Hatte ich mich nicht erst grad neulich darüber gefreut, dass mir auf meiner Brasilien-Reise bis jetzt noch nichts Unangenehmes passiert ist, ausser ein paar undurchsichtige Hotel-Reservationen und ein Jahrhundert-Sonnenbrand?
Hätte ich mal lieber schön den Mund gehalten!! Denn das Schicksal hatte mich wohl gehört und entschieden, mir eine Lektion zu erteilen. Deshalb folgt hier Teil 3 meiner allseits beliebten Reihe: "Was nicht so toll ist in Brasilien" - allerdings möchte ich vorausschicken: das folgende Beispiel hätte mir
gerade so gut zu Hause im Kreis 4 passieren können und hat nichts mit
dem sistema brasileiro zu tun..
Das Leben kann wirklich fies sein, erst serviert es dir alle erdenklichen, leckeren Süssigkeiten auf dem Silbertablett (ich war auf Fernando de Noronha, im PARADIES, aber dazu das nächste Mal), und wenn du dich so richtig sattgefressen hast, haut es dir mit der Stahlkeule auf den Kopf.
Ich kehre also von der Super-Insel zurück nach Recife, glücklich und zufrieden. Ich wohne wieder im Haus der lieb-verrückten Brasilianerin, diesmal bin ich allein in einem Zimmer. So morgens um 1, nach einem Besuch im Kino (ich musste mir ja den Oscar-Gewinner mal anschauen, 12 ANOS DE ESCRAVIDAO, meu Deus, ich musste so weinen!), gehe ich ins Bad grad nebenan und lasse dabei die Zimmertüre offen (ERROR!!!!). Ich putze mir die Zähne und so, und kehre nach 10 Minuten zurück. Totmüde will ich schlafen und lege mich ins Bett. Oh, noch schnell den Wecker stellen auf meinem iphone.
Äh, mein iphone?
Äh, Moment, und meine Digicam, die doch grad noch daneben auf dem Tisch lag? Mit all meinen Fotos der letzten drei Monate?
WEG!!!
Ganz toll!! Da hat doch jemand tatsächlich meine Pinkelpause ausgenützt und schnell mein gesamtes elektronisches Arsenal geklaut!!!! Und ich hatte im Bad noch gehört, wie jemand im Haus umherging, aber ich dachte, es sei einfach ein anderer Bewohner, der nach Hause gekommen war. Schön blöd!!!
Jetzt muss ich noch mehr weinen als nach dem Sklaven-Film.
Nach dem ersten Schock renne ich wie von der Tarantel gestochen durchs Haus und suche alles ab. Ich renne auch auf die Strasse, aber da ist nichts und niemand. Ich habe plötzlich Panik, ich könnte allein in dem riesigen Haus sein, und mache überall Licht und klopfe an alle Türen. Ein Mann mittleren Alters kommt aus einem Zimmer, ein Brasilianer auf Geschäftsreise. Ich erzähle ihm aufgebracht, was passiert ist, und er staunt nicht schlecht, denn offenbar war nur einige Stunden zuvor ein Pärchen im Haus ebenfalls um seine Kameras erleichtert worden.
Ok, das kann nicht mit rechten Dingen zugehen! Ich und der Mann beschliessen, auf dem Sofa direkt beim Hauseingang Wache zu halten. Es soll niemand hinein oder hinaus!
Wir harren also aus, bewaffnet mit einer Flasche Mückenspray, Stunden um Stunden. Alles bleibt ruhig.
Am Morgen können wir schliesslich endlich die Hausbesitzerin erreichen, sie fährt sofort her, noch mit dem Kissenabdruck im Gesicht und einem Teller Frühstücks-Tapioca in der Hand.Sie ruft erneut die Polizei, denn die war schon nach dem Raub im Zimmer des Pärchens angerückt.
Es kommen zwei Polizisten, aber so richtig in Vollmontur, Springerstiefel und schusssichere Weste, jetzt ohne Scheiss! Hätte ich noch ein Handy oder eine Kamera gehabt, ich hätte ein Foto geschossen!
Ich muss die ganze Geschichte nochmals von vorne erzählen, und alles wird protokolliert. Ich lasse auch durchblicken, dass ich meine Mitbewohner der Tat verdächtige, denn ehrlich gesagt: andere haben keinen Zutritt zum Haus, und eingebrochen wurde ja nicht! Und ausserdem: würde tatsächlich ein Fremder draussen vor der Tür warten, morgens um 1, bis ich ins Bad gehe und dann in mein Zimmer huschen und eine billige Kamera und ein iphone stehlen, das sowieso mit einem Code gesperrt ist? Wohl eher nicht!
Auch die Polizisten machen klar: das war kein Einbruch, das war einer der Gäste inhouse. Sie durchsuchen alle Zimmer, alle öffnen bereitwillig ihre Türen, Schränke, Koffer und Rucksäcke.
Nichts!
Ich weiss nicht, soll ich enttäuscht sein oder mich freuen, dass sich keiner meiner sehr netten Mitbewohner als gemeiner Dieb entpuppte...?
Die Polizei geht wieder, nicht ohne vorher noch mit mir geflirtet zu haben ("De onde você é? Ta sozinha aqui no Brasil? Já fez amigos? Tchau, Miriam!"). Danach sitzen die Hausbesitzerin und sämtliche ihrer Gäste zusammen auf dem Sofa.
Es ist eine Szene wie aus einem Film, einem Krimi, indem es darum geht, herauszufinden, wer der Mörder war. TATORT. DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER. DIE DREI FRAGEZEICHEN. DER FALL VON OJ SIMPSON. AKTE XY UNGELÖST.
Natürlich gibt sich jeder im Haus betroffen und präsentiert sein Alibi. Aber immer, wenn einer mal kurz den Raum verlässt, tuscheln die anderen über ihn ("Eu acho que foi ele! Ele é estranho!"). Jeder verdächtigt jeden, es ist eine seltsame, unangenehme Situation. Aber zugegeben: es könnte tatsächlich jeder gewesen sein, so leid es mir auch tut..
Der Mann, der mit mir auf dem Sofa ausharrte (vielleicht war das gar keine Freundlichkeit, sondern ein Vertuschungsmanöver?).
Der sehr aufmerksame, freundliche, junge Brasilianer, der für einen neuen Job nach Recife gezogen war, und mich mit allerlei Sehenswürdigkeiten in der Stadt aufzumuntern versuchte (manchmal sind ja grad die allerliebsten Personen eigentlich die Schrecklichsten! Vielleicht ist er ja schizophren?? So wie der Typ in PSYCHO!!).
Das blutjunge, brasilianische Pärchen im Zimmer neben meinem (sie wirken total unschuldig, ihre Babyfaces will man den ganzen Tag tätscheln, aber vielleicht ist das einfach ihr Vorteil, den sie schamlos auszunützen verstehen??).
Wie auch immer: mein iphone ist weg, und alle meine Fotos auch (zum Glück habe ich ein paar auf diesen Blog getan, und zum Glück macht mein Handy automatisch Backups). Der finanzielle Verlust interessiert mich nicht die Bohne, aber der emotionale schmerzt tüchtig. Ich bin einen Tag lang depressiv.
Dann raffe ich mich auf und fahre in ein Einkaufszentrum in Recife. Dort leiste ich mir ein neues iphone (wenn schon, denn schon, aber die Preise hier, CARAMBA!!). Ich bin schon ein bisschen brasilianisch unverschämt geworden und versuche, beim Verkäufer einen disconto zu erreichen, aber leider ohne Erfolg.
Also, gut, ich kaufe (ein pinkes, zur Feier des Tages!).
Ich muss ewig warten, bis mir der Verkäufer das neue iphone aus dem Lager bringt. Dann gibt es noch eine grosse Diskussion mit den fünf anderen Verkäufern im Laden, weil ich ja keine Brasilianerin bin und deshalb keine CPF besitze, so eine Art Versicherungsnummer hier, die man echt ÜBERALL angeben muss. Kann die Gringa sich jetzt hier einfach so ein Handy kaufen oder doch nicht? Zeig mal den Pass. Ok, wir rufen mal noch den Chef an. Ja, er gibt grünes Licht.
Ich zahle. Der Verkäufer packt mein neues iphone sorgfältig aus und zeigt mir das sämtliche Zubehör. Dann verpackt er alles wieder schön an seinen Platz, natürlich muito devagar, und will das ganze am Schluss auch wieder zukleben. Ich verliere die Geduld: "Senhor, ta bom, obrigada!", nehme mein sacola und gehe zum nächsten Laden eines Telekommunikation-Anbieters. Dort muss ich eine Nummer ziehen und wieder warten.
Und warten.
Und warten.
Meine Laune verschlechtert sich zunehmends. "Mas demora!", beschwere ich mich bei einem Verkäufer, der einfach dort ist, aber eigentlich nichts macht. Er kriegt ein bisschen Angst, und tatsächlich bin ich dann die nächste an der Reihe.
Als Ausländerin kann ich nur einen Prepaid-Vertrag machen, was mir aber recht ist. Der Angestellte tippt unendlich lang in seinen Computer. Ich muss wieder meinen Pass zeigen. Er runzelt die Stirn. Plötzlich stehen sie zu dritt über dem Dokument, ratlos.
"O que é o problema?", frage ich.
"Wir finden den Namen deiner Mutter nicht."
"Wie bitte?"
"A sua mãe."
"Ta brincando? Ihr braucht für meinen Handy-Vertrag meine Mutter??!!" Der ganze Laden lacht. Hier in Brasilien muss man aber auch echt überall seine Eltern angeben, beim Einchecken am Flughafen übrigens auch schon. Was macht man denn, wenn man keine Verwandten hat??
Wie auch immer. Endlich kann ich zur Kasse und meinen neuen iphone-Chip mit meiner brasilianischen Telefonnummer bezahlen (aber erst nachdem ich den beiden Frauen hinter der Theke klar gemacht habe, dass ich mich jetzt schon fast zwei Stunden im Laden befinde und ich nicht verstehe, warum sie zu zweit an einer Rechnung arbeiten und ich deshalb erneut warten muss! Ja, die Züri-Tussi kann ein BIEST sein!!).
Ok, so ist das also. Neues Handy (finanziert hoffentlich meine Versicherung), aber dafür kein Material für die grosse Standard-Diashow, mit der ich meine Freunde und Familie nach meiner Rückkehr in die Schweiz stundenlang langweilen wollte (ok, to brincando, das hatte ich jetzt nicht wirklich vor :-)).
Meine brasilianischen Freunde sind schockiert über mein Erlebnis und schämen sich sogar. Die Hausbesitzerin will mich sogar gratis bei sich wohnen lassen, so als ""Entschädigung". Aber dazu gibt es keinen Grund. So ein Raub ist ja schliesslich nichts typisch brasilianisches, das passiert überall auf der Welt, nicht selten auch in Zürich. Es ist nur fies, wenn es einem trifft, wenn man grad auf Reisen ist und eigentlich glücklich.
Aber so ist das Leben. Zuckerbrot und Peitsche. Die besten Bilder sind eh die Erinnerungen. Und alle meine Erlebnisse und Bekanntschaften hier kann mir auch der dreisteste Räuber nicht nehmen.
Und wisst ihr was? Ich kann zwar nicht ohne iphone sein. Aber so ohne Kamera fühle ich mich plötlich viel freier. Immer dieser Stress mit dem Fotos machen!! Hab ich die Kamera dabei? Stimmt das Licht? Wen soll ich fragen, um ein Bild von mir zu schiessen? Ist es gut geworden?
Das ist jetzt vorbei. Ihr seht, ich habe ihn schon ein bisschen, den jeito brasileira. Sich nur nie die Stimmung vermiesen lassen! :-)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen