Ich habe Brasilien und den jeito brasileiro nach drei Monaten im Land nun doch schon etwas kennengelernt, und deshalb weiss ich, dass die Brasilianer gerne feiern. Am liebsten und ausgelassensten den Carnaval. Für viele hier ist der nämlich das wichtigste Ereignis des Jahres, besser als Geburtstag, Ostern und Weihnachten zusammen, so besonders wie eine fünfte Jahreszeit. Am ehesten können das in der Schweiz wohl noch die Basler verstehen, mit ihren drey schenschte Dääg. Für eine Züri-Tussi hingegen ist Fasnacht eher ein Fremdwort. Den alljährlichen Umzug in der Zwingli-Stadt habe ich noch nie besucht, und um die paar wenigen närrischen Anlässe mache ich jeweils einen gaaaaaanz grossen Bogen. Mit besoffenen Cowboys und lallenden Clowns, mit Confetti und diesem lästigen Sprühschaum, der trocknet, sobald er aus der Dose kommt, kann man mich jagen! Und zu meiner Schande muss ich gestehen: auch an der Basler Fasnacht war ich noch nie. Denn ich habe einfach eine tiefliegende Abneigung gegen diese Feiertage. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, sie werden ja eh nur zum Anlass genommen, mal einmal im Jahr völlig schamlos saufen, kindisch und unverschämt sein zu können. In einem albernen Kostüm erkennt einen schliesslich niemand. Dazu kommt, dass die Fasnacht in der Schweiz im Winter ist, und ich kann Kälte nicht ab. Was soll ich da am Strassenrand stehen, dick eingemummelt, mit roter Nase (auch ganz ohne Schminke), und zitternd ausharren, bis auch noch die letzte Guggenmusik an mir vorbeigezogen ist? Nicht mit mir!
Für die Brasilianer hingegen ist der Carnaval eine Lebenseinstellung, die pure folia, ein Anlass, den Ernst und die Probleme des Alltags mal hinter sich zu lassen, fröhlich zu sein und einfach das Leben zu feiern - und das Beste: er ist im SOMMER! Ausserdem gilt der Carnavel do Brasil als das grösste Volksfest der Welt, vor allem der in Rio, mit seinem farbenfrohen und ziemlich freizügigen desfile der Sambaschulen. Gründe genug also, um dem Karneval hier eine Chance zu geben. Und auch wenn ich ihn umgehen WOLLTE; das ist schlicht unmöglich, ausser man verkriecht sich vielleicht irgendwo im Regenwald. Aber wer im Februar/März durch Brasilien reist, ist selber schuld!
Das wird mir so einen Monat vor Beginn der offiziellen Karnevalswoche denn auch schlagartig bewusst: Meu Deus, dieses Land wird schlicht und einfach stillstehen!!! Vielleicht sollte ich mir endlich überlegen, wo ich das Fest der Fester verbringen wollte, um nicht irgendwo im Nirgendwo festzusitzen!
Ich entscheide mich also für Recife, denn die Stadt im östlichen Bundesstaat Pernambuco liegt sowieso auf meiner Reiseroute. Und ausserdem habe ich gelesen, dass der Carnaval in Recife als heimlich bester Brasiliens gilt. Er ist nämlich sehr traditionell, hat einen der grössten Strassenparaden der Welt und ist ein Karneval für jede und jeden. Das heisst, man muss nicht Hunderte von Reais für ein camarote (VIP-Tribüne) oder das Sambódromo bezahlen, damit man vom interessanten Geschehen überhaupt was mitbekommt, so wie das in Rio oder Salvador der Fall ist. Nein, man geht einfach auf die Strasse und kriegt das ganze Spektakel gratis geboten.
