, kann mich noch trösten. Und sie kuriert mein Trauma vom Amazonas, denn anders als die hässlichen Fluss-Delphine sind die hier richtige, hübsche Flipper!

Ausser Tauchen, Schnorcheln, Schwimmen, in der Sonne liegen und die Schönheit der Natur bestaunen, kann man auf Fernando de Noronha nicht viel anderes machen. Wer trotzdem nicht früh ins Bett gehen will, hat zwei Optionen: die Bar do Cachorro (ich hab dort aber nur Katzen gesehen, sowohl zwei- als auch vierbeinige) oder so eine Pizzeria mit Tanzfläche grad neben der Kirche (am Sonntag wird zuerst brav die Messe abgewartet, bevor es losgeht). An beiden Orten spielen fast jeden Abend Live-Bands, natürlich meistens Forró, der für diese Region typische Musikstil.
Und ich habe Gesellschaft: zwei Brasilianer Ende 20. Wir wohnen alle drei in derselben Pousada. Den einen, ich nenne ihn den Sänger, weil er auf Fernando de Noronha öfters zu Mikrofon und Gitarre greift und das SEHR gut, lerne ich erst dort kennen. Den anderen bereits im Flugzeug. Er sitzt nämlich neben mir, aber ehrlich gesagt, reden wir nichts miteinander. Ich bin irgendwie müde und lasch nach dem ganzen Carnaval, und mache ihm drum grad von Anfang an klar, dass ich nicht zum Plaudern zu haben bin, indem ich meine revista aus dem Rucksack ziehe und mich demonstrativ in einen Text vertiefe.
Wir treffen uns dann wieder im Bus vom Flughafen zum Hotel. Und jetzt wird´s langsam seltsam, denn eigentlich habe ich eine andere Unterkunft gebucht als er, aber als ich dort ankomme, will man plötzlich nichts mehr wissen von meiner Reservation. Kurzerhand werde ich umgeteilt, und zwar in die selbe Pousada wie mein Sitznachbar im Flugzeug. Und natürlich kriege ich auch noch das Zimmer genau neben ihm. Und buche die selbe Schnorcheltour am selben Tag wie er.
Wir sind uns beide langsam unheimlich und beginnen, uns gegenseitig auszufragen. Nun, dabei kommt raus, dass sowohl er als auch ich Journalisten sind. Ich frage ihn, wo er denn arbeite, und er: ""Bei dem Magazin, das du dir im Flugzeug angekuckt hast. Du hast meinen Artikel gelesen."
Ok, wir machen also das Beste draus und verbringen unsere Zeit auf Fernando de Noronha gemeinsam (offenbar können wir uns gar nicht aus dem Weg gehen!), die Nächte eben auch noch zusammen mit dem Sänger. 

In der Bar do Cachorro und in der Pizzeria wird fleissig getanzt. Ich bin praktisch die einzige Gringa, es gibt also kein Entkommen. Meine brasilianischen Begleiter führen mich in die Kunst des Forró ein. Ich stelle mich einigermassen an, sie loben mich sogar sehr, aber wahrscheinlich auch nur, um freundlich zu sein. Ich falle regelmässig aus dem Takt und schaue neidisch zu, wie die brasilianischen Tanzpaare neben mir total elegant und synchron übers Parkett gleiten und so ganz nebenbei auch noch schnell ein paar spontane Drehungen und komplizierte Figuren hinkriegen. Ich wimmle jeden anderen Mann ab, der mich zum Tanz auffordert, aus Angst, mich zu blamieren. Meine neuen brasilianischen Freunde hingegen sind selber schuld.

Ein anderes Hobby von uns dreien ist das gute Essen, und das gibt´s auf Fernando de Noronha zu Hauf. Ok, ich muss zugeben, ich lasse mich vom Sänger und dem Journalisten anstecken, denn ich selber bin nun wirklich kein Gourmet. Ich bin mit dem schäbigen Tapioca-Stand um die Ecke schon wunschlos glücklich (meine Favoriten sind queijo coalho und leite condensado, hmmmm!), aber sie beide bevorzugen etwas edlere Restaurants mit brasilianischer Sterne-Küche. Ich lerne auf diese Weise sehr viel neue typische Lebensmittel hier kennen, dauernd stellen die beiden moços sicher, dass ich kulinarisch auch ja nichts verpasse ("Já experimentou blablabla? Und blublublu, schon mal gehört? Das musst du unbedingt probieren, das ist so gross und blau und wächst im Regenwald...")
Ich bin ein bisschen traurig, als ich Fernando de Noronha nach vier Tagen wieder verlasse. Es gefällt mir nämlich sehr gut im Paradies. Wenn so der Tod aussieht, dann habe ich gegen das Sterben nichts einzuwenden!
Meine beiden Begleiter bleiben noch etwas länger auf der Insel, ich muss also Abschied nehmen. Aber den Journalisten sehe ich bald wieder, denn wie könnte es anders sein, stimmt zufällig auch unser nächstes Reiseziel überein, João Pessoa. Wir beschliessen also, auch dieses Abenteuer gemeinsam zu wagen.

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