Ich suche also nach einem Hostel in Recife - error, alles ausgebucht. Ein Hotel vielleicht? Fehlanzeige. Pousada oder so? Nix. Alles schon weg. Tja, ich hab's wohl wieder mal verschlampt. Ich versuche es also mit airbnb.com, einem Online-Portal, auf welchem Einheimische ihre Wohnungen, Häuser oder Zimmer vermieten. Dort werde ich fündig, und von der etwas mässigen Bleibe in Maceió wechsle ich in ein sehr grosses, schönes Haus im Zentrum Recifes, das seine Besitzerin reich geschmückt hat mit allerlei Krimskrams von überall aus der Welt. Sie, nur ein bisschen älter als ich, ist nämlich eine richtige Weltenbummlerin. 66 Länder hat die Brasilianerin schon besucht, Wahnsinn! Und sie ist auch tatsächlich ein bisschen verrückt, aber genau so, wie ich das mag, nämlich so wie ich (ok, oder ein bisschen mehr). Ich bin von Anfang an begeistert von ihr! Sie fährt mich und die anderen Gäste in ihrem Haus (ich teile mir ein Zimmer mit drei Brasilianern) ganz selbstverständlich in der Stadt herum, wir besuchen sehr coole Restaurants und trendy illegale Bars.
Ich und eine brasilianische Mitbewohnerin freunden uns mit einem Paar aus London an, das ebenfalls im Weltenbummler-Haus untergekommen ist. Und das will sich unbedingt Kostüme für Karneval besorgen. Oh nein!! Ich hatte gehofft, diesen Teil der Tradition umgehen zu können! Aber ehe ich mich versehe durchstöbern wir zu viert Recifes Fasnachtsläden und Märkte. Perrücken, Masken, farbenfrohe Roben, absurde Hüte - so Verkleiderlis macht eben schon schaurig Spass! Aber auf keinen Fall will ich mir jetzt noch ein ganzes Kostüm zutun, denn in meinem Rucksack hat es um Gottes Willen einfach keinen Platz mehr! Jetzt ist aber endgültig fertig Shopping, porra!
Aber um nicht die totale Spielverderberin zu sein, entscheide ich mich nur für eine fantasia light, einen bunten Haarschmuck aus Plastikblumen und Federn und dazu ein paar Federohrringe (die Verkäuferin schwor mir, die kämen von einem Ara aus dem Urwald, ich hoffe aber sehr, er musste dafür nicht sterben!!).
Die anderen versorgen sich mit pinken Perrücken, Früchtekörben für auf den Kopf und ähnlich Dämlichen, und ich musse schliesslich zugeben: so können wir uns ganz gut sehen lassen in der Folia auf der Strasse.
Die Feuerprobe für unsere Roben ist am Samstagmorgen. Dann wird in Recife nämlich der eigentliche Karneval eingeläutet, mit dem sogenannten Galo da Madrugada. Das ist der Name des grössten blocos in der Stadt. Blocos sind das Herz des Carnavals in Brasilien, sie sind so eine Art Fasnachtsgesellschaften, bestehend aus Bands, Tänzern und zahlreichen Anhängern. Am Samstagmorgen also (obrigada, hier muss man also auch noch früh aufstehen, um zu feiern) gehen wir, die Engländer, die Brasilianerin und ich, in unserer albernen Aufmache zum Startpunkt des grossen Umzugs.
Was uns dort erwartet, ist eine Mischung aus Streetparade und Zürifäscht, einfach noch etwas voller und vor allem HEISSER!! Man muss unbedingt einen Schattenplatz im Getümmel ergattern, weil sonst stirbt man an einem Hitzschlag!! Und bloss nicht die Sonnencrème vergessen, sonst kann man gleich als Krebs an die Fasnacht! Zum Glück gibt es zahlreiche Stände und fliegende Händler, bei denen man sich Getränke besorgen kann, denn bei der ganzen Schwitzerei kann man gar nicht genug trinken. Auch gegen den Hunger ist gesorgt: ganze Bäume aus Zuckerwatte werden vorbeigetragen oder säckeweise Nüsse und sogar kleine Eier (igitt!).
Die Narren ziehen auf riesigen, geschmückten Lastwagen an uns vorbei. Darauf spielen Live-Bands mit Sängern, Bläsern, Gitarristen und Schlagzeugern. Die Musik, meistens der für Pernambuco übliche Fastnachtsstil Frevo (der dazugehörige Tanz erinnert an eine Mischung aus Akrobatik und Eurythmie, dazu werden kleine Schirmchen geschwungen, das Ganze scheint sehr anstrengend zu sein), wird durch gigantische Lautsprecher verstärkt. Natürlich bleiben die Wagen öfters mal im Stau stecken, denn das gehört sich einfach so im brasilianischen Strassenverkehr.
Einmal bahnt sich ein Rettungswagen seinen Weg durch die Menge, die Sirene dröhnt, dass es einem in den Ohren wehtut. Er kommt ungefähr einen Meter pro Minute voran. Wer auch immer den Wagen benötigt hat - ich fürchte, er ist schon längst tot...
Ob man will oder nicht, am Galo da Madrugada muss man ausharren, bis der grösste Teil der Wagen an einem vorbeigezogen ist, denn man steht so dicht gedrängt im Getümmel, dass die Flucht unmöglich ist. Ich weiss gar nicht mehr genau, wie wir es nach Hause geschafft haben, aber wir müssen uns dort erstmal ein paar Stunden erholen.
Danach geht es nach Olinda, ein schmuckes Städtchen grad neben Recife, total karnevalsverrückt. Dort geht das Gedränge, Geschiebe und Geschubse gleich weiter, unglaublich, diese Menschenmengen! Es ist kaum möglich, sich von A nach B zu verschieben. Aber das muss man eigentlich auch nicht, denn das machen schon die Blocos. Wo immer sie auftauchen und ihre Karnevalshmymnen spielen (ich kann sie immer noch auswendig: "Ei, pessoal! Vem, moçada! Carnaval começa no Galo da Madrugada!" oder "É tão gostoso, quando eu ranranranranranranran o lepo lepo" - nein, keine Sau weiss, was das bedeuten soll...), dann tanzt und singt die Menge begeistert mit. Dazu werden die riesigen bonecas durch die Strassen getragen, überlebensgrosse Puppen, die ich irgendwie ein bisschen unheimlich finde. Und die Männer, die unter ihnen stecken und sie so zum Leben erwecken, tun mir dazu noch leid, das muss echt verdammt heiss und schwer sein!
Apropos Verkleiden: ich habe ja wirklich eine Menge lustiger Fantasias gesehen. Hübsch finde ich zum Beispiel den Arzt, der gratis Prostata-Untersuchungen anbietet. Oder den katholischen Pfarrer mit einem Baby auf dem Arm. Oder auch das gealterte Garota de Ipanema.
Doch mein absoluter Favorit ist und bleibt Sharky, mein brasilianisches Zimmergspändli. Ich weiss nicht, ob er seinen Spitznamen vor oder nach dem Carnaval 2014 verpasst bekommen hat, aber jedenfalls verkleidete er sich als muskulöser Surfer, der gerade von einem Hai gefressen wird - ganz grosses Kino!! Und passend für Recife, schliesslich soll man dort nicht im Meer schwimmen, weil es tatsächlich immer wieder Hai-Attacken gibt. Sharky muss für unzählige Fotos mit Unbekannten posieren, aber das macht er gern, denn sein einziges Ziel am Karneval ist es, soviele Frauen wie möglich - ähm - kennenzulernen.
Übrigens, wenn wir schon beim Thema sind: Verhütung wird im katholischen Brasilien ja allgemein eher totgeschwiegen. Ausser im Karneval. Da wird plötzlich auf Plakaten, Flyern und anderen Werbeträgern darauf hingewiesen, man solle doch bitte Kondome benützen. Wie jetzt? Nur während der Fasnacht, sonst soll man das ganze Jahr über ohne, weil Gott es so will? Schon ein bisschen heuchlerisch.
Aber zurück zu Olinda. Kurz: es ist verdammt anstrengend, und wenn man es dann auch von hier irgendwie geschafft hat, wieder nach Hause zurückkommen, dann fällt man nur noch ins Bett und schläft wirklich tief und gut. Und ehrlich gesagt denke ich nach diesem ersten Tag Karneval in Recife: wie um Gottes Willen soll ich das eine ganze verdammte Woche lang durchhalten??!! É uma locoura isso!!
Aber der Karneval ist gnadenlos, und auch vor unserem Haus steht eine Bühne und feiern die Menschen mit nicht enden wollendem Elan. Es gibt kein Entrinnen, man muss wohl oder übel mitmachen bei dieser durchgeknallten Folia.
Am besten gefällt es mir dabei im Stadtteil Recife Antigo, denn dort finden auf riesigen Bühnen Gratiskonzerte statt - und zwar von bekannten brasilianischen Künstlern. Ok, ich kenne zwar nur einen von denen (Gilberto Gil, und ehrlich gesagt auch nur den Namen), und den habe ich auch noch verpasst, weil es wie gesagt verdammt schwierig ist, während des Karnevals in Brasilien seinen Standort zu verschieben. Aber den mitgrölenden und mittanzenden Menschenmassen nach zu urteilen, müssen da wirklich ganz grosse Nummern auf der Bühne stehen.
Leider kommt dann aber doch noch ein Dämpfer, der zeigt, dass die Fasnacht halt eben doch nicht nur lustig und lieb ist: meiner neuen brasilianischen Freundin wird im Getümmel das Handy aus der Tasche gestohlen. Man wird ja immer wieder gewarnt, dass gerade am Karneval viele Taschendiebe unterwegs seien, deshalb am besten gar nichts mitnehmen, nur etwas Geld in den BH und so. Ich halte mich zwar auch nicht immer daran, aus reiner Eitelkeit, bin aber froh, habe ich mein iphone dieses Mal zu Hause gelassen. Und das freut auch die Brasilianerin, denn sie meint, zum Glück sei SIE beklaut worden und nicht wir Gringos, denn schliesslich sollten wir doch nur die schönen Seiten des Landes kennenlernen.
Wow, ich staune immer wieder über die Gelassenheit der Brasilianer! Was auch immer passiert, sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen und schon gar nicht die Freude verderben. Ich muss sagen, so edel bin ich leider nicht. Oder habe ich damals gedacht, als mein Velo in Zürich vor der Haustür gestohlen wurde: Oh, zum Glück mir und nicht meinem Nachbarn?
Nope!!!
Ok, nach drei Tagen Carnaval sind wir schliesslich ziemlich müde. Ich mag keinen Frevo mehr hören, ich mag keinen besoffenen, 20-jährigen Brasilianern mehr erklären, dass sie mich NICHT einfach so küssen dürfen und dass ich sie verarscht hatte, als ich behauptete, ich käme aus São Paulo (ok, sie waren zwar auch immer schon von Anfang an misstrauisch: "Mas você tem muito cara de gringa!", aber ich wollte nicht dauernd als Deutsche oder Amerikanerin abgestempelt werden) und ich und mag meine Blumen und Federn nicht mehr sehen. Ich und die Brasilianerin beschliessen also, die Flucht anzutreten, koste es, was es wolle.
Wir steigen in einen Bus nach Porto de Galinhas, einem kleinen Ferienort rund eine Stunde von Recife entfernt (mit Stau sind es dann fast drei Stunden). Dort gibt es einen sehr malerischen Strand, wir wollen einfach mal etwas machen, was nichts mit Fasnacht zu tun hat.
Wir und Hunderte andere auch. Porto de Galinhas ist übervoll, der Strand drum nicht mehr so schön, und tatsächlich ziehen auch dort noch ein paar Blocos vorbei. Aber wir liegen trotzdem zufrieden mit unserer coco in der Sonne, denn wenigstens müssen wir mal niemandem auf den Füssen rumtrampeln und können endlich wieder etwas anderes essen als frittierte coxinhas an irgendeinem Stand...
Als die Folia schliesslich vorbei ist (Gott, die Woche war echt lang!), sind irgendwie alle ein bisschen erleichtert. Mann kann halt doch auch nicht immer nur feiern, sogar das wird irgendwann langweilig (also, allen ausser Sharky).
Recifes antikes Zentrum scheint jetzt wie ausgestorben. Kein Mensch ist auf der Strasse, ausser einige Putzequipen, die die letzten Spuren des Karnevals beseitigen. Nichts deutet mehr auf das Gedränge hin der letzten Tage, oder auf die Blocos und die unzähligen Stände mit Skol-Bier (wohl der Sponsor des Recife-Karnevals). Im Weltenbummler-Haus sind die meisten schon wieder ausgezogen, auch Sharky. Es ist richtig einsam geworden hier und irgendwie herrscht Katerstimmung, die aufs Gemüt drückt. Also auch Zeit für mich, weiterzureisen. Jetzt ist es ja wieder einfach, sich zu verschieben.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